Was und wen die Münchner gewählt haben – und wie es jetzt weitergeht

OB Dieter Reiter (SPD) ist als hoher Favorit ins Rennen gegangen. Doch der Grüne Dominik Krause pirscht sich erstaunlich nahe ran und zieht in die Stichwahl ein. Im neuen Stadtrat läuft es auf komplizierte Mehrheitsverhältnisse hinaus. So lief der spannende Wahlabend. Das bringt eine erste Analyse der Ergebnisse hervor. Und darum hat die CSU kurz nach der krachenden Niederlage schon wieder Selbstvertrauen getankt.
von  Felix Müller, Jan Krattiger
Dieter Reiter am Wahlabend.
Dieter Reiter am Wahlabend. © Daniel von Loeper

Es gehört zum Spiel in Rathaus-Kreisen, dass sich die Politiker stets besonders wissend geben. Klare Thesen zum Ausgang von Wahlen gehören da dazu. Aber was sich am Sonntagabend abzeichnet, nachdem ab 19.15 Uhr die ersten Zahlen zur OB-Wahl einlaufen, lässt den Politikern parteiübergreifend den Atem stocken.

Was Experten vorab erwartet hatten – und wie es dann ganz anders kam

Denn man hatte die Tage zuvor zwei Fragen für spannend gehalten: Wer gegen Dieter Reiter in die Stichwahl komme – bei der einzigen öffentlich gewordenen Umfrage (von Forsa) hatten CSU-Mann Clemens Baumgärtner und der Grüne Dominik Krause Kopf an Kopf gelegen.

Und: Ob sichtbar werden würde, dass die Skandale der vergangenen Tage Dieter Reiters Beliebtheit bei den Wählern beeinflussen (insbesondere bei jenen, die nicht schon davor per Brief gewählt hatten).

Dieter Reiter am Wahlabend.
Dieter Reiter am Wahlabend. © Daniel von Loeper

Beide Fragen werden mit einer Deutlichkeit beantwortet, die niemand, wirklich niemand für möglich gehalten hätte. Reiter gewinnt mit 35,6 Prozent vor Dominik Krause (29,5 Prozent). Doch dieser liegt bei denen, die erst am Sonntag wählen, sogar auf Platz 1. Reiter kommt am Sonntagabend im KVR nur ganz kurz vor die Presse, verliest ein Statement, will keine Fragen beantworten und geht. Clemens Baumgärtner landet mit lediglich 21,3 Prozent weit abgeschlagen auf Platz 3.

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Wie Dieter Reiters Vorgänger direkt mit harscher Kritik vorprescht

Dominik Krause lässt sich in der Muffathalle feiern. Betroffenheit hingegen zunächst, als die OB-Wahl-Zahlen einlaufen, bei der CSU. Absehbar auf jeden Fall, dass die Debatten innerhalb von SPD und CSU unangenehm werden, als Erfolg wird man diesen Wahlkampf schwer verbuchen können. Als erstes prominentes SPD-Gesicht prescht am Wahlabend Alt-OB Christian Ude vor, Dieter Reiters Vorgänger.

Er kritisiert bei Sat.1, dass Reiter den Wohnraummangel nicht mehr als Thema habe sehen wollen. Knallhart geht Ude auch mit Reiters Umgang mit seinen FC-Bayern-Posten ins Gericht - und betont gar, dass dies ein Bruch mit der Tradition der SPD-Oberbürgermeister sei. „Was Reiter angeht, muss ich sagen, was ich in den letzten Tagen in der Zeitung lesen musste, als unbestrittene Tatsache - nicht Gerüchte, sondern Tatsachen“. Ude erinnert an Hans-Jochen Vogel, was für ein korrekter, penibler Mann der war“, sagt er. „Wie sorgfältig er darauf geachtet hat, dass es keine Privilegien für Oberbürgermeister gibt, dass alle Spielregeln strengstens eingehalten werden.“ Nun habe man das Kontrastprogramm gesehen. „Offensichtlich mögen das die Münchner nicht sonderlich.“

Diese Viertel waren einst gar nicht grün – Krause holt Platz 1

Am späteren Abend rückt dann die Stadtratswahl in den Fokus, die Ergebnisse laufen ein. Bei der CSU wächst wieder das Selbstbewusstsein, man ist auf Augenhöhe mit den Grünen, will die nächsten Tage über Machtoptionen sprechen. Auch die SPD steht nicht ganz so desaströs da wie befürchtet, obwohl sie wie immer seit 2014 weiter verliert, erstmals überhaupt unter 20 Prozent fällt.

Interessant am Abend auch ein erster Blick auf die politische Landkarte der Stadt. So hat Grünen-Herausforderer Dominik Krause offenbar seinen Heimvorteil ausgenutzt und in beiden Giesinger Bezirken – nun nicht eben klassisches Grünen-Land – den ersten Platz ergattert.

Nun wird interessant werden, wer sich vor der Stichwahl in zwei Wochen wie verhält. Ein schwarz-grünes Zweierbündnis ist rechnerisch drin, aber politisch (vorerst?) unwahrscheinlich. Grün-Rot-Rot mit den kleinen Partnern, die schon bisher dazu gehören, ebenfalls zumindest denkbar, aber politisch auch schwer zu basteln. Auf den spannenden Wahlabend könnten spannende Wochen folgen. Zumal die Teilnahme des Zweitplatzierten an der Stichwahl anders als bei letzten Wahlen nicht nur symbolisch ist.

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