Über den Wolken der Stadt - die Debatte um Hochhäuser in München

Um die 155 Metern hohen Türme an der Paketposthalle ist eine Debatte entbrannt. Aber ist Höhe immer schlecht? Ein Architekt hat sich für die AZ verschiedene Hochbauten angesehen.
| Eva von Steinburg
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Nahe der S-Bahn-Station Hirschgarten geplant: Die leicht geschwungenen Zwillingstürme sollen mit Schrägaufzügen verbunden werden.
Nahe der S-Bahn-Station Hirschgarten geplant: Die leicht geschwungenen Zwillingstürme sollen mit Schrägaufzügen verbunden werden. © Herzog & de Meuron

München - Hochhäuser können moderne Wahrzeichen sein oder banale Stummel. Sind sie zukunftsweisend für München? Diese Frage treibt die Stadtgesellschaft momentan um. Es gibt Ansätze in neuen Wohntürmen bezahlbares Wohnen zu ermöglichen. Werden darin Wohnungen günstig angeboten, sind dafür die anderen Einheiten teurer.

Die ästhetische Frage ist: Bereichern Wolkenkratzer die Stadt-Silhouette? Stadtplaner und Politiker, die zu vorsichtig agieren, können optisch ehrgeizige Projekte kappen. Zu Unrecht? Oder verhindern sie so Verschandelung?

Die grün-rote Rathausmehrheit in München hat sich für die zwei 155-Meter-Türme an der denkmalgeschützten Paketposthalle ausgesprochen. Doch ein Teil der Münchner spürt ein Unbehagen - und möchte die Riesen nicht akzeptieren.

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"Die Höhe macht nicht unbedingt einen Unterschied"

Die Debatte um die Doppeltürme an der S-Bahn-Station Hirschgarten wird hitzig geführt. Niedrige Hochhäuser seien für eine Stadt verträglicher als hohe Türme - das sei eine verbreitete Meinung in Deutschland, hat der Architekt Johannes Ernst beobachtet. Diese Ansicht hält der Chefplaner des Werksviertels aber für falsch: "Es macht womöglich keinen Unterschied, ob ein Turm 100 oder 150 Meter hoch ist. Einen Unterschied macht die Integration des Turmes in die bürgerliche Stadt." Ein kurzes, schlecht integriertes Hochhaus richte viel mehr Schaden an "als ein hoher, inhaltlich verankerter Turm".

Johannes Ernst (55) ist der Chefplaner des Werksviertels. Als Mitinhaber des Büros Steidle Architekten in München ist er verantwortlich: für den gelben Wohnturm auf der Theresienhöhe, das dritte Sternhochhaus in der Siemensstadt und den neuen Hybridturm im Werksviertel mit Kletterhalle, Hostel, Hotel und Geschäften. Als Professor an der TU Darmstadt lehrt er das Fach "Entwerfen und Wohnnungsbau".
Johannes Ernst (55) ist der Chefplaner des Werksviertels. Als Mitinhaber des Büros Steidle Architekten in München ist er verantwortlich: für den gelben Wohnturm auf der Theresienhöhe, das dritte Sternhochhaus in der Siemensstadt und den neuen Hybridturm im Werksviertel mit Kletterhalle, Hostel, Hotel und Geschäften. Als Professor an der TU Darmstadt lehrt er das Fach "Entwerfen und Wohnnungsbau". © Steidle Architekten, München

Die Fachwelt meint, gestutzte Türme können klobig wirken. Beim Kürzen leide Eleganz und Genialität. Johannes Ernsts Erfahrung: "Gut gedachte Dinge, gerade wenn sie kühn sind, verstehen die Leute durchaus."

Der Architekt äußert sich in der AZ zu sechs unterschiedlichen Hochhaus-Projekten in Europa, Nordamerika und Asien - inklusive dem Aspekt: Welcher Entwurf passt in unsere Stadt?


La-Roche-Türme in Basel "Nichts für München"

Modernes Wahrzeichen der Schweiz: Die La-Roche-Bürotürme sind über Basels Stadtgrenze hinaus weithin zu sehen. Der Entwurf stammt vom Büro Herzog & de Meuron, das aus Basel stammt. Die Hochhausspezialisten haben für München die Türme an der Paketposthalle erdacht. Mit 178 Metern Höhe gilt der erste Turm des Pharma-Multis La Roche als höchstes Hochhaus der Schweiz. Direkt daneben ist der La Roche Tower 2 seit 2017 in Bau. Hochhaus zwei wird mit 205 Metern höher. Zahl der Geschosse: Fünfzig. Fertigstellung: Mitte 2022.

