"War da fast nicht ganz bei Sinnen": So persönlich spricht Münchens OB Reiter jetzt über die FC-Bayern-Causa
In einem großen Interview mit Zeit Online versucht Dieter Reiter, seinen Auftritt im Stadtrat kurz vor der Wahl zu erklären. "Ich habe nie gelogen", betont er in dem Gespräch. Das ist zumindest Interpretationssache. In der Stadtratssitzung hatte er Oppositionspolitiker verhöhnt, die erklärt hatten, er sei schon im Aufsichtsrat des FC Bayern. Reiter selbst sagte dort, er habe nur als Gast an einer Aufsichtsratssitzung teilgenommen. Doch er hatte sich, wie er später einräumen musste, dort schon zum Mitglied wählen lassen.
"Ich habe nicht alles auf den Tisch gepackt"
Über die Stadtratssitzung wiederum sagt Reiter nun: "Da hätte ich Tabula rasa machen müssen, spätestens da. Ich hätte ans Rednerpult gehen müssen und sagen, was Sache ist. Das ist mir beileibe nicht gelungen. Wie ich mich da verhalten habe, das war völlig widersprüchlich: Ich wollte das Thema abräumen, aber ich habe nicht alles auf den Tisch gepackt. Bis mir das bewusst wurde, hat es nochmal ein, zwei Tage gebraucht. Ich habe mir die Aufzeichnung später angeschaut. Ich war da tatsächlich fast nicht ganz bei Sinnen."
Wie zuversichtlich Reiter auf die Wahl am Sonntag blickt? Wird auch in dem Gespräch nicht ganz klar. Er stelle fest: "Vertrauen zu verlieren geht schnell, es zurückzugewinnen ist schwer", sagt er zum Beispiel.
Wurde Reiter wirklich erst kurzfristig vom FC Bayern informiert?
Reiter argumentiert in dem Gespräch, als sei er ganz kurzfristig mit dem Thema Nebeneinkünfte konfrontiert gewesen und hätte spontan reagieren müssen. Tatsächlich hatte die AZ schon mehr als eine Woche zuvor Anfragen gestellt, fünf Tage vor der Sitzung als erstes Medium darüber berichtet, dass Reiter sich bei den Nebeneinkünften möglicherweise gegen Gesetzte verhalten habe, weil er keine Genehmigung einholte. ÖDP und Linkspartei hatten das Thema auf die Tagesordnung für diese Sitzung gesetzt, was ebenfalls schon Tage zuvor bekannt war. Reiter selbst teilte später mit, er habe am Vortag vom FC Bayern die Information erhalten, er sei noch nicht im Register eingetragen – er hatte sich also offensichtlich schon vorbereiten können.
Zeit Online sagt Reiter nun: "Ich war schon richtig angefasst, wie ich das sonst von mir nicht kenne. Ich bin ein Bauchmensch, aber eigentlich entspannt und überlegt in dem, was ich tue. Was da in mir vorgegangen ist, kann man nur mit großem emotionalem Stress beschreiben. Das setzt sich dann 24 Stunden am Tag fort, auch durch das große Medien-Interesse. Aber – ganz wichtig – da gibt es niemanden, den ich für meine Fehler verantwortlich machen kann."
Reiter sagt: "Ich dachte in dem Moment, wenn ich das jetzt entspannt rüberbringe, dann passt das schon. Dass Entspanntheit und Arroganz in der Außenwirkung natürlich nahe beieinander liegen, das ist mir erst danach klargeworden."
"Von einem Sozialdemokraten wird nochmal mehr erwartet"
Reiter hätte für den bereits angetretenen, auch nicht genehmigten Aufsichtsratsposten in seiner nächsten Amtszeit wohl mehrere Hunderttausend Euro kassiert, im Verwaltungsbeirat hat er bereits 90.000 erhalten, die er nun, wie berichtet, spenden will. Der "Zeit" sagt er: "90.000 Euro ist einfach eine riesige Summe, auch wenn sich das auf mehrere Jahre verteilt. Und von einem Sozialdemokraten wird nochmal mehr erwartet, dass beim Geld alles hundertprozentig korrekt zugeht."
Für den Aufsichtsratsposten sagt er: "Ich habe definitiv nicht darüber nachgedacht, wie viel Geld ich da bekomme, das kann ich eidesstattlich versichern." Die Aussage verwundert zumindest ein wenig. Erstens hat Reiter selbst erst Wochen zuvor seine Referenten persönlich schriftlich auf die Grenze hingewiesen, dass Nebeneinkünfte ab 10.000 Euro eine Genehmigung brauchen. Zweitens hatte er ja schon für das "Ehrenamt" im Verwaltungsbeirat 20.000 im Jahr kassiert, was sehr nahelegt, dass es im Boss-Zirkel der Fußballfirma mehr zu verdienen gibt. Und drittens ist ein Beschluss der Hauptversammlung der FC Bayern AG öffentlich einsehbar, nach dem Aufsichtsräte 50.000 Euro im Jahr bekommen. Dass Reiter in der Gemengelage weder eine Größenordnung erahnen, noch eine Genehmigungspflicht erkennen konnte? Mindestens sehr bemerkenswert.
Nach der Kritik an seiner Person: Reiter wirbt für einen anderen Wahlkampf
Reiter sieht seine Salami-Taktik, immer erst im allerletzten Moment, wenn es gar nicht mehr anders ging, Fakten einzuräumen, jetzt als Fehler an. "Natürlich ist es ein Riesenunterschied, ob man alles auf einmal auf den Tisch packt oder nur Stückchen für Stücken preisgibt, wenn wieder neue Fragen auftauchen. Das war ein katastrophaler Fehler." Darauf angesprochen, dass trotz seines "Volle Transparenz"-Versprechens wie berichtet, immer noch Fragen offen sind (etwa zu teuren geschenkten VIP-Tickets und der Frage, wie sie versteuert wurden) antwortet er Zeit Online ausweichend.
Insgesamt aber gibt sich Reiter in dem Gespräch recht selbstkritisch – auch, was die eigene Wahlkampfstrategie betrifft, dass die SPD quasi nur noch mit ihm geworben hat. "Ich glaube, dass man in Zukunft wieder stärker mit Politik als nur mit Personen werben sollte", sagt Reiter. "Wenn der Wahlkampf auf eine Person zugeschnitten ist, kann man im Krisenfall schlecht sagen: Jetzt aber interessiert euch bitte mal für unsere Inhalte!"
Über sich selbst sagt er: "Ich bin nicht der große Redner. Ich fülle keine Säle mit klugen Gedanken. Ich wache nicht jeden Morgen mit einer neuen Vision auf. Mein Stil ist, möglichst wenig im Büro zu sitzen, möglichst viel auf der Straße zu sein und ansprechbar zu bleiben für Bürger-Probleme im Alltag, nicht nur im Wahlkampf." Gerade wenn man "lange Zeit relativ erfolgreich war", leide "manchmal die Selbstreflexion." War das die Watschn, die es gebraucht hat, fragt Reiter sich selbst und antwortet: "Ja, definitiv".
Ein ganz neuer Reiter-Sound. Keine zwei Wochen ist es her, dass die Debatte schon sehr hochgeschwappt war und Reiter im Radio erklärte, die Kritik an ihm sei doch "Klamauk", auf die er "keinen Bock" habe.
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