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Vor 50 Jahren in der Prinzregentenstraße: Die ersten Geiselnehmer

Das erste Geiseldrama der Bundesrepublik ereignet sich in der Prinzregentenstraße. Die Polizei ist von der Situation überfordert.
| Karl Stankiewitz
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Überfall auf die Deutsche Bank in der Prinzregentenstraße. Es ist der erste Banküberfall mit Geiselnahme in der Bundesrepublik.
Überfall auf die Deutsche Bank in der Prinzregentenstraße. Es ist der erste Banküberfall mit Geiselnahme in der Bundesrepublik. © imago images/Heinz Gebhardt

München - Mit Sturzhelm, Motorradbrille und schwarzem Tuch maskiert stürmten zwei junge Männer am 4. August 1971 um 15.55 Uhr die Filiale der Deutschen Bank in der Prinzregentenstraße. Mit Maschinenpistole und Revolver hielten sie 18 Angestellte und Kunden in Schach. Vom Bankkassier ließen sie telefonisch an das Polizeipräsidium melden, es handle sich um eine Besetzung durch eine "schwer bewaffnete Gruppe der Roten Front". Bis 22 Uhr müssten zwei Millionen Mark und ein Fluchtauto bereitgestellt sein, andernfalls trete eine "Vergeltungsaktion Elend" in Kraft.

Tatsächlich ging "zur Demonstration" an einer Straßenbahnoberleitung eine Sprengladung "mit reduzierter Wirkung" hoch. Die beiden Geiselgangster, der 31-jährige Chemigraph Hans Georg Rammelmayr und der 23-jährige Arbeitslose Dimitri Todorov, versuchten auf den noch dampfenden Express der 68-er aufzuspringen. "Die Studenten bauten Barrikaden, während die Jugend ihren Widerstand durch kriminelle Aktivitäten ausübte," schrieb der Ganove später in seiner Autobiografie.

Man beschloss, auch mit Blick auf Olympia, hart durchzugreifen

Polizei, Staatsanwaltschaft und herbeigeeilte Sicherheitspolitiker standen an jenem schwülen Spätsommerabend vor einer neuartigen Situation, wie man sie bislang nur im Ausland erlebt hatte.

Sie beschlossen, im Interesse des Staates - ein Jahr vor den Olympischen Spielen - sofort hart durchzugreifen. "Rund um die Prinzregentenstraße war alles abgesperrt," erinnert sich der spätere AZ-Redakteur Rolf Henkel. Einige Prominente saßen in der ersten Etage des Gourmetlokals Käfer gegenüber. Dem späteren Innenstaatssekretär Erich Kiesl (und späteren Münchner OB) gesellte sich im Lauf des Abends der CSU-Politiker Franz Josef Strauß dazu.

Rammelmayr auf dem Weg zum Fluchtauto.
Rammelmayr auf dem Weg zum Fluchtauto. © imago images/Heinz Gebhardt

Auch Polizeipräsident Manfred Schreiber hatte seinen Kommandostand im Käfer. Kurz zuvor hatte er uns Journalisten vor einer neuen Kriminalität gewarnt, die auf die neue "Weltmetropole" im Zeichen von Olympia übergreifen könnte. Der Bedarf an Liberalität sei gedeckt, so Schreiber.

Was innen passierte, wurde durch den Bayerischen Rundfunk bekannt. Dieser wurde von der Einsatzleitung mit Informationen (und Desinformationen) gefüttert, denn man ging davon aus, dass Gangster und Geiseln in der Bank Radio hörten. Die Menge der Schaulustigen wurde indes immer größer. Mehrmals wurden Getränke und Pizzen vom Käfer zur belagerten Bank gebracht.

Reporter Rolf Henkel: "Hinter mehreren Autos lauerten Polizisten mit ihren putzigen Pistolen. Dann der Show-down."

Eine Geisel soll den Fluchtwagen besteigen.
Eine Geisel soll den Fluchtwagen besteigen. © imago images/Heinz Gebhardt

Von den Zuschauern kam Beifallklatschen, Johlen, Pfiffe und Rufe

Einer der Gangster kam aus der Bank, zusammen mit einer Bankangestellten als Geisel und dem Lösegeld. Sie stiegen ins Auto, der Flucht-BMW war in Richtung Friedensengel geparkt. "Wir Beobachter sahen darin eine gute Polizeitaktik. Die Geiselnehmer konnten also nur in die Innenstadt abhauen oder in die Seitenstraßen, wo die Polizei schon wartete. Dann begann die Schießerei."