Noch in Bau: Der zweite La-Roche-Turm wird 2022 fertig.
Noch in Bau: Der zweite La-Roche-Turm wird 2022 fertig. © imago

Johannes Ernst dazu: "Diese Türme passen in die Kleinstadt Basel, so surreal es ist: Dieses Weiße ist absolut sachlich, die reduzierte Bänderung, die Glätte der Fassade - das sind Elemente aus dem etablierten Gestaltungskanon dieser Weltfirma. Die La-Roche-Türme sind faszinierend und wirken trotzdem nicht fremd. Der Betrachter spürt, dass die Türme eine lokale Verortung haben. La Roche beansprucht von der Provinz aus als Weltfirma eine Marktführerschaft und funkt von dort in die Welt.

Wären solche Hochhäuser etwas für München? "Mit unserer Stadt haben diese Türme nichts zu tun. Hier kann ich sie mir nicht vorstellen, obwohl es gute, interessante Hochhäuser sind. Sie reflektieren die Wirtschaftsposition und Firmentradition von La Roche - und wurden ganz für Basel gebaut."


Grand Tower in Frankfurt "Designmäßig abgehoben"

Der Wohn-Wolkenkratzer: Mit 172 Metern Höhe ist der Grand Tower in Frankfurt Deutschlands höchster Wohnturm. Architekt Magnus Kaminierz hat die 51 Etagen 2020 fertiggestellt. Die 418 Wohnungen sind beinahe verkauft. Das neue Hochhaus hat eine Glas-Aluminiumfassade und Panoramafenster. Die Aussichtsplattform ist exklusiv für Grand-Tower-Bewohner und ihre Gäste.

Luxus-Wohnungen für Anleger sind in dem Turm entstanden.
Luxus-Wohnungen für Anleger sind in dem Turm entstanden. © imago

Johannes Ernst: "Meinen Geschmack trifft der Grand Tower nicht. Er ist mir zu glatt. Der Turm ist designmäßig abgehoben. Das ist Betongold, allein schon der Name ... Die gekurvten Scheiben wirken wie Windschutzscheiben: der Turm ähnelt einem Designobjekt, einer Blechkarosserie in der Luft. Die Proportionen sind jedoch gut. Mein Eindruck: Der Turm nimmt sich etwas von der Stadt, gibt aber nichts zurück. Es gibt nichts Öffentliches an diesem Haus.

Passt das Wohnhochhaus nach München? Eigentlich nicht. Ich finde das Hochhaus protzig. Es sieht nach neuem Börsengeld aus: international Style, am Ende austauschbar. Solche Wohnungen sind eine Geldanlage des internationalen Kapitals, es gibt kaum Selbstbezieher."


Türme an der Paketposthalle "Die Türme sind kühn. Ich habe da Vertrauen"

Kick für die Münchner Skyline: Die zwei 155 Meter hohen Türme, die die Baseler Star-Architekten Herzog & de Meuron entworfen haben, sollen ein sichtbares Zeichen sein: für die Entwicklung der denkmalgeschützten Paketposthalle zum öffentlichen Highlight. Ein Mix aus Büro, Wohnen, Hotel und Gastronomie soll in den höchsten Türmen der Stadt untergebracht werden. Die leicht geschwungenen Zwillingstürme sind mit außenliegenden Schrägaufzügen verbunden. Diese Lifte sollen das oberste Stockwerk für die Münchner Öffentlichkeit erschließen. Dieses soll frei zugänglich sein.

Nahe der S-Bahn-Station Hirschgarten geplant: Die leicht geschwungenen Zwillingstürme sollen mit Schrägaufzügen verbunden werden.
Nahe der S-Bahn-Station Hirschgarten geplant: Die leicht geschwungenen Zwillingstürme sollen mit Schrägaufzügen verbunden werden. © Herzog & de Meuron

Architekt Prof. Johannes Ernst kommentiert: "Die Türme haben Ausstrahlung. Sie sind kühn und haben eine spektakuläre Form. Weil es Twin Towers sind, gibt es den Bezug zur Frauenkirche und zu den verlorenen Twin Towers in New York. Ihre Höhe stört mich nicht, im Gegenteil. Als weithin sichtbares Zeichen sprengen sie zwar den Maßstab. Doch die Türme kommunizieren mit der Paketposthalle und dem Quartier zu ihren Füßen - das ist extrem wichtig und bringt der Stadtgesellschaft etwas. In der jetzigen Form gefallen sie mir nicht so gut. Die Schrägaufzüge sind gestalterisch irritierend. Das wird sich noch entwickeln, meine ich. Herzog & de Meuron zählen zu den besten Architekten der Welt, auch das Olympiastadion in Peking ist von ihnen. Sie schaffen es, in der kommerziellen Welt, einen akademisch-konzeptuellen Anspruch zu halten. Ich habe da Vertrauen."

