Verkehrsstatistik: Jeder Vierte begeht Unfallflucht!

Der Verkehrsbericht der Münchner Polizei ist erschütternd: Mehr Tote, mehr Verletzte, mehr Abbiege-Unfälle und Unfallfluchten. Die Promille-Grenze bei Radlern soll sinken.
| Nina Job
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Radfahrer und Fußgänger werden bei Unfällen am häufigsten verletzt. Weil sie ungeschützt sind. Sieben Radfahrer wurden 2014 getötet.
ho Radfahrer und Fußgänger werden bei Unfällen am häufigsten verletzt. Weil sie ungeschützt sind. Sieben Radfahrer wurden 2014 getötet.

München - München gilt als eine der sichersten Großstädte Europas, auch was den Straßenverkehr betrifft. Trotzdem kracht es statistisch gesehen alle neun Minuten irgendwo in der Stadt.

Etwa alle 90 Minuten kommt dabei ein Mensch zu Schaden: Am häufigsten trifft es die Fußgänger. Und etwa alle zwei Wochen stirbt ein Mensch auf unseren Straßen. 29 Männer und Frauen und zwei Buben (10, 13) kamen 2014 bei Unfällen ums Leben.

Gestern stellten Polizeivizepräsident Robert Kopp und Polizeidirektor Andreas Schaumaier den Verkehrsbericht 2014 vor. Das Polizeipräsidium München ist für die Stadt, den Landkreis München und die Gemeinden Krailling und Stockdorf zuständig. Das sind die wichtigsten Punkte:

Mehr Todesopfer

 

Insgesamt 54 563 Unfälle ereigneten sich im vergangenen Jahr im Zuständigkeitsbereich der Münchner Polizei, davon allein 46 804 in der Landeshauptstadt. Die Gesamtzahl ist zwar im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken (um 184), doch im vergangenen Jahr wurden mehr Menschen verletzt und getötet.

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In München erlitten 5523 Menschen Verletzungen, davon 611 schwere. Zwei Drittel der schwer Verunglückten waren Fußgänger und Radfahrer. 19 Menschen starben, das sind drei Tote mehr als 2013.

Von den Opfern waren die meisten Senioren (10), die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs waren. Auch zwei Kinder kamen ums Leben: Am 13. Juni rannte ein zehnjähriger Bub am Karl-Marx-Ring auf die Straße und wurde von einem Schulbus erfasst. Am 13. November in der Münchner Straße in Haar übersah ein Lasterfahrer einen 13-Jährigen, der auf seinem Rad bei Grün über die Kreuzung radeln wollte.

Abbiege-Unfälle

 

Sogenannte Abbiege-Unfälle und Vorfahrtsmissachtungen sind die Hauptursachen bei Unfällen mit schwer Verunglückten. Allein bei Abbiege-Unfälle wurden 1329 Menschen verletzt, vier starben. Am 12. Juni überfuhr ein Lasterfahrer beim Rechtsabbiegen in der Ingolstädter Straße einen 82-jährigen Radfahrer.

Kampf den Rasern

 

Eine weitere Hauptunfallursache seit Jahren ist überhöhtes oder nicht angepasstes Tempo. „Elf Menschen kamen deshalb 2014 ums Leben“, mahnte Robert Kopp gestern. Schon vor drei Jahren hat Münchens Polizeivizepräsident den „Rasern und Bolzern“ den Kampf angesagt. Die Folge sind mehr Kontrollen, mehr stationäre Blitzer und Aktionstage wie der Blitz-Marathon. 142 619 Auto- und Kradfahrer, die zu schnell waren, erwischte die Polizei im vergangenen Jahr – 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt stellten die Beamten 990 524 Bußgeldbescheide wegen geringeren Tempo-, Alkohol- und Parkverstößen sowie SMS-Schreiben oder Telefonieren am Steuer aus. Zu den Ordnungswidrigkeiten kamen 38 429 Strafanzeigen wegen Verkehrsdelikten.

