Reismühle bei Gauting: Die kleine Wiege des großen Karl

Vom Geburtsort eines bedeutenden Königs bis zur Künstlerkolonie: Die Reismühle bei Gauting ist ein geschichtsträchtiger Ort am Fluss.
| Karl Stankiewitz
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Heute ist die Reismühle bei Gauting eine Ateliergemeinschaft von rund 40 Künstlern.
Thomas Stankiewicz 2 Heute ist die Reismühle bei Gauting eine Ateliergemeinschaft von rund 40 Künstlern.
Die angebliche Wiege von Karl dem Großen in der Reismühle bei Gauting.
Thomas Stankiewicz 2 Die angebliche Wiege von Karl dem Großen in der Reismühle bei Gauting.

Gauting - Die Würm ist immer, auch im Winter, und fast überall zwischen dem Starnberger See und der Einmündung in die Amper bei Dachau einen Ausflug wert. Oft habe ich das sprudelnde Flüsschen auf neu angelegten Fußwegen begleitet, habe mich an kleinen Badebuchten niedergelassen.

Beschauliche Etappen zwischen der Werft bei Percha, dem mit einem Biergarten lockenden Wittelsbacher-Schloss Leutstetten und dem Park des Krankenhauses von Pasing habe ich mit dem Kajak befahren, natürlich nicht in den Brutzeiten der Wasservögel; dem Angriff eines flügelschlagenden Schwans war ich dennoch ausgesetzt.

Zahlreiche Mühlen klapperten einst am rauschenden Bach

Streckenweise ist die Würm noch lebendiger als die Isar, was ja "Reißende" bedeutet. Bevor sie die reizvollen Villenkolonien im Südwesten Münchens durchquert, passiert das Wasser üppige Schilfgürtel, lichte Laubwälder und buschige Auen. Mehrere Adelshäuser, uralte Reichshöfe, mittelalterliche Kirchen säumen die Ufer. Zahlreiche Mühlen klapperten einst am rauschenden Bach. Einige Riesenräder rotieren sogar noch oder wieder und begeistern Spaziergänger mit ihrer rekonstruierten Idylle.

Frühe Urkunden weisen Gauting als Königshof der Karolinger aus

Von Obermühl führte früher ein Pfad 50 Meter tief ins Würmtal. Leider sind der S-Bahnhof und der benachbarte Jazz-Biergarten dort oben und das Forellen-Restaurant unten längst aufgelassen. Doch immer noch ist die Schönheit der Natur geschmückt mit einzigartigen Attraktionen. Dieses schmale Tal ist randvoll von Romantik, von Legenden, von Zeugen der Geschichte, von versteckten Geheimnissen.

Darum geht's in der "Reismühl-Sage"

Spurensuche in Gauting, dessen rund 4.000 Jahre alte Besiedlungsgeschichte etliche Vitrinen im supermodernen Rathaus füllt. Früheste Urkunden weisen den Ort als karolingischen Königshof aus. Dazu gehörte auch eine Reichshofmühle, die seit etwa 800 verschiedenen Klöstern zugeeignet wurde.

Ein Mönch aus Weihenstephan soll 1472 ein Geheimnis gelüftet haben. Seine in der Bayerischen Staatsbibliothek verwahrte handschriftliche Chronik schildert den ehemaligen Reichshof bei Gauting als den Geburtsort von Karl dem Großen. Nacherzählt hat "Die Reismühl-Sage" der verstorbene Gautinger Historiker und Heldentenor Wolfgang Vogt-Vilseck in knorrigem altdeutschen Stil.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Hier eine Kurzfassung der großen Karls-Kunde, kondensiert aus 250 Buchseiten und eigenen Quellen der Reismühle: Im Jahr 740 entsandte der junge Frankenkönig Pippin aus seinem Hoflager in Weihenstephan seinen Obersthofmeister Philipp de la Bas nach Brabant. Er sollte um die Königstochter Berta als Braut werben und sie ihm bringen. Im Dickicht der Würmwälder befahl der Schurke seinen Knechten, das Mädchen zu töten. Die aber hatten Erbarmen und übergaben die blutige Zunge eines Schafes als Beweis für die ausgeführte Tat.

