Wirt Georg "Schorschl" Lang: Der Festhallen-Erfinder

Die neue AZ-Serie widmet sich bekannten, prominenten und sehr findigen Gastronomen, die das Leben in der Stadt geprägt haben. Wirte-Legende Georg "Schorschl" Lang gilt als der Festhallen-Erfinder in München.
| Karl Stankiewitz
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Ein echtes Münchner Wirte-Original: der Nürnberger Georg "Schorschl" Lang.
Ein echtes Münchner Wirte-Original: der Nürnberger Georg "Schorschl" Lang. © Stadtarchiv

München - Kaum eine andere Berufsgruppe steht zur Zeit derart im Fokus wie die der Wirte. Nicht zuletzt sie, die manche für Großgeschäftemacher halten, sind durch die ständig wechselnden Corona-Beschränkungen in bisher ungekannter Art herausgefordert.

Die "Wirtshaus-Wiesn" ist nur einer der - manchmal verzweifelten - Versuche, einer existenziellen Krise zu begegnen und den Münchnern wenigstens einen Hauch von oktoberfestlicher Gastlichkeit zu bieten. Dem gegenwärtigen Unbill zum Trotz. Wie war das früher? Diese Stadt hat eine Tradition tüchtiger, origineller und prominenter Gastwirte.

Prominente Gäste im "Schwarzen Adler"

Erster in der langen Reihe war vielleicht der "Weingastgeber" Franz Joseph Albert, der am Ende des 18. Jahrhunderts Goethe, Mozart und ähnlich hohe Gäste in seinem "Schwarzen Adler" in der Kaufingerstraße 23 mit Speis und Trank bewirtete und musikalisch unterhielt. Wirte wie Albert gehörten zur gesellschaftlichen Elite der Stadt. Ganz anders dann die Gasthäuser fürs einfache Bürgertum.

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In seinem Standardwerk "Zu Gast im alten München" schreibt Richard Bauer, der langjährige Leiter des Münchner Stadtarchivs: "Hart und mühsam war das Dasein der Bierwirte, die sich oft genug in völliger Abhängigkeit von den liefernden Brauereien befanden, während ihnen die Obrigkeit mit feindlichem Misstrauen begegnete." Doch das Gewerbe blühte. 1792 war die Zahl der "Bierzäpfler" bereits auf 180 angewachsen. Mit dem Oktoberfest und liberalen Gewerbeordnungen machten im Verlauf des 19. Jahrhunderts die "Bierbarone" von sich reden. Es waren kernige Unternehmer mit viel Witz und Wagemut und Spürsinn für gastronomische Entwicklungen. Nicht alle kamen aus München.

Karl Valentin, der ja von Lokal zu Lokal tingelte, hat die Porträts von einem guten Dutzend einst prominenter Wirte in seine "Sammlung Alt-Münchner Original-Photographien" aufgenommen. Sie gehören auch zu den 75 kolorierten Glasdiapositiven, die erst Anfang vorigen Jahres im Stadtarchiv wiedergefunden und restauriert wurden. Biografien dazu habe ich für mein im Allitera Verlag erschienenes Buch "Münchner Originale" recherchiert. Aus gegebenem Anlass also startet die AZ eine Serie über vier dieser Alt-Münchner Wirte und eine Wirtin.

Der Festhallen-Erfinder Georg "Schorschl" Lang

Als Nürnberger hat er auf der Wiesn und gastronomisch völlig neue Maßstäbe gesetzt.

Wirte-Legende Georg "Schorschl" Lang als Dirigent in seinem Wiesn-Zelt 1902 - mit Bergkulisse und Radl, das an der Decke hängt.
Wirte-Legende Georg "Schorschl" Lang als Dirigent in seinem Wiesn-Zelt 1902 - mit Bergkulisse und Radl, das an der Decke hängt. © Stadtarchiv

Er war ein Wirt, der früher als alle anderen etwas von Werbung verstand. In den Depots des Münchner Stadtmuseums und im Archiv der bayerischen Wirtschaft lagern Urkunden, Plakate, Einladungen, Medaillen, Ansichtskarten und sogar Bierkrüge mit dem Konterfei des schnurrbärtigen, dickbäuchigen Georg "Schorschl" Lang. Oder mit Abbildungen seiner stattlichen Unternehmen: nämlich dem ersten Großzelt auf der Theresienwiese und dem super-großen "Münchner Kindl-Keller" in Haidhausen. Und dazu Münchens Wappenfigur, das vom Maler Kaspar Braun verkindlichte Mönchlein.

