Wohnungsmarkt in München: Luxusgut Kinderzimmer

Seit zwei Jahren ist Familie B. auf Wohnungssuche. Ein Fall, der zeigt, wie ganz normale Familien in München am Mietmarkt verzweifeln
| Myriam Siegert
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Stefan B., seine Frau Tabitha und ihre Kinder haben einen Garten. aber nicht genug Platz in der Wohnung.
Stefan B., seine Frau Tabitha und ihre Kinder haben einen Garten. aber nicht genug Platz in der Wohnung. © Daniel von Loeper

Ramersdorf - "Ich habe fast die Hoffnung verloren", sagt Stefan B. Worauf der Familienvater hofft, ist eine Wohnung, eine bezahlbare. "Wir haben eigentlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft, es ist nichts zu finden - seit zwei Jahren", sagt B.

Stefan B. und seine Frau Tabitha haben zwei Söhne, Luca und Elias sind zwölf und eineinhalb Jahre alt. Der große Altersunterschied der Buben ist auch der Grund für die Wohnungssuche, sagt der Vater. "Wenn Luca in die Pubertät kommt und sich auch mal zurückziehen möchte, wird das immer schwieriger, wenn der Kleine da mit im Zimmer wohnt."

Drei Zimmer, Küche, Bad für vier Personen

Seit neun Jahren wohnt die Familie in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Ramersdorf, sogar mit Garten. "Wenn wir ein großes Kinderzimmer hätten, könnte man eine Wand einziehen", sagt B. "Leider geht das nicht." Also: suchen in der Hoffnung auf ein zweites Kinderzimmer.

Wie man das halt so macht, haben die B's. ihr Anliegen bei Familie und Freunden gestreut, im Sportverein und bei Kollegen. Sie haben Inserate in der Zeitung geschaltet und es über Ebay-Kleinanzeigen und natürlich die gängigen Onlineportale versucht. Doch bislang war nichts Passendes dabei. Nicht einmal ein Besichtigungstermin habe sich ergeben, sagt Stefan B. Auch bei Genossenschaften habe er angefragt, doch auch da hieß es, gerade Vier-Zimmer-Wohnungen gebe es viel zu wenige.

Nach zwei Jahren Suche sagt B.: "Mein Eindruck ist, dass große Wohnungen schwieriger zu finden sind. Die werden nicht so oft frei." Dies sei ja sogar nachvollziehbar: Wer in einer großen Wohnung wohnt, und sich sogar verkleinern würde, dann aber für die kleinere Wohnung das Doppelte zahlen müsste, bleibt eben in der Großen, meint er. Oft sehe man schon in den Inseraten, dass Familien nicht erwünscht sind, Paare oder Singles bevorzugt werden, sagt Stefan B.

Werden Paare und Singles bevorzugt?

Dabei stehen die B's nicht schlecht da. Stefan B. ist Verwaltungsangestellter, Tabitha B. ist pneumologische Assistentin. "Wenn ich schaue", sagt Stefan B., "Vier-Zimmer-Wohnungen gehen meist bei 1.900 Euro Miete los. Unser Budget liegt bei 1.600 Euro warm. Das ist total schwierig zu finden." Er habe auch schon Vermietern angeboten, Renovierungen selbst zu übernehmen, gegen eine geringere Miete, doch ohne Erfolg.

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Renovierungen selbst machen für Mietminderung?

Bei ihrer Suche ist die Familie an den Münchner Osten gebunden. Ihr großer Sohn geht in Altperlach in die Schule, Stefan B. selbst ist am Pfanzeltplatz aufgewachsen. "Ich bin da verwurzelt", sagt er. Wichtiger ist, dass Stefan B.s Mutter und Oma nur zehn Minuten von der Schule entfernt wohnen und helfen können. Der Suchradius ist freilich weit größer. Ramersdorf, Trudering, Perlach, auch Umlandgemeinden wie Putzbrunn seien denkbar, so Stefan B.

Aktueller Vermieter der Familie ist die städtische GWG, doch auch die hat keine Wohnung für die B.'s übrig. Dass es mit der Wohnungssuche auch über die Stadt nicht klappt, findet B. ernüchternd. Die geförderten städtischen Wohnungen von Gewofag und GWG werden gebündelt über das Sowon-Portal vergeben. Je nach Dringlichkeit bekommen die Suchenden Punkte. "Auch wir haben eine gewisse Punktzahl, sagt Stefan B., "aber teilweise sind es 400 Bewerbungen auf eine Wohnung."

Teils 400 Bewerbungen pro Wohnung

"Aktuell besitzen über 14.000 Münchnerinnen und Münchner einen Wohnungsberechtigungsschein, erfüllen also die Voraussetzungen für eine geförderte Wohnung", sagt Verena Dietl (SPD), als 3. Bürgermeisterin fürs Soziale zuständig. Darunter so Dietl, seien 3.800 mit Anspruch auf eine Vier-Zimmer-Wohnung oder größer. "Solche Wohnungen werden nur selten frei", bestätigt Dietl. "In Krisensituationen wie Corona noch weniger als sonst - heuer rund 100."

Fälle wie Familie B. "machen mich sehr betroffen", sagt Dietl. Grün-Rot im Rathaus habe sich fest vorgenommen, noch mehr zu bauen. Doch Dietl bleibt realistisch: "Selbst wenn das gelingt, wird es für Entspannung am Mietwohnungsmarkt nicht reichen."


Sowon, München Modell & Co.: Lange Warteliste und mehr Nachfrage als Angebot

Wer sich in München die Mietpreise auf dem freien Markt nicht leisten kann, kann bei der Stadt einen Wohnberechtigungsschein beantragen. Dafür gelten beispielsweise verschiedenen Einkommensgrenzen.

Mit ihm kann man sich auf geförderte Wohnungen bewerben. Problem: Es gibt zu wenige Sozialwohnungen. Beim Warten auf den Schein vergehen mindestens sechs Monate. Laut der Stadt hat München einen Bestand von zirka 87.000 Wohnungen städtischer und privater Wohnungsbaugesellschaften, die über das Amt für Wohnen und Migration vergeben werden, darunter circa 45.000 Sozialwohnungen. Von diesen werden jährlich ungefähr 3.200 Wohnungen neu vergeben. Demgegenüber stehen pro Jahr rund 30.000 Anträge von Wohnungssuchenden. Bei der Bearbeitung des Antrags wird nach Kriterien die Dringlichkeit eingeschätzt und in Punkten gemessen. Je mehr Punkte, desto dringlicher.

Vergeben werden die geförderten Wohnungen über das Portal Sowon (Soziales Wohnen Online). Wer einen Wohnberechtigungsschein hat, kann die Inserate einsehen und sich bewerben. Zusätzlich gibt es das München Modell für Haushalte mit mittlerem Einkommen und Familien mit Kindern. Auch hier gelten Einkommensgrenzen innerhalb derer beim Sozialreferat ein München-Modell Bescheid beantragt werden kann. Der ist Voraussetzung für die Bewerbung auf München-Modell-Wohnungen, die auf dem freien Markt, etwa über die gängigen Internetportale, vergeben werden.

Die Nachfrage ist weit größer als das Angebot. Über die Auswahl des Mieters entscheidet der Vermieter, der ist in diesen Fällen nicht immer eine städtische Gesellschaft. Weitere Infos dazu gibt's hier.

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