Interview

Zwischen Witz und Größenwahn: Bausünden sind keine Grenzen gesetzt

In deutschen Eigenheimsiedlungen treiben Fantasie und Sehnsucht seltsame Blüten. Die Architekturhistorikerin Turit Fröbe hat genau hingesehen und außerdem einen Blick auf die neue FC Bayern World in der Münchner Innenstadt geworfen.
| Christa Sigg
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Fototapete oder echt? Die FC Bayern World ist tatsächlich mit Sgraffito überzogen. Aber passt das zur Inszenierung des Rekordmeisters?
Fototapete oder echt? Die FC Bayern World ist tatsächlich mit Sgraffito überzogen. Aber passt das zur Inszenierung des Rekordmeisters? © Christa Sigg

München - Worüber andere die Nase rümpfen, das zieht sie magisch an: Turit Fröbe steht auf Bausünden. Seit 20 Jahren zieht die Architekturhistorikerin durch die Lande und weiß mittlerweile, wie Bauherren ticken. In ihrem neuen Buch hat sie sich die "Eigenwilligen Eigenheime" der Deutschen vorgenommen. Mit der AZ sprach Turit Fröbe über Toskana-Villen und Steingärten, Pseudo-Historismus - und die neue "FC Bayern World" hinterm Marienplatz.

AZ: Frau Fröbe, Sie unterscheiden zwischen guten und schlechten Bausünden. Sind die Übergänge nicht fließend?
TURIT FRÖBE: Überhaupt nicht! Die guten Bausünden finden die Leute hässlich, da kommt sofort eine Reaktion auf: Wie konnte das passieren?! Das sind aber oft Dinge, die eine gewisse Originalität haben, die von Fantasie zeugen. Die schlechten Bausünden sehen Sie nicht. Die sind so banal und so langweilig, dass das Auge abrutscht.

Haben Sie Beispiele?
Das sind die einfallslosen Investorenarchitekturen an unseren Einfallstraßen. Auch diese ganzen Fertighäuser mit kleinen oder gar keinen Fenstern gehören dazu. Sie sind austauschbar, das ist das Entscheidende. Gute Bausünden sind dagegen absolut originell, es gibt sie nur einmal. Und besonders in der Innenstadt verraten sie auch viel über die Stadt selbst, mit der sie untrennbar verbunden sind.

Dann lassen Sie uns über die neue "FC Bayern World" sprechen. Dieser "Meilenstein der Vereinsgeschichte", wie Karl-Heinz Rummenigge sagt, steht zwischen der echt spätgotischen Frauenkirche und dem neogotischen Rathaus, und die Fassade bezieht sich auf den Zustand des Vorvorgängerbaus von 1873.
Das ist Fassadenarchitektur hoch drei: Man nimmt den Historismus, der schon damals Schachteln verkleidet hat, und steigert das noch einmal. Das ist mindestens ein Historismus-Historismus und erstaunlich fantasielos.

Die neue Fassade reflektiert eine historische Zeichnung vom einstigen Stuckvokabular und ist in sehr aufwendiger Sgraffito-Technik ausgeführt.
Man sieht das aber auf den Fotos nicht.

Das Sgraffito ist kaum erkennbar

Auch direkt vor dem Bau nimmt man das Sgraffito nur wahr, wenn man's weiß.
Für mich schaut das total billig aus und fällt in die Kategorie Architektur, die nur aufs Vorbeigehen und aufs ausdrückliche Nicht-Hinschauen konzipiert ist.

Der ArchitektAndreas Hild ist bekannt für seinen stilsicheren Umgang mit dem Ornament. Aber hier muss man an ein preisgünstiges Sweatshirt denken, auf das ein Norweger-Muster gedruckt ist.
So geht es mir auch. Die Wertigkeit dieser mehrschichtigen Putztechnik kommt nicht heraus. Aber warum in diesem Zusammenhang? Das passt ja auch nicht zu den riesigen Einglasfenstern im unteren Bereich. Das ist doch alles nicht stimmig.

Oberster Denkmalpfleger warnte vor Baubeginn

Bayerns oberster Denkmalpfleger Mathias Pfeil gab vor Baubeginn zu bedenken: "Man muss aufpassen, dass eine Interpretation nicht zum Fake wird".
Genau das ist aber passiert. Das geht für mich in Richtung Potemkinsches Dorf als reine Kulissenarchitektur.

Apropos Dorf. Dort sieht man inzwischen häufig Toskana-Villen, und Sie plädieren ja erst einmal für Verständnis. Auch in diesem Fall?
Humor hilft immer. Man sollte überhaupt Bausünden mit mehr Gelassenheit begegnen. Sie sind ja im Privaten meistens liebevoll gemacht, also darf man für Bauherren durchaus Verständnis haben. Und in unserer Gesellschaft ist die baukulturelle Bildung nicht sonderlich ausgeprägt.

Exotische Eigenheime in München

Wie meinen Sie das?
Es geht weniger um das historische Wissen als um den Umgang mit unserer aktuellen Architektur. Vielen, die zur Toskana-Villa oder ähnlichem greifen, ist in der Regel gar nicht klar, was sie sich da hinstellen. Mein Verständnis ist aber sehr begrenzt, wenn es um die Bauindustrie geht, die solche Lösungen von der Stange bietet. Die Häuslebauer verlassen sich doch darauf, dass das Angebotene in Ordnung ist. Und irgendwann wird eine Mode daraus.

Was erzählen diese "exotischen" Eigenheime?
Sie zeigen oft, wo sie lieber stünden. Bei den Toskana-Villen ist das sehr eindeutig, dann gibt es diese blockhüttenhaften Schwedenhäuser oder Mississippi-Häuser wie aus "Vom Winde verweht". In piefigen Wohngebieten kann man damit auch seine Weltläufigkeit ausdrücken. Außerdem zeigen die Häuser häufig, was sie eigentlich gerne wären: ein Fachwerkhaus, eine Ritterburg, eine Villa. All diese Bauten senden Nachrichten in den Außenraum, deshalb darf man sie ruhig als Street-Art begreifen.

Sind Bausünden den finanziellen Möglichkeiten geschuldet?

Viele Bausünden sind auch den finanziellen Möglichkeiten geschuldet.
Natürlich ist es immer einfacher, wenn Geld keine Rolle spielt. Aber diese Bausünden sind in allen Segmenten zu finden. Und wenn die Mittel für die großen Lösungen der Bauindustrie fehlen, geht man in den Baumarkt. Abgesehen davon kann man wirklich jedes qualitativ hochwertige Gebäude in eine Bausünde verwandeln. Anbau, Umbau, Überformung, Dekoration - die Baumärkte bieten unendlich viele komische Dinge.

Komisch ist gut. Man staunt ja wirklich, was man alles auffrisieren kann.
Jedes Vordach, jeden Briefkasten, jede Treppenstufe, jeden Türgriff. Allein dieser Gestaltungswille ist faszinierend. Ich beobachte das jetzt seit 20 Jahren und dachte immer, dass das Thema für mich irgendwann durch ist. Aber nein, die Leute lassen sich ständig etwas Neues einfallen, es bleibt weiterhin spannend.

Der aktuelle Trend geht Richtung Garten

Was ist denn gerade angesagt?
Früher hat man eher die Fassade umgestaltet, inzwischen verlagert sich das immer häufiger auf den Garten. Will man ihn nicht zeigen, kann das genauso der Zaun, die Mauer oder die vorgesetzte Garage übernehmen. Der Trend geht auch weg vom Grün.

Ist das Umweltbewusstsein denn nicht stärker geworden?
Sollte man meinen. Stattdessen nehmen die reinen Schottergärten zu. Oder Gabionen, diese mit Steinen gefüllten Drahtkörbe. Relativ häufig sieht man allerdings chilenische Araukarien oder zugeschnittene Buchsbäume. Und da Letztere sehr anspruchsvoll in der Pflege sind, gibt es sie längst aus Plastik. Ich komme immer wieder in sterile versteinerte Siedlungen, in denen kein Insekt überleben kann, weil kein echter grüner Halm mehr steht. Die zweite Mode, die ich wirklich fürchterlich finde, sind Fototapetenzäunen mit vorgetäuschten Hecken, Mauern oder sogar Gabionen.