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Allein durch stationäre Verkehrsüberwachungsanlagen mit Laser erwischte die Polizei 54 683 Temposünder – eine Steigerung um mehr als 90 Prozent! „Das liegt vor allem daran, dass die Überwachung nach dem Richard-Strauss-Tunnel nun auch im Petueltunnel scharf geschaltet wurde“, erklärte Polizeidirektor Schaumaier. Die intensiven Kontrollen sowie Radargeräte und Laser führten 2013 zu einem Rückgang von Tempo-Unfällen um 29 Prozent auf 449.

Fahrerflucht

 

12 870 Fahrer machten sich im vergangenen Jahr nach einem Unfall einfach aus dem Staub. Das ist fast jeder vierte Unfallverursacher (23 Prozent in der Stadt, 24 Prozent im Umland). Oft handelt es sich um Bagatellunfälle mit Blechschäden, doch es waren auch zwei tödliche Unfälle dabei.

Sterbenden auf der Straße zurückgelassen

 

Fast jeder vierte Unfallverursacher ist im vergangenen Jahr geflüchtet – das sind insgesamt 12 870 Fälle. Besonders erschreckend waren zwei Unfälle, bei denen ein Tourist und eine Rollstuhlfahrerin zu Tode kamen.

Die hektische Fahrt eines Taxifahrers kostete am 24. Oktober einen Touristen aus Australien das Leben. Der 26-Jährige kam vom Oktoberfest und wollte bei Rot hinter einer Fußgängergruppe noch schnell die Bayerstraße überqueren.

Zwei Autofahrer, die bereits Grün hatten, blieben stehen und ließen die angeheiterten Fußgänger passieren. Da fuhr der Taxifahrer an den stehenden Autos vorbei und erfasste den Australier.

Der Fußgänger wurde unter das Auto gezogen, überrollt und mehrere Meter mitgeschleift. Trotzdem fuhr der Taxifahrer weiter und brachte erstmal seine drei Fahrgäste zu ihrem Ziel. Anschließend zeigte der 24-Jährige aber doch noch Reue: Er kehrte anschließend zum Unfallort zurück, stellte sich.

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Am 8. Juli ereignete sich in der Soyerhofstraße in Harlaching ein tragischer Unfall, bei dem eine 72-Jährige getötet wurde. Die Frau saß im Rollstuhl in einem Krankentransporter, sie war mit einem Bauchgurt gesichert. Vor dem Sanka wechselte eine 19-Jährige plötzlich die Spur ohne zu blinken, zwang den Sankafahrer zur Vollbremsung. Die Verursacherin flüchtete, die Patientin starb.

Die Polizei konnte 2014 knapp die Hälfte (47,04 Prozent) aller Unfallflüchtigen ermitteln – auch diese.

Mehr Radl-Unfälle

 

Der Winter 2014 war mild, was schon ab Januar viele Münchner aufs Fahrrad lockte. Die Folge war ein Anstieg der Unfälle auf 3022 (plus 9 Prozent). 2453 Radfahrer wurden verletzt, sieben getötet. Von den Todesopfern trugen fünf keinen Helm. Robert Kopp: „Ich kann nur immer wieder appellieren – auf der Skipiste trägt man ja inzwischen auch selbstverständlich einen!“

Auffallend ist, dass an mehr als 500 Rad-Unfällen (fast 17 Prozent) ausschließlich einzelne Radfahrer beteiligt waren. Da kam es etwa zu bösen Stürzen gegen Schilder oder auf die Straße. Von den Radfahrern, die ohne das Zutun anderer stürzten, waren 39 betrunken. „Ich befürworte eine Senkung der Promillegrenze für Radfahrer von 1,6 auf 1,1 Promille“, sagte Robert Kopp. Das hatten auch mehrere Experten beim diesjährigen Verkehrsgerichtstag in Goslar gefordert.

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