Der Mörder und sein Weib wurden hingerichtet

Die echte Berta wurde Magd bei den Reismüllers, die deren extraschön gewebte Teppiche in Augsburg und am Freisinger Bischofshof anboten. Statt Berta führte La Bas dem Herrscher seine eigene Tochter als Braut zu.

Neun Jahre später begegnete "Pippin der Kleine" (er hatte kurze Beine) auf der Saujagd dem fremden Mädchen in der Mühle. An Ringlein und Wappen auf ihrem Hemd erkannte er seine echte Berta und pflegte wohl auch der Minne. Der Mörder und sein Weib, das ihn angestiftet hatte, wurden hingerichtet, die falsche Königstochter in ein Kloster verbannt. So der Spruch des "Gau-thing", der im Würmgau richtete. Weil er noch in den Krieg ziehen musste gegen die Sachsen, ließ Pippin die Wiedergefundene in der Obhut der braven Reismüller. Als er im folgenden Frühjahr auf Rat seines Sterndeuters wieder in die Mühle kam, überreichte man ihm einen Pfeil als Zeichen dafür, dass ihm ein Büblein geboren ward: Karl, Charles, Carolus Magnus, der zum Großvater eines vereinigten Europa werden sollte.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

"Selbst für Kundige gibt es noch viel zu entdecken"

Über Ort und Tag der Geburt gibt es allerdings mehrere Varianten, aber keine Beweise. Aachen scheint der Wahrheit näher zu stehen. Als Datum nennt die Geschichtsschreibung den 2. April 747 oder 748. (Von 768 bis 814 jedenfalls beherrschte und vergrößerte der zum Kaiser gekrönte Karolinger das Fränkische Reich.)

"Selbst für Kundige gibt es noch viel zu entdecken", sagt Altbürgermeister Ekkehard Knobloch. Immerhin hat die Gemeinde zur Untermauerung der Sage noch mehr Indizien als die Schriften aufzuweisen. Etwa die geologischen Ortsnamen Karlsberg und Königswiesen. Auf Schloss Hohenschwangau hat König Max II. prächtige Wandgemälde zur Geburt Karls des Großen anbringen lassen.

Die angebliche Wiege von Karl dem Großen in der Reismühle bei Gauting.
Die angebliche Wiege von Karl dem Großen in der Reismühle bei Gauting. © Thomas Stankiewicz

Im Haupthaus der Mühle steht tatsächlich ein Kinderbett 

Und warum wohl hat Gauting im Wappen eine Kaiserkrone über dem Mühlrad? Ungeklärt ist auch, ob der Ortsname vom legendären "Gauthing", eine Art Urparlament, herrühren könnte. Der Clou: Im historischen Haupthaus ist eine Wiege zu bestaunen, über der ein Auszug aus der "Weihenstephaner Chronik" kopiert ist. Dass darin einst der kleine Karl lag, daran glauben - mehr oder weniger - alle heutigen Bewohner des Mühlendorfes.

Seit 1846 saß die Müller-Dynastie der Guggemoos auf dem Anwesen. Bis 1998 noch wurde hier Korn gemahlen. Dann verpachtete die letzte Erbin, Gabriele Haller, Mühle samt Nebengebäuden an eine Ateliergemeinschaft, 40 Künstler und Kunsthandwerker diverser Sparten leben und arbeiten derzeit hier. "Die Karlssage finden wir durchaus passend für einen so besonderen Ort," sagt deren Sprecherin Christine Wieland, spezialisiert auf "Cross Media Painting" und Stadtmalerin von Starnberg.


Im Juli dieses Jahres wollte das Kollektiv "20 Jahre Kunst" feiern, mit Ausstellungen, Straßenmusik und Atelierführungen. Immerhin kann man sie auf ihrer Webseite besuchen: www.reismuehle.eu.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren