Münchner Familie lebt in Schimmelwohnung: "Wir werden im Stich gelassen"

Teresa und Khaled Felah sind verzweifelt: Ihre Wohnung in München ist von Schimmel befallen. "Falsches Lüften", sagt die Hausverwaltung - Baumängel attestiert dagegen ein Gutachten dem Bau der kirchlichen Bischof Arbeo Stiftung.
| Conie Morarescu
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Leben gerne in ihrer Wohnung, wenn da bloß nicht dieser Schimmel wäre: Teresa und Khaled Felah mit Ilyas (3) und dem kleinen Joshua auf der Couch.
Leben gerne in ihrer Wohnung, wenn da bloß nicht dieser Schimmel wäre: Teresa und Khaled Felah mit Ilyas (3) und dem kleinen Joshua auf der Couch. © Daniel von Loeper

München - Teresa Felah stillt ihr Baby. Ihr rotblondes Haar hat sie locker zum Zopf gebunden, die Wangen leuchten rosig. Eine wundervolle Zeit sei es gerade mit dem Kind. Doch ungetrübte Glücksgefühle? "Wir würden dieses Geschenk so gerne genießen, aber es geht nicht", bedauert die 34-Jährige. Sie sorgt sich um die Gesundheit ihrer beiden Kinder.

Anfang des Jahres haben Teresa und Khaled Felah beim Neujahrsputz festgestellt, dass ihre Wohnung von Schimmel befallen ist, besonders stark in der Küche hinter dem Kühlschrank und hinter den Schränken. Ein 60 Zentimeter hoher, drei Meter breiter Streifen aus grünen und schwarzen Schimmelsporen zieht sich die Wand entlang. Auch an den Fenstern wächst der Schimmel. Und im Schlafzimmer entdeckten sie einen weiteren großen Schimmelherd. Sie meldeten es der Hausverwaltung.

Schimmel überall: grün-gelbe Sporen unter den Küchenmöbeln.
Schimmel überall: grün-gelbe Sporen unter den Küchenmöbeln. © Überall Schimmel - wie etwa hier unter die Küchenzeile.

Zwei Monate sind seitdem vergangen. Die Felahs wissen nicht, wie gesundheitsgefährdend dieser Schimmel ist. Sie wissen nicht, welche Maßnahmen der Vermieter ergreift und wie es mit ihnen weitergehen soll. Die Ungewissheit setzt ihnen zu. Deshalb haben sie sich entschieden, einen Gutachter zu beauftragen. Dafür mussten sie sich eigens Geld von der Familie leihen.

Teresa Felah ist in Mutterschutz, sie arbeitet bei der Flüchtlingshilfe. Ihr Mann ist Kinderpfleger und macht gerade eine Online-Fortbildung. Beide sind in sozialen Berufen mit entsprechend geringem Verdienst. Glücklicherweise haben sie eine Rechtsschutzversicherung, denn mit dem Vermieter kommunizieren sie nur mehr über ihren Anwalt.

Familie muss sich Geld für den Gutachter leihen

Die Gegenseite ist die Bischof Arbeo Stiftung, Eigentümerin des großen Gebäudekomplexes an der Cosimastraße. Eine kirchliche Stiftung des Münchner Erzbistums. Das Gesamtvermögen aller Institutionen und Stiftungen des Erzbistums wird auf über sechs Milliarden Euro beziffert, es handelt sich um das zweitreichste Bistum Deutschlands.

Nachdem Teresa Felah den Schimmelvorfall schriftlich gemeldet hatte, passierte erst einmal nichts - die Verwaltung hatte gerade gewechselt. Die neue Hausverwaltung, Baugrund Immobilien Management GmbH mit Hauptsitz in Bonn, war schwer zu greifen. "Ich musste oft bei der Hotline anrufen und schriftlich mit dem Anwalt drohen, bis sich eine Mitarbeiterin aus München gemeldet hat."

Zuerst kam ein Maler, dann eine Schimmelbeseitigungsfirma. In beiden Fällen die Auskunft: Der Schimmel sei nur durch eine grundlegende Maßnahme zu beseitigen, dazu müsse die Familie ausziehen.

Auch diese Wand ist vom Schimmel überwuchert.
Auch diese Wand ist vom Schimmel überwuchert. © privat

Die Felahs könnten in eine Ersatzwohnung - aber ohne Küche

Dann passierte wieder zwei Wochen lang nichts. Die Felahs beauftragten einen Anwalt. Schließlich schlug ihnen die Mitarbeiterin der Hausverwaltung vor, in eine baugleiche Wohnung im Nebengebäude umzuziehen, mit drei Zimmern, 80 Quadratmeter groß.

Teresa Felah wirkt müde. "Vorübergehend, nur während der Arbeiten, ziehen wir natürlich aus. Das haben wir auch der Frau von der Hausverwaltung gesagt. Doch in der anderen Wohnung gibt es nicht einmal eine Küche. Wie soll das gehen?"

Für die Felahs ist ihre Wohnung mehr als ein Zuhause. Sie verbinden mit ihr die einzige Erinnerung an ihre verstorbene Tochter. Acht Stunden wurde Juna alt. Sie litt unter Trisomie 18, einer genetischen Erkrankung. In dieser Wohnung haben sich Khaled und Teresa Felah von ihrem Baby verabschiedet. "Das war wichtige Trauerarbeit", erinnert sich die Mutter,"auch für unseren Sohn."