Rammelmayr wurde getroffen, der Sterbende schoss zurück, wobei drei Kugeln - beabsichtigt oder nicht - die 20-jährige Geisel Ingrid Reppel so schwer verletzten, dass sie auf dem Operationstisch starb.

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Während des Schusswechsels waren andere Polizisten in die Bank eingestiegen, um den zweiten Mann zu überwältigen und die anderen Geiseln zu befreien - eine Spezialschulung für solche Fälle hatte es bis dahin nicht gegeben. In seinem Buch "22 Jahre Knast" schildert Dimitri Todorov die Szene so: "Plötzlich peitschten aus allen Richtungen Schüsse und MP-Salven. Querschläger blitzten über den Asphalt ... das konnte niemand überleben ... von den Zuschauern hinter den Absperrungen kamen Beifallklatschen, Johlen, Pfiffe und Rufe".

Todorov drückte seine Pistole ab. Er habe absichtlich daneben geschossen, um niemanden zu gefährden, behauptete er im Prozess. Als die "Warnschüsse" nichts genutzt hätten, habe er die Waffe weggeworfen und sich ergeben.

Eine befreite Geisel nach dem Schusswechsel.
Eine befreite Geisel nach dem Schusswechsel. © imago images/Heinz Gebhardt

Polizeichaos bei Geiselnahme

Tatsächlich war der Einsatz absolut dilettantisch. Es war nichts koordiniert, jeder, der eine Waffe hatte, ballerte in der Gegend herum, Scharfschützen gab es nicht. An allen Ecken und auf Dächern und an Fenstern tauchten Polizisten auf.

Es war noch die alte Stadtpolizei mit ihren blauen Uniformen und kleinen Pistolen. Wobei die Polizei später behauptete, die Geisel sei von einem der Bankräuber erschossen worden. Dafür wurde aber nie ein glaubhafter Beweis präsentiert.

Dieses Chaos wiederholte sich ein Jahr später beim Olympia-Attentat am 5. September 1972. "Die Verantwortlichen der Polizei hatten nichts aus dem Einsatz in der Prinzregentenstraße gelernt", meint der ehemalige AZ-Redakteur Rolf Henkel heute.

Das Schwurgericht sprach den Angeklagten der gemeinschaftlich begangenen schweren räuberischen Erpressung in Tateinheit mit 17 Vergehen der Freiheitsberaubung und eines Verbrechens der Freiheitsberaubung mit Todesfolge schuldig.

Höchststrafe: Freiheitsentzug auf Lebenszeit. Ein Urteil, das vor ähnlichen Straftaten abschrecken und ein Exempel statuieren sollte - und in die Schusslinie vieler Kritiker geriet.

"Geiselgangster" saß über 21 Jahre in Haft

Der Bundesgerichtshof wies die Revision des Verurteilten zurück. So blieben auch spätere Bemühungen von Anwälten, Rechtsexperten, Freunden und der Mutter ohne Erfolg. Die bayerische Justiz zeigte Härte und hielt an der Linie fest. Todorov revanchierte sich: 1990 kletterte er bei einer Gefangenen-Revolte auf das Dach der JVA Straubing, um Protest gegen die Haftbedingungen nach außen zu tragen.

Auch das hat es in der deutschen Justizgeschichte noch nicht gegeben: Über 21 Jahre lang saß der "Geiselgangster" aufgrund eines umstrittenen Urteils in Haft. Ihm blieb versagt, was üblicherweise auch Terroristen und Mördern gewährt wird: die Aussetzung der Reststrafe. Am 25. März 1993 wurde Todorov, inzwischen 45 Jahre alt, aus dem Strafvollzug entlassen. Im Knast hat er das Abitur nachgemacht und begonnen zu studieren. In der kleinen Wohnung, die ihm die Mutter besorgt hat, setzte er sein Studium fort, half anderen entlassenen Häftlingen.

Im Januar 1998 wurde Dimitri Todorov noch mal zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte für einen ehemaligen Mitgefangenen Kokain nach Österreich geschmuggelt. Daraufhin wurde die vorzeitige Entlassung in der Bankraubsache widerrufen. Erst das Bundesverfassungsgericht entschied wegen der "günstigen Sozialprognose" anders.

Im Mai 2000 wieder frei, veröffentlichte der 54-Jährige ein Buch "22 Jahre Knast - Autobiografie eines Lebenslänglichen", in dem er die Justiz, aber auch sich selbst mit Kritik nicht verschonte.

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