Dieser Georg Lang - an den die Hauptfigur Curt Prank in der ARD-Serie "Oktoberfest 1900" angelehnt ist - war gar kein Münchner, sondern wurde 1866 in Nürnberg geboren. Als "Krokodilwirth" begann er seine Karriere als Großgastronom. In ganz Deutschland war er auf Volksfesten vertreten. 1897 richtete er in Nürnberg das Deutsche Bundesschießen aus. Und im Jahr darauf durfte er Einzug halten auf der Münchner Wiesn, als Festwirt für Augustiner. Eigentlich wollte die älteste Brauerei der Stadt ihr Bier wieder, wie bislang, in Buden ausschenken. Doch der Wirt aus Franken hatte eine andere

"Ein Prosit der Gemütlichkeit" wird geboren

Er ließ sich durch Strohmänner eine Fläche sichern, die für fünf Buden vorgesehen war, und darauf errichtete er erstmals eine Art Burg, die als "1. bayerische Riesenhalle" firmierte. Sie maß 50 mal 20 Meter, war mit Zeltplanen überspannt und bestens eingerichtet für einen gewinnträchtigen Massenbetrieb.

Auf die prächtige Fassade ließ Lang einen Trinkspruch pinseln, der noch heute in allen Festzelten als Wiesn-Hymne ertönt: "Ein Prosit der Gemütlichkeit." Geschrieben wurde sie nicht von einem Bayern, sondern vom Chemnitzer Kirchenliederkompositeur Bernhard Dietrich.

Münchens erste große Bierburg auf der Wiesn: das Augustiner-Zelt 1902.
Münchens erste große Bierburg auf der Wiesn: das Augustiner-Zelt 1902. © Stadtarchiv

Immer wieder musste die in Oberlandlertracht gekleidete Blaskapelle - noch eine rasch nachgeahmte Neuheit - dazu den Refrain "Oans, zwoa, gsuffa" anstimmen. Zum Mitsingen wurden Texthefte verteilt, die jeweilige Liednummer erschien auf einer Tafel am Musikpodium. Sogar Stöcke zum Mitschlagen wurden ausgegeben.

Geburtsstunde der Oktoberfestgemütlichkeit 

Auf dem Giebel ritt ein Münchner Kindl auf einem Krokodil. Die Oktoberfestgemütlichkeit war geboren. Und der "Lang-Schurl", wie man ihn nannte, war nunmehr prädestiniert für den "Münchner Kindl-Keller" an der Rosenheimer Straße, den Friedrich von Thiersch 1899 zum größten Saalbau der Stadt umgebaut hatte. Biergarten und Nebenräume eingeschlossen, konnte der geschäftstüchtige Franke hier stolze 11.500 Gäste gleichzeitig bewirten.

Auch hier ließ sich Lang einige Attraktionen einfallen. Die wichtigste war das elektrische Licht in sämtlichen Räumen. Zwei Regimentsmusikcorps spielten gleichzeitig auf. Am 19. Mai 1900 kämpften im "Münchner Kindl-Keller" zwei Männer um die Weltmeisterschaft im Heben von Gewichten mit dem Rücken sowie um 1.000 Mark Siegesprämie.

Der Münchner Kindl-Keller an der Rosenheimer Straße 1902.
Der Münchner Kindl-Keller an der Rosenheimer Straße 1902. © Stadtarchiv

Obwohl der Lettl Schorsch aus Pfarrkirchen "beinahe schmächtig" wirkte, wie eine Zeitung berichtete, und man das "Knacken des Knochengerüstes" hörte, gelang es ihm, 25 Zentner und 74 Pfund einen Zentimeter hochzuheben.

Aus dem Bierpalast wird ein Wiesn-Festzelt

Georg Lang betrieb Münchens größten Bierpalast bis 1902. Im folgenden Jahr ließ die Augustinerbrauerei von Architekt Albin Lincke auf der Wiesn ein neues, 2.000 Quadratmeter großes Festzelt errichten, an dessen Vorderfront der schon legendäre Name Georg Lang in großen Lettern prangte.

Seine Heimatstadt Nürnberg ließ wieder grüßen: mit üppigen Holzvorbauten, Trutzburggotik und vielen Erkern, mit aufgemaltem Quadermauerwerk und Fachwerkeinbauten, einem Wehrgang mit Fallgitter und einem hochragenden Turm.

Die mit Alpenpanorama dekorierte Bühne im Kindl-Keller um 1900.
Die mit Alpenpanorama dekorierte Bühne im Kindl-Keller um 1900. © Stadtarchiv

Die Zweckentfremdung des "Münchner Kindl-Kellers" für Kundgebungen politischer Größen - von Rosa Luxemburg bis Adolf Hitler - hat der Gastwirt Georg Lang nicht mehr erlebt. Er starb 1904 in seiner Wahlheimat München.

1923 wurde der Gaststättenbetrieb eingestellt, eine Nährmittelfabrik übernahm den Bau, dessen durchaus reparable Kriegsruine 1969 abgerissen wurde.

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