Welche Koalition sich Christian Ude künftig im Münchner Rathaus wünscht

Also doch: Christian Ude spricht eine offizielle Wahlempfehlung für seinen Nachfolger aus. In der AZ erklärt er, warum – und er erläutert die Gründe, warum er trotzdem bei seiner scharfen Kritik an Reiter und der SPD bleibt.
von  Felix Müller
Da waren sie noch ein OB und ein Wunsch-Nachfolger: Christian Ude und Dieter Reiter auf der Wiesn 2012.
Da waren sie noch ein OB und ein Wunsch-Nachfolger: Christian Ude und Dieter Reiter auf der Wiesn 2012. © Archiv/ imago stock&people

Vom Kaiserplatz soll ein Ruck ausgehen für den Wahlkampf der SPD. Am Dienstagmorgen sind SPD-München-Chef Christian Köning, Rathaus-Fraktionschefin Anne Hübner und Ex-Bürgermeisterin Gertraud Burkert zu Gast bei Alt-OB Christian Ude daheim. Hinterher wird eine Mitteilung versandt, in der alle – also auch Christian Ude! – zur Wahl Dieter Reiters am Sonntag aufrufen.

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Ein Signal der Stärke und Geschlossenheit soll das senden. Doch eigentlich ist erstaunlich, dass man überhaupt stolz darauf ist, einen langjährigen SPD-OB zu dieser Wahlempfehlung bekommen zu haben. Und: Wie diese Wahlempfehlung klingt.

Ude und Reiter – das ist die sehr komplizierte Beziehung zweier Männer. Dass es auch am Dienstag kein gemeinsames Bild der beiden gibt, mag nicht überraschen. Der Politiker Dieter Reiter ist eine Erfindung Christian Udes. "Ich bin voll haftbar für Dieter Reiter", so hat er es selbst einst gesagt. Reiter ist keiner, der sich durch die Parteiebenen hochgearbeitet hat – er war einst ein Mann aus den Tiefen der Verwaltung. Ude hat mal betont, er habe Reiter zum Vize-Kämmerer gemacht, zum Wirtschaftsreferenten, zum Wiesn-Chef – und: zum OB-Kandidaten.

Wie das Verhältnis von Christian Ude und Dieter Reiter zerbrach

Doch schon unmittelbar nach Reiters Wahl zum OB ging das persönliche Verhältnis kaputt. Bei Udes Verabschiedung als OB im Deutschen Theater schoss er scharf gegen Reiter, der am Vortag in Koalitionsverhandlungen der CSU das KVR angeboten hatte. Für Ude war das ein Verrat am liberalen Stadtklima, das er unter Rot-Grün nach den Gauweiler- und Uhl-KVR-Jahren erreicht habe. Ein Affront – zumal Ude in der Rede nicht einmal Reiters Namen nannte.

Später entschuldigte sich Ude für den Ton, das KVR fiel doch nicht an die CSU. Aber das Verhältnis wurde nie mehr gerade gerückt. Ob er Reiter manchmal anrufe, um ihm einen Rat zu geben, fragte ihn die AZ 2017. "Nein", sagte Ude vielsagend. "Wer will, bekommt einen Rat."

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Wer beratungsresistent ist, nicht, sollte das offenbar heißen. Gemeinsame öffentliche Auftritte organisierten die beiden all die Jahre nie – doch Ude kritisierte Reiter immer wieder, mal mehr, mal weniger beiläufig, öffentlich.

Unsolidarisch finden das so manche in der aktuellen SPD-Garde. Zumal Ude kurz vor dem Wahltag auf Grünen-Plakaten mit Dominik Krause auftauchte, als dessen Gast auf einer Bühne saß. Und am Wahlabend bei Sat.1 gegen Reiter wegen dessen Nebentätigkeiten lederte. "Was für ein korrekter, penibler Mann" Hans-Jochen Vogel gewesen sei, schwärmte er da. "Wie sorgfältig er darauf geachtet hat, dass es keine Privilegien für Oberbürgermeister gibt, dass alle Spielregeln eingehalten werden." Mit Reiter habe man nun das "Kontrastprogramm" gesehen. Was die Münchner "offensichtlich nicht sonderlich mögen".

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Was Christian Ude nun zur Wahl sagt – und was nicht

Rumms! Klingt ungefähr nach dem Gegenteil einer Wahlempfehlung. Doch an diesem Dienstag wird Ude nun in der gemeinsamen Erklärung mit zwei knappen Sätzen zitiert: "Mit der SPD sind die Stadt und ihre Bürger immer gut gefahren. Deshalb meine Bitte: Wählen Sie bei der Stichwahl diesen Sonntag den SPD-Kandidaten – den amtierenden Oberbürgermeister seit zwölf Jahren, Dieter Reiter."

Zu Leistungsbilanz, Plänen Reiters oder seiner Person: kein Wort. Gertraud Burkert erklärt hingegen: "Dieter Reiter und die SPD haben die gesamte Stadt im Blick und schließen auch Kompromisse, ohne die es gerade in diesen Zeiten nicht geht." Auch Ex-Bürgermeisterin Christine Strobl, die am Dienstag krankheitsbedingt nicht am Kaiserplatz dabei ist, wirbt für die Wahl Reiters.

Als eine Abkehr von all seiner Kritik will Ude die Mitteilung aber nicht verstanden wissen, als die AZ ihn am Telefon erreicht. Selbstverständlich bleibe er bei seiner Kritik an den Nebentätigkeiten Reiters, das sei aber auch Allgemeingut in der Partei, betont er. Die "Pingeligkeit" Hans-Jochen Vogels sagt er, das sei doch ein Markenkern der Münchner SPD gewesen.

Warum Christian Ude weiter kritisch auf die Münchner SPD schaut

Ude betont, dass die SPD in seiner letzten Amtszeit noch 33 Stadträte gehabt habe und nun bei 15 steht, "weniger als die Hälfte!". Absolut unzufrieden klingt Ude nach wie vor mit seiner Münchner SPD.

Er habe im letzten Jahr einfach überhaupt keinen SPD-Wahlkampf in München wahrgenommen, sagt Ude, der betont, dass er, wenn er angefragt werde, immer für die SPD unterwegs sei und so auch kleine Veranstaltungen mit Münchner Kandidaten gemacht habe.

Und so sei auch diese Wahlempfehlung für Dieter Reiter eine Selbstverständlichkeit. "Ich bin und bleibe Sozialdemokrat, das wird auch Grüne nicht überraschen." Auf Nachfrage hatte Ude schon vor Wochen den Auftritt mit Krause so gerechtfertigt: "Wenn man selbst keine Veranstaltungen macht, dann sollte man wenigstens die Veranstaltungen der anderen besuchen."

Diese Koalition wünscht sich Christian Ude im Münchner Rathaus

Ein Bündnis mit den Grünen übrigens hält Ude weiterhin für die beste Option – obwohl er kritisiert, die Grünen machten es der SPD oft zu schwer. "Die Grünen müssen in der Verkehrspolitik verstehen, dass die SPD es sich nicht mit großen Wählergruppen vergraulen kann."

Doch die soziale Frage und die ökologischen Probleme zu lösen, das sei "das Gebot des Jahrhunderts, unser Auftrag". Doch nun geht es der SPD zuallererst darum, am Sonntag wenigstens die lange Tradition der SPD-OBs fortzuführen. Immerhin: Ganz offiziell wirbt nun auch Christian Ude dafür.

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