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Im Saarland gibt es besonders viele Bausünden

Gibt es Ecken in Deutschland, die besonders bausündengefährdet sind?
Spitzenreiter ist das Saarland, dort ist das Bastel- und Heimwerkertum bestens verankert. Genau das hatte ich in Baden-Württemberg erwartet. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt vereinzelte Bausünden, aber die bleiben allein. Normalerweise schaukeln sich die Nachbarn gegenseitig hoch, jeder packt noch mehr vors Haus. Hier tanzt man dagegen nicht gerne aus der Reihe.

Und sonst?
Nordrhein-Westfalen hat ein paar ganz stark bausündenträchtige Regionen, genauso ist Berlin bausündenaffin. Ich war aber auch überrascht, dass es im zurückhaltenden Norddeutschland doch einige überzeugende Bausünden gibt. Steingärten zum Beispiel.

Auch Bayern kann greislich bauen

Wie sieht es in Bayern aus?
Bislang bin ich bei meinen Streifzügen in Bayern nie enttäuscht worden und habe schon jede Menge überraschende und originelle Bausünden gefunden. Das eine oder andere Motiv hat es auch in das neue Buch geschafft. Grünwald ist stark vertreten, aber es sind auch Fundstücke aus Ingolstadt oder Bad Füssing dabei.

Das Problem liegt doch auch in der Einheitssoße, die über weite Bereiche der Baugestaltung gekippt wird. Fehlt uns der Mut?
Beim Eigenheim eher nicht, da schlägt schon auch die Fantasie durch. Aber ganz allgemein fehlt unserer Baukultur der Mut. Ich vermisse ein klares Bekenntnis zur modernen Architektur, und damit ist eine Fortentwicklung gemeint. Die allgegenwärtigen Rekonstruktionstendenzen und der Pseudo-Historismus sind hochproblematisch. Diese Architektur ist nicht mehr aufs Hinsehen ausgerichtet. Das ist der neueste Trend und ich meine, der fürchterlichste von allen. Denn das Hinsehen ist der Schlüssel zur Architektur. Das Schlimmste, was man ihr antun kann, ist das aus dem Augenwinkel Betrachten - dann erscheint alles hässlich. Wenn man aber hinsieht, beginnen die Bauwerke in der Regel sich zu erschließen und zu sprechen.

Wohnungen aus der Gründerzeit passen gut zu heutigen Vorstellungen

Auch die echte Gründerzeitarchitektur kommt heute wieder gut an.
Klar, inzwischen sind die Wohnungen flächendeckend saniert. Die flexiblen Grundrisse passen hervorragend zu unseren Wohnwünschen. Aber ursprünglich wurden sie jahrzehntelang als Bausünden, als reine Fassadenarchitektur wahrgenommen. Die gesamte Architektur der Moderne ist eine einzige Reaktion auf diesen Historismus. So gesehen ist das wirklich der Treppenwitz der Geschichte, dass jetzt in Reaktion auf die Moderne diese Pseudo-Gründerzeit-Investorenarchitektur aufploppt.

Kennen Sie die Architekten solcher Bausünden?
Nein, an der Universität wissen die Studierenden spätestens nach der Aufnahmeprüfung, dass zum Beispiel das Thema Satteldach tabu ist. Zwischen Architekten und Bauherren liegen Welten, und es gibt ein großes Missverständnis. Da müsste man drangehen. Am schönsten sieht man die Missverständnisse übrigens an den umgestalteten Bungalows. Viele Eigentümer leiden so sehr unter dem fehlenden Dach, dass sie alles tun, um wenigstens beim Blick aus dem Fenster das Gefühl zu haben, in einem ganz normalen Haus zu wohnen. Da bekommen die Fenster Butzen, Säulen werden davorgesetzt und irgendwo noch Dachziegel untergebracht. Das fehlende Dach scheint tatsächlich ein Trauma zu sein.

Eigentlich müssten Sie in einer Bausünde wohnen.
Gründerzeit. Also eine Bausünde der alten Schule. Aber das Wohnen ist kein Problem, schlimm ist es, auf eine Bausünde zu schauen. 

Turit Fröbe: "Eigenwillige Eigenheime. Die Bausünden der anderen" (DuMont, 160 Seiten, 160 Abbildungen, 20 Euro)

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