Serie

Vom Garagenbrauer zum Millionen-Unternehmer: Das ist Giesinger-Chef Steffen Marx

Von der Hinterhofgarage zum Giesinger Berg und weiter in den Münchner Norden: Steffen Marx (48) hat es geschafft, mit seinem Giesinger Bräu den großen, alteingesessenen Münchner Brauereien Kunden abzujagen. In diesem Jahr hat der Bierrebell 20-jähriges Jubiläum gefeiert. Sein Ziel für 2027: die Wiesn!
von  Nina Job
Giesing in der Lerchenau: Seit 2020 wird in der Detmoldstraße 40 im Werk 2 gebraut.
Giesing in der Lerchenau: Seit 2020 wird in der Detmoldstraße 40 im Werk 2 gebraut. © imago/Bernd Lindenthaler

Auf seinem T-Shirt leuchtet das Firmenlogo. Die Turnschuhe sind grün mit gelb – wie die Farben der Bierkästen und Bierlaster von Giesinger Bräu. Steffen Marx, der Gründer von Münchens jüngster Brauerei, lebt für sein Projekt und das zeigt er auch. Beim AZ-Besuch zieht der 48-Jährige kurz blank, um zu demonstrieren, dass er auch unten drunter für Giesinger Werbung macht: Auf seiner Unterhose – der gebürtige Thüringer sagt "Schlüpper“ – steht der Name seiner Brauerei.

Der Brauerei-Chef macht's vor: Die Schlüpper mit Werbung für Giesinger kann man kaufen.
Der Brauerei-Chef macht's vor: Die Schlüpper mit Werbung für Giesinger kann man kaufen. © Giesinger Bräu

 

Er trägt sein Lebensprojekt sogar unter der Haut. Eines seiner jüngeren Tattoos zeigt Zahlen auf einer kleinen Tafel: Immer, wenn sie mit der Produktion einen weiteren Meilenstein erreicht haben, lässt er sich die Hektoliterzahl in den Oberarm stechen. Mittlerweile ist Giesinger Bräu bei 45.000.

Bierlaboratorium in Untergiesing

Wer hätte das gedacht, wenn man zurückdenkt, wie alles angefangen hat: vor 20 Jahren, in einer Doppelgarage in Untergiesing, mit Leitungswasser, kaum Geld und zwei abgebrochenen Studiengängen. Die drei Semester Brauwesen in Weihenstephan waren trotzdem nützlich: Dort hatte Marx den Braumeister Tobias Weber kennengelernt. Gemeinsam und mit viel Enthusiasmus legten die beiden los in ihrem Bierlaboratorium in Untergiesing.

So hat mal alles angefangen: Steffen Marx klebt  in einer Garage 2006 die Etiketten noch selbst auf. Die Flaschen? Sind Leergut von Hacker-Pschorr.
So hat mal alles angefangen: Steffen Marx klebt in einer Garage 2006 die Etiketten noch selbst auf. Die Flaschen? Sind Leergut von Hacker-Pschorr. © imago

Ihre ersten Kreationen, Frucht- und Gewürzbiere, verkauften sie direkt aus der Garage, später kamen auch klassische Sorten dazu. Die Etiketten klebte Marx mit Pinsel und Kleber auf gebrauchte Bügelflaschen von Hacker-Pschorr – bis die Traditionsbrauerei den Garagenbrauer einbestellte wegen des zweckentfremdeten Leerguts.

Führungen und Weißwurst-Flatrate

Eins muss man dem Giesinger lassen: Er lässt sich in die Karten schauen, was ja bekanntlich nicht jede Münchner Brauerei mit sich machen lässt. In der neuen Sudstätte, genannt Werk 2 in der Detmoldstraße 40 (Lerchenau), werden regelmäßig Brauereiführungen angeboten. Das steht auf dem Programm: Die Besichtigung der Produktionsanlagen, der Abfüllanlage, der Bierhalle und des „Oh mein Gott!“-Giesinger-Tiefbrunnens. Daraus wird eine Wasserprobe kredenzt. Und zwei bis drei Bierchen mit Brezn werden auch spendiert. Natürlich werden auch viele Fragen rund um die aufstrebende Brauerei beantwortet: Was hat es mit dem "Sternhagel" auf sich? Wie tief ist der Tiefbrunnen? Warum ist Giesinger eine waschechte Münchner Brauerei? Und: Wann geht’s für Giesinger endlich auf die Wiesn?
Gebucht werden können die 60- bis 90-minütigen Führungen nur online auf giesinger-braeu.de. Kostenpunkt: 35 Euro pro Person. Treffpunkt ist am Werk 2 in der Lerchenau (nicht in Giesing!). Wer mag: Auch ohne Brauereiführung lässt es sich in der Lerchenau verweilen: beim Weißwurstfrühstück (samstags) für 10 Euro pro Person – all you can eat oder "so vui wiasd neizwingst"! Ebenfalls nur online buchbar.  Foto: Giesinger

