Wenig Rente im Alter: "Ein schöner Tag kostet nichts"

Einige ältere Münchner müssen mit sehr wenig Geld auskommen. Eine von Ihnen ist Helga Ring. In der AZ-Serie erzählt sie von allerhand Tricks – und wie sie mit ihrer schmalen Rente lebt.
| Linda Jessen
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Die Münchner Rentnerin Helga Ring (73) lebt mit 930 Euro Rente. Hier malt sie Weihnachtskarten in ihrer Küche.
Sigi Müller Die Münchner Rentnerin Helga Ring (73) lebt mit 930 Euro Rente. Hier malt sie Weihnachtskarten in ihrer Küche.

München - Der November hat den Münchnern noch einmal schöne Herbsttage geschenkt. Helga Ring sitzt an einem Tisch vor der Bäckerei ums Eck, blinzelt in die Sonne und trinkt Kaffee. Gerade ist die Tochter aus Hamburg zu Besuch, eine Freude für Helga Ring. "Wir sind ein gutes Team", sagt sie lächelnd.

Mutter und Tochter, so war es immer – nach der Scheidung von ihrem Mann vor 40 Jahren zog Helga Ring das Kind ganz alleine groß. Auch wenn der Vater damals Unterhalt zahlte, einfach war es nie. "Der Hauptteil ist an mir gehangen und viel verdient habe ich nicht", erzählt die 73-Jährige.

Ihr Beruf: Verkäuferin, das hatte sie gelernt nach dem Jahr "im Haushalt", das der Vater angeordnet hatte. Während der Ehe boxt sie durch, samstags arbeiten gehen zu dürfen. Nach der Scheidung auf sich allein gestellt, verkauft sie Schmuck bei Bleiholder und später, 13 Jahre lang, bei der Firma Sonntag in der Sendlinger Straße. Als die schließt, ist Helga Ring mit 55 Jahren noch zu jung für die Rente – doch wegen eines kaputten Sprunggelenks kann sie mit 57 Arbeitsunfähigkeitsrente beantragen. "Das war eine harte Zeit. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig", sagt sie.

Helga Ring gibt nicht auf, sie putzt nebenher

Doch Helga Ring gibt nicht so leicht auf, sie verkauft auf Flohmärkten, putzt, macht Komparsenjobs. "Mit dem Putzen habe ich das Geld verdient, das ich unter der Woche gebraucht habe, und wenn so eine Komparsenrolle kam, war das ein kleiner Luxus", erzählt sie.

"Wenn ich damals einen Kaffee trinken wollte, habe ich in der Neuhauser Straße nach den Marktforschern gesucht – da bekommt man dann auch mal zehn Euro. Man muss aufmerksam sein, dann findet man immer wieder kleine Tricks."

Heute geht Helga Ring nicht mehr in Cafés, Restaurants sind ohnehin viel zu teuer. Dafür ist sie jetzt beim Roten Kreuz, im Lehel, wo sie aufgewachsen ist. "Da spielt die Musi und ich treffe Leute zum Reden. Ein sehr schöner Nachmittag mit Kaffee und Kuchen kostet mich dann 3,50 Euro", berichtet sie. Dort findet auch reger Austausch statt, über Tipps und Tricks, wie man sparen kann. Statt einer teuren Salbe aus der Apotheke verwendet Helga Ring jetzt Melissengeist für ihr schmerzendes Bein.

Etwa 930 Euro Rente bekommt sie. "Ich bin meinem Ex-Mann bis heute dankbar, dass er mir damals die Genossenschaftswohnung überlassen hat. Ich kenne viele, die sich noch viel mehr einschränken müssen. Normalerweise kostet eine Wohnung in München ja so viel, wie meine Rente beträgt", erzählt sie. "Früher habe ich gedacht: Wenn’s nicht mehr geht, gehe ich aufs Land, aber heute könnte ich hier nicht mehr weg."

Schon früher hat sie Malern genau zugeschaut. Fenster und Wände streicht sie selbst, wenn die Wohnung es braucht und die Maler zu teuer sind für ihren Geldbeutel. Bis heute steht Helga Ring an vielen Samstagen früh auf, um auf dem Flohmarkt ein wenig Geld dazu zu verdienen.

"Urlaub ist natürlich nicht drin. Aber ich habe einen Behindertenausweis und kann zum Beispiel kostenlos mit dem Zug zum Tegernsee fahren und da sogar noch eine Schifferlfahrt machen – oder nur auf der Bank sitzen. Ein Butterbrot habe ich dabei und so kostet mich ein wunderschöner Tag gar nichts", erzählt sie.

Theater oder Museum? "Mir macht Freude, was nichts kostet"

Und die Aktivitäten in München? Theaterkarten oder der Eintritt in ein Museum? "Was mir am meisten Freude macht, kostet nichts oder wenig. Spazieren im Englischen Garten zum Beispiel", sagt sie, und erzählt vom Singen in der Kirche, vom Malen und davon, wie schön der Sonnenuntergang zuletzt war.

Die Wiesn, die Liebe auch – zum Drüberlaufen. Ein Hendl oder eine Apfelschorle kann sie sich dort nicht leisten. Es ist ein "großes Highlight" für sie gewesen, als Natalie Schmid, die Ehefrau von Bürgermeister Josef Schmid, sie mit ihrem Verein "Münchner für Münchner" dorthin eingeladen hat. "Wir durften auf der Wiesn essen und sind mit dem Riesenrad gefahren – da werden wir noch in Jahren davon reden", erzählt sie mit einem strahlenden Lächeln.

Von der Stadt würde sie sich wünschen, dass es noch mehr kostenlose Eintrittstickets gäbe für Ältere mit wenig Geld. "An den Rentnern, die sich das gar nicht leisten können, verdienen sie doch eh kein Geld, dann kann man sie doch auch so reinlassen", findet Helga Ring. Teilhabe möglich machen eben.

"Ich denke nicht darüber nach, was andere sich alles für Dinge leisten können, in meinem Alter ist das nicht mehr verführerisch. Ich habe nicht viel Geld, aber ich halte meine Augen offen. Und ich bin wirklich glücklich."


Lesen Sie hier Teil eins der AZ-Serie: So leben Senioren in München - Der Ausstieg aus dem Berufsleben

Lesen Sie hier Teil zwei der AZ-Seire: Auswandern in den Süden?

Lesen Sie hier Teil drei der AZ-Serie: Brigitte Hartl:

Lesen Sie hier Teil vier der AZ-Serie: Eine Zweier-WG: Pensionär und Student

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