Farbenfrohe Wände, bunte Deko, viele Erinnerungen 

Der dreijährige Ilyas tollt in der Wohnung herum. Die Wände sind farbenfroh angestrichen. Ein türkises Regalkonstrukt zieht sich über die Wohnzimmerwand. Das Ehepaar hat es aus vielen Einzelteilen selbst zusammengebaut und lackiert.

In den Regalen Bücher, bunte Deko, Spielsachen. Eine liebevolle Sammlung von Erinnerungen. Der Blick bleibt immer wieder an Fotos von einem Säugling hängen: die kleine Juna mit Beatmungsschlauch in der Nase. Der Schicksalsschlag ist keine zwei Jahre her.

Einen Monat nach der Schimmelmeldung kam ein Anruf von der Hausverwaltung. Ein vereidigter Gutachter komme vorbei. Er sollte offenbar herausfinden, wer die Verantwortung für den Schimmelbefall trägt. Die Felahs wurden skeptisch.

Sie suchten sich ihren eigenen Gutachter. Und fanden: Stefan Rother, einen unabhängigen Bausachverständigen. Er stand mit dem Ehepaar eng in Kontakt, bereits bevor der Gutachter der Hausverwaltung vorbei kam. Nach dem Termin erzählten die Felahs Stefan Rother, wie der Hausverwaltungs-Gutachter vorgegangen war.

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Fragwürdiges Gutachten: Mieter verantwortlich für Schimmelbildung?

"Was mir berichtet wurde, gibt starken Anlass zu der Vermutung, dass der Gutachter fahrlässig gehandelt hat", sagt Stefan Rother. Wichtige Untersuchungen habe er laut Rother nicht vorgenommen. Zum Beispiel habe er im Badezimmer keine Feuchtigkeitsmessungen durchgeführt, um herauszufinden, ob ein versteckter Wasserschaden vorliegt. Auch habe er die Fenster nicht auf ihre Dichtheit überprüft.

Wenige Tage später erstellte Stefan Rother sein Gutachten. Die Ergebnisse der beiden Gutachter könnten gegensätzlicher nicht sein. Christoph Kappes, Sprecher des Erzbistums, sagte der AZ, dass laut Gutachten, das die Hausverwaltung beauftragt hat, das Verhalten der Mieter verantwortlich für die Schimmelbildung sei: "Als maßgebende Ursache sind zum einen zu dicht an der Außenwand stehende Möbel, zum anderen erhebliche Tauwasserniederschläge an allen Fensterscheiben genannt, die auf nicht ausreichende Lüftungsmaßnahmen hinweisen.

"Die Ursache liegt in der Bausubstanz", sagt der Gutachter

Ein Befund, dem sich Stefan Rother nicht anschließen möchte: "Für mich weist nichts darauf hin, dass nicht ausreichend gelüftet wurde. Die Luftfeuchtigkeit in den Räumen ist im normalen Bereich." Das Ergebnis seines Gutachtens lautet: Die Ursache der Schimmelbildung liegt in der Bausubstanz.

Die fehlende Dämmung der Außenwände in Kombination mit undichten Fenstern und sehr niedrigen Temperaturen in diesem Winter sei Auslöser für feuchte Stellen. Dort wächst der Schimmel. "Schränke, die nah an der Wand stehen, können alleine nicht die Ursache für eine solche Schimmelbildung sein."

Khaled Felah erinnert sich an den Termin mit dem Gutachter der Hausverwaltung: "Ich habe ihn mehrfach darauf hingewiesen, dass die Fenster nicht dicht sind." Seine Stimme bebt leicht. Der Gutachter habe zu ihm gesagt, die Fenster seien zwar alt, aber gut. Er habe von Anfang an das Problem heruntergespielt, so der 32-Jährige: "Als der Gutachter die Räume betrat, meinte er gleich, es sei ja gar nicht so schlimm."

Das Mietshaus, in dem die Familie wohnt, in der Cosimastraße.
Das Mietshaus, in dem die Familie wohnt, in der Cosimastraße. © Daniel von Loeper

In dem Haus haben auch Nachbarn Probleme mit Schimmel

Familie Felah ist nicht alleine mit dem Schimmelproblem. Ein Nachbar schildert ähnliche Probleme. Seit etwa zehn Jahren habe er mit Schimmel zu kämpfen. Einmal sei ein Handwerker gekommen und habe die Fugen im Bad erneuert. "Der Schimmel ist wieder zurückgekehrt. Wir waren einfach zu gutmütig und haben nicht genug Druck gemacht", sagt der Nachbar.

Darauf angesprochen äußert sich der Sprecher des Erzbistums so: "Es gab in den letzten drei Jahren nur vereinzelte Meldungen von Schimmelbefall durch Mieter. Die einzelnen Fälle ergaben keinen Hinweis auf eine bauliche Ursache am Gesamtgebäude oder ein sonstiges einheitliches Muster."

Khaled Felah ist enttäuscht: "Eine kirchliche Institution, die über so viel Geld verfügt, lässt uns im Stich." Seine Frau und er seien beide sehr religiös. Der Glaube habe ihnen bei der Trauer um ihr verstorbenes Baby geholfen.

"Ich möchte jetzt einfach in eine Pension ziehen, bis der Schimmel beseitigt ist, und dann in unser Zuhause zurückkehren", wünscht sich Teresa Felah. Und mit besorgter Miene betrachtet sie liebevoll ihr kleines Baby, das sie fest im Arm hält.

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