Brigitte Hartl: "Katholisch und knackseriös"

Nur 52,67 Euro Rente, trotzdem ist sie gut situiert: Brigitte Hartl (79) lebt ihre Leidenschaft für extravagantes Styling und besondere Kleidung. Gleichaltrige nehmen ihr das schon mal krumm.
| Eva von Steinburg
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Brigitte Hartl sitzt cool in der eigenen Küche. Ihre Leidenschaft für Mode und Design fällt gleich auf.
Sigi Müller Brigitte Hartl sitzt cool in der eigenen Küche. Ihre Leidenschaft für Mode und Design fällt gleich auf.

München - Sie trägt Lederkappe, eine verrückte Sonnenbrille und Stulpen über den Handgelenken. Warum das so ist, erklärt Brigitte Hartl (79) ganz einfach: "Den Schönheitswahn habe ich von meiner Mutter geerbt und das große Herz von meiner Oma."

Die extravagant gekleidete Frau gilt in Gräfelfing als Gesamtkunstwerk. Man schaut ihr auf der Bahnhofstraße nach, wenn sie aus ihrem Z 3-Cabrio steigt: cool-androgyn, mal mit Leoparden-Strumpfhose, mal in Schuhen mit Plateausohle – fast wie eine Münchner Vivienne Westwood.

Ihr Motto: "Kirchen von außen, Berge von unten, Kneipen von innen"

Bald 80 und so auffallend – das polarisiert: "Von jungen Frauen bekomme ich oft Zuspruch. Aber manche kritisieren mich als Selbstdarstellerin. Gerade Gleichaltrige sehen mich manchmal falsch: als Paradiesvogel, der nichts Anderes hat."

Gegen komische Blicke setzt Hingucker Hartl – aufgewachsen im Bergischen Land – ihre ziemlich gute Laune. Prustend verrät sie ihr heimliches Lebensmotto seit Schulzeiten: "Kirchen von außen, Berge von unten und Kneipen von innen."

Die Lady wirkt vielleicht abgehoben, kühl oder elitär. In Wirklichkeit ist Brigitte Hartl bodenständig, volksnah und lustig: Sie redet viel – und gerne mit jedem. "Das sind bei mir die Gene." Nur hatte sie als Fremdsprachen-Korrespondentin in den 1950er-Jahren erstmal den falschen Beruf: "Kostümbildnerin wäre meine Nische gewesen. Aber die Eltern hielten das nicht für seriös."

"Ich spiele mit Mode. Ich ziehe gerne andere Leute an"

Sie hat sich stattdessen später verwirklicht: Im Anbau ihres Hauses im Ortsteil Lochham an der Grenze nach Aubing hat sie 30 Jahre lang ihre "AsamBoutique" mit Secondhand-Kleidern und Raritäten. "Ich liebe Flohmärkte. Ich spiele mit Mode. Ich ziehe gerne andere Leute an."

Auf Straßenfesten im Würmtal lief Brigitte Hartl auf der Kult-Modenschau der Geschäftsleute. Und mit Freundinnen organisiert sie nun zwei Mal im Jahr den weithin bekannten "Edel-Flohmarkt" in Gräfelfing – rund 1000 Euro gehen als Spende an die Nachbarschaftshilfe.

Hartls Mann Fritz (92) hat früher in der Pharmaindustrie gearbeitet. Mit ihm hat sie zwei Söhne, die heute in Berlin und Hannover als Anwälte arbeiten. Ihre Berliner Enkel Johnny (12) und Fynn (9) kamen kürzlich für eine ganze Woche zu Besuch.
Seit zwölf Jahren aber sieht Fritz Hartl nur noch wenig und kann allein nur noch schlecht laufen. Seither betreut ihn Brigitte Hartl. "Das ist irrsinnig anstrengend", sagt sie schlicht.

Was zuhause gelesen wird? Die Abendzeitung, natürlich. Brigitte Hartl hat die AZ seit ungefähr 30 Jahren abonniert. "Gefühlt habe ich sie von Geburt an", scherzt sie, "die AZ liest man. Für mich ist das die Münchner Zeitung zwischen traditionell und kultig."

Vor ein paar Tagen hat die AZ "Rente rauf – die Rente steigt um drei Prozent" getitelt. Brigitte Hartl allerdings wird das nicht spüren. Für ihre vier Bürojahre als Exportkauffrau bekommt sie 52,67 Euro Rente im Monat. Aber wie viele Münchner Rentnerinnen ist Brigitte Hartl durch ihren Ehemann abgesichert, der gut verdient hat. Die Familie gehört – finanziell gesehen – zur aktuellen "Generation Glück".

"Ich hatte Glück", sagt sie – belastet sei sie aber auch

Die eben erreichte Rentenerhöhung braucht das Ehepaar aus dem Würmtal nicht. Dennoch sagt sie: "Ich bin ein Freund von Reichensteuer und mehr Erbschaftssteuer. In meinem Freundeskreis kommt das natürlich nicht gut an."

Seit ihr Mann eine Pflegestufe hat, merkt die 79-Jährige immer mehr, wie abhängig vom Geld ein angenehmer Alltag ist – und denkt an die, die sich das nicht leisten können. Sie bezahlt inzwischen eine Pflegerin, eine Putzfrau und den Gärtner. "Ich habe mit Sicherheit Glück im Leben gehabt, aber ich bin auch stark belastet", resümiert Hartl.

Nischen, die ihr Freiheit geben, findet sie trotzdem. Etwa wenn die Produktionsfirma Constantin Film die Exzentrikerin mit dem akkuraten Herrenhaarschnitt mal wieder anruft – und ihr eine Komparsenrolle anbietet.

Sie spielt in Filmen mit – aber nicht alles. Eine traurige Witwe nicht

In der allerersten "Kir Royal"-Folge etwa läuft Brigitte Hartl im Frack an Mario Adorf vorbei, in der Drehpause quatschen sie. Für die Reality-TV-Serie "Richter Alexander Hold" spielt sie eine ausgeflippte Wahrsagerin. Im Wohnzimmer zeigt sie das Video.
Ihr jüngstes Rollen-Angebot ist: eine Witwe, die schwarz gekleidet im Rollstuhl sitzt und im Keller ermordet wird. Hartl seufzt leicht verstimmt: "Diese Rolle ist mir nun nicht auf den Leib geschneidert." Sie hat abgelehnt. Zu dunkel, die Story.

Sie sieht sich immerhin als Frohnatur. Dazu passen die Farben daheim: Der Kühlschrank ist rot, die Türen und Fensterrahmen sind es auch. Schwarz ist nur das BMW Cabrio, mit dem die unspießige Lady zum Friseur an den Gärtnerplatz kurvt.
Egal, was die Leute denken, Brigitte Hartl kontert: "Ich bin katholisch erzogen. Ich bin knackseriös."


Lesen Sie hier Teil eins der AZ-Serie: So leben Senioren in München - Der Ausstieg aus dem Berufsleben

Lesen Sie hier Teil zwei der AZ-Seire: Auswandern in den Süden?

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