Tobias Weber stieg nach einiger Zeit wieder aus. Marx machte in anderer Konstellation weiter – und erreichte schließlich, was nur wenige für möglich gehalten hätten: In München, der Stadt mit den seit Generationen unangefochtenen Bierbaronen, zollt man dem Neuling mittlerweile Respekt. Vielleicht wird der kleine, umtriebige Konkurrent sogar ein ganz klein wenig gefürchtet.

2011: Nichts ging mehr in der Garage

2011 schaffte Giesinger 1000 Hektoliter im Jahr, mehr ging nicht in der Garage. Drei Jahre später ging es hinauf auf den Giesinger Berg in die Martin-Luther-Straße 2, auf das Gelände eines ausrangierten Umspannwerks der Stadtwerke. Die nahe Heilig-Kreuz-Kirche wurde zum Markenzeichen, ein befreundeter Design-Professor aus Berlin entwarf das Logo. "Bezahlt habe ich ihn dafür erst später", erzählt Marx. Das Bier, gab’s jetzt direkt am Sudhaus im Bräustüberl und traglweise ab Hof: klassische bayerische, innovative und saisonale Biersorten. Und das in Downtown Giesing.

Steffen Marx  beim 10-Jahre-Jubiläum in seinem Giesinger Bräu am Giesinger Berg.
Steffen Marx beim 10-Jahre-Jubiläum in seinem Giesinger Bräu am Giesinger Berg. © imago

Doch auch an der Martin-Luther-Straße wurde es bald zu eng. "Wir hatten unsere Kapazitätsgrenzen erreicht." Am Umzug führte kein Weg mehr vorbei. Aber: "In Giesing haben wir nichts gefunden, es gab überhaupt kaum freie Flächen." Und so zog Giesinger hinaus in den Norden, in ein Gewerbegebiet in der Lerchenau. Die Nachbarn hier sind Gebrauchtwagenhändler, ein Aktenvernichtungsbetrieb und ein Recylingunternehmen.
An Giesing erinnert im "Werk 2" nur mehr ein Schild, das ausschaut wie ein echtes Ortsschild, schwarz auf Orange steht darauf: "Giesing – Private Braustätte".

Voll im Trend: Stehausschank

Eine urbayerische Tradition hat Giesinger Bräu mit dem Stehausschank wiederbelebt: 2019 eröffnete die Brauerei eine Mini-Kneipe mit 30 Quadratmetern am Viktualienmarkt. Mangels Platz kamen nur zwei Stehtische hinein. Das Konzept wurde ein voller Erfolg und löste einen Boom aus: Im April hat Giesinger in Haar seinen neunten Stehausschank eröffnet, Nummer 10 soll in Moosach folgen. Drei Läden betreibt die Brauerei selbst, die anderen werden von Franchisenehmern geführt.
Auch über die Stadtgrenzen hinaus expandiert Giesinger: Am 1. Juli hat in Augsburg ein Stehausschank eröffnet, auch in Düsseldorf soll es „Bier auf die Hand“ geben. Und warum gibt es so viele Sitzplätze, vor allem draußen? Marx sagt: "Ohne die gibt’s keine Genehmigung"“ Die Standorte in München: Prälat-Zistl-Straße 4, Augustenstraße 90, Schellingstraße 27, Sendlinger-Tor-Platz 10, Klenzestraße 47, Ganghoferstraße 23, Oberländerstraße 31, Schulstraße 2, Bunzlauer Platz 1 (geplant). Auch in Haar in der Münchener Straße 32 und in Augsburg in der Maximilianstr. 4 gibt es seit 2026 Giesinger "auf die Hand". Foto: Giesinger

Wegzug aus Giesing: Kritiker sprechen von Verrat

Es gibt Kritiker, die werfen dem Brauerchef „Verrat“ wegen des großen Wachstums – und vor allem dem Wegzug aus dem einstigen Arbeiterviertel. In Giesing werden heute nur noch kleine Mengen Spezialbier gebraut. Aber seit dem Umzug hat Giesinger einen eigenen Tiefbrunnen, aus dem Eiszeitwasser heraufgepumpt wird.

Giesing in der Lerchenau: Seit 2020 wird in der Detmoldstraße 40 im Werk 2 gebraut.
Giesing in der Lerchenau: Seit 2020 wird in der Detmoldstraße 40 im Werk 2 gebraut. © imago/Bernd Lindenthaler

Und mit dem Umzug an den Stadtrand (auf ein 11.000 Quadratmeter großes Gelände) stehd die junge Brauerei nicht alleine da. Paulaner und Hacker-Pschorr sind 2015 vom Nockherberg nach Langwied umgesiedelt, auch das staatliche Hofbräu braut schon seit 1987 nicht mehr in Haidhausen, sondern neben der Autobahn in Riem. Nur Augustiner, Löwenbräu und Spaten sind noch mitten in der Stadt. Mal schauen, wie lange noch.

Schafft’s Giesinger auf die Wiesn?

Auf dem Oktoberfest darf ausschließlich Bier von leistungsstarken und bewährten Münchner Traditionsbrauereien ausgeschenkt werden. Das sind seit Generationen Augustiner, Hacker-Pschorr, Löwenbräu, Paulaner, Spaten und Hofbräu. Steffen Marx will mit seinem Giesinger Bräu die Nummer sieben werden. Warum bewirbt sich Marx nicht einfach? Das sei gar nicht möglich, behauptet er. "Das sehen die jetzigen Vorschriften nicht vor." Er will nun per Bürgerentscheid auf die Wiesn. Im Stammhaus am Giesinger Berg, im Werk 2 und den Giesinger Stehausschänken hat er dicke Bücher mit viel Platz für Unterschriften ausgelegt. Die Frage darin lautet: "Bist Du dafür, dass die Landeshauptstadt München ab 2027 auch den Ausschank von Bier der Brauerei Giesinger Bräu auf dem Münchner Oktoberfest erlaubt?" Noch reicht es nicht: Bis 20. August 2026 kamen insgesamt 21.023 Stimmen zusammen, erforderlich sind 30.000 bis 40.000 Unterschriften.
Bemerkenswert: Beim Starkbierfest im Februar hat auch Dominik Krause, damals noch Zweiter Bürgermeister, unterschrieben. Im Wahlprogramm seiner Grünen stand: „Wir zeigen uns offen für neue Brauereien auf dem Oktoberfest, sofern sie Münchner Bier brauen und die vorgegebenen Kriterien erfüllen.“ Das bekräftigte Krause auch nach der Wahl.
Marx ist zuversichtlich.


23. Februar 2026: Dominik Krause, damals noch Zweiter Bürgermeister von München, unterschreibt das Bürgerbegehren von Giesinger. Brau-Chef Steffen Marx (r.) ist sichtlich erfreut. Foto: imago

Ein eigener Brunnen: Der Wiesn-Traum lebt also

Was Giesinger (abgesehen von Löwenbräu aus der Löwengrube) von den anderen unterscheidet: dass es seinen Geburtsort im Namen trägt. Was letztlich zählt, ist eins: ob das Bier die Bezeichnung Münchner Bier tragen darf. Dafür muss das Bier innerhalb der Stadtgrenzen gebraut werden mit Wasser aus einem Tiefbrunnen – also mit eiszeitlichem Wasser aus dem Tertiär. Ohne diese Voraussetzung könnte der Traum nicht mal theoretisch wahr werden, eines Tages auf dem Oktoberfest ausschenken zu dürfen. So sind die Regeln.

Brauereigründer Steffen Marx als Karikatur. Im Treppenhaus hängen außerdem jede Menge freche Werbesprüche.
Brauereigründer Steffen Marx als Karikatur. Im Treppenhaus hängen außerdem jede Menge freche Werbesprüche. © Daniel von Loeper

Steffen Marx hat eine Nische entdeckt zwischen all den großen Bierkonzernen und -baronen. Entgegen dem allgemeinen Trend expandiert er. Schritt für Schritt, aber stetig. Seine Anhängerschaft ist jung, seine Zielgruppe sind hauptsächlich die 25- bis 45-Jährigen. "Wir leben bayerische Tradition mit einem modernen Twist", sagt der Sechzig-Fan. Alle paar Wochen hockt er sich mit seinem Spezl, dem Kreativen Christoph Sackerer (Branda Works) zusammen und überlegt sich originelle Aktionen und Werbesprüche wie "Bier me up Scotty" oder "Gott sei Trank" oder "Mama Radler auf".

Lust an Wortspielen: Am Zaun des Brauereigeländes sind – symbolisch – Biersorten begraben, deren Produktion Giesinger wieder eingestellt hat.
Lust an Wortspielen: Am Zaun des Brauereigeländes sind – symbolisch – Biersorten begraben, deren Produktion Giesinger wieder eingestellt hat. © Daniel von Loeper

So hat er etwa für seine Gärtanks Patenschaften vergeben. Und am Rande des Brauereigeländes in der Lerchenau gibt es einen "Friedhof der Kuschelbiere". Auf den Grabsteinen steht zum Beispiel "Schürzenjäger", "Wheat Stout", "Federweiße"  oder "Doppelt Alt" – alles Sorten, die mangels Nachfrage nicht mehr produziert werden – und so quasi beerdigt wurden.

Dazu kommt ein flippig-albernes Merchandising: Im Brau-Shop gibt es Zollstöcke mit dem Aufdruck "Maß aller Dinge" (7,70 Euro), Badeschlappen, die Gieseletten heißen statt Adiletten und 21,90 Euro kosten. Auch eine Goldkette für den Hund (19 Euro) wird angeboten oder eben auch Boxershorts für 19,90 Euro im Doppelpack.

Giesinger in Zahlen

Ausstoß in Hektoliter: 45.000
Umsatz: 12 bis 13 Millionen Euro
Mitarbeiter: 125 (inklusive Gastro)
Gegründet: 2006
Biersorten: 17 (inklusive Radler)

8000 Crowdfunder gibt es: Als Zins gibt es Speis und Trank

An robustem Selbstbewusstsein mangelt es Marx nicht gerade. An Geschäftssinn ebenfalls nicht. Um die millionenschweren  Investitionen zu stemmen, hat er ein findiges Fundraising aufgelegt: Wer investiert und sich am Unternehmen beteiligt, bekommt auf seine Anlage Zinsen in Form von Genussscheinen – für Bier und Speisen in der eigenen Gastronomie. Aktien in Biergenussscheinen sozusagen. Zinsen in Naturalien, ausgezahlt in Bier.
Seine Fans glauben daran: Über elf Millionen Euro hat er auf diese Weise eingesammelt. "8000 Crowdfunder haben die Brauereigründung mit ermöglicht." Die Unterstützer melden auch regelmäßig Objekte, die als Stehausschank infrage kommen könnten.

So schaut's im Inneren des hochmodernen Sudhauses aus.
So schaut's im Inneren des hochmodernen Sudhauses aus. © imago/Bernd Lindenthaler

Marx ist stolz darauf. Und er kann auf eine imposante Bilanz verweisen: 125 Mitarbeiter hat er mittlerweile, zwei Drittel arbeiten in der Gastro. Alle zusammen erwirtschaften sie einen Umsatz von 12 bis 13 Millionen Euro, etwa 9 Millionen mit Bier und 3,5 Millionen mit der Gastronomie. Bleibt auch was übrig unterm Strich? Marx überlegt kurz und meint: "Die letzten drei Jahre war’s plusminus 0."
Auf Kritik, sein Bier sei zu teuer, wird der Brauereichef grantig. Er muss ja schließlich auch Miete zahlen für das Brauereigelände und hat irre viel investiert. Wenn irgendwo sein Bier zum Spottpreis angeboten wird, fuchst ihn das so sehr, dass er hinfährt und alle Sonderangebote aufkauft.

Das große Ziel: Endlich auf die Wiesn!

Die "Wand der Schande" in der Brauerei: Durchgestrichen sind alle Jahre, in denen Giesinger (noch) nicht auf der Wiesn war.
Die "Wand der Schande" in der Brauerei: Durchgestrichen sind alle Jahre, in denen Giesinger (noch) nicht auf der Wiesn war. © Daniel von Loeper

Jetzt will Marx auch noch mitspielen beim größten aller Bierfeste. Um das Wiesn-Regelwerk aufzubrechen, versucht er es mit einem Bürgerbegehren (siehe oben). Sollte sein Vorhaben tatsächlich Erfolg haben, könnte er 2027 doppelt feiern: den Einzug auf die Wiesn – und seinen 50sten.

Auf seinem Oberarm ist noch Platz in dem Kästchen mit den Hektoliter-Zahlen. Zu voll soll es aber auch nicht werden. Kommt er über die 110.000, müsste er schon wieder umziehen.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.