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Passen die Türme zur Stadt? "Diese Höhe finde ich gut für München. Die Türme werden immer provozieren, weil sie so unmittelbar auftauchen. Doch, wenn man sie um 50 Meter kappt, dann wäre das deprimierend, sie verlieren ihr Heldentum. Das sollte man nicht tun. Sehr sympathisch ist, dass darauf geachtet wird, dass es beim Wohnen hier zu einer Durchmischung kommt. Natürlich sind die Türme ein ikonischer Angriff auf das jahrhundertealte Stadtbild von München. Es gab aber auch schon ein München vor der Frauenkirche. Die Stadt lebt von Veränderung und Fortschreibung. Dass die Bürger in einer demokratischen Gesprächskultur jetzt darüber debattieren, ist gut. Wenn die Idee gut ist und man sie gut transportiert, braucht man keine Angst zu haben vor den Bürgern."


Norra Türme "Perfekt fürs Werksviertel"

Das Tor zur City von Stockholm: Die höchsten Wohngebäude in Schwedens Hauptstadt sind 125 Meter und 110 Meter hoch. Die Wohntürme der Architekten Renier de Graaf und OMA bieten den Schweden 300 unkonventionelle neue Wohnungen. Als Tor zur Innenstadt stehen sich die zwei modernen Türme aus Fertigteilen gegenüber. Auf dem Foto ist der zweite Turm noch nicht fertig. Besonderheit der Fassade: die Treppenform und der natürliche Braunton.

Einer der Norra-Türme in Stockholms Innenstadt.
Einer der Norra-Türme in Stockholms Innenstadt. © imago

Johannes Ernst: "Wie eine Stadtkrone wirken die beiden Türme. Sie haben eine starke Plastizität. Schön ist, wie sie aus der Stadtstruktur herauswachsen. Sie sind nicht fremd für die Stadt mit dem mineralischen Material. Die Treppenform ist lebendig, wie zufällig. Das Andersartige macht ihre Faszination aus."

Passt so eine Architektur nach München? Das Werksviertel wäre der perfekte Ort dafür. In dem Quartier gehen wir vom Nachbarschaftlichen und Gemeinschaftlichen aus. Die Gebäude strahlen Individualität aus. Und im Werksviertel dürfen aus der gemeinsamen Grundstruktur Spitzen wachsen, so dass das Brillante seinen Platz finden kann."


Amazon-Tower in Berlin: "Eine vertikale Trutzburg"

Nächstes Jahr ist der umstrittene Turm fertig: Bjarke Ingels, Shooting-Star der dänischen Architekturszene, baut neben den Bahngleisen der Warschauer Brücke in Berlin den "Edge East Side Tower". Der sogenannte "Amazon-Tower" wird der neue Berliner Amazon-Firmensitz.

Das Hochhaus wird als "klobig" kritisiert: Gegen Hauptmieter Amazon gibt es in Berlin Protest.
Das Hochhaus wird als "klobig" kritisiert: Gegen Hauptmieter Amazon gibt es in Berlin Protest.

Aufgebrachte Demonstranten haben gegen den Turm mit Hauptmieter Amazon protestiert. Kritiker befürchteten, dass der Büroturm die Mieten im Kiez an der Grenze von Friedrichshain und Kreuzberg rasant ansteigen lässt. Optisch wirke der Bau "klobig". Umplanungen hätten den Ur-Entwurf "banalisiert".

Johannes Ernst sagt zum Entwurf: "So isoliert an der Spree ist der Turm vertretbar. Das Gebäude steht sinnvoll und nachvollziehbar in einer Linie industrieller Großbauten am Fluss. Doch das Gebäude ist langweilig. Das ist kein Hochhaus, es ist eine vertikale Trutzburg, mit Amazon als Hauptmieter, in der man am Eingang keinen Eingang findet. Wäre auf dem Dach ein Park, auf den Kreuzberger hochkönnen, gäbe es weniger Anwohner-Proteste, glaube ich. Zudem könnte der Turm höher sein. Hochhäuser, die Stumpen sind, haben nur Nachteile, jedoch wenige Vorteile."

Könnte das Hochhaus in München stehen? "Mir fehlt etwas die Fantasie, einen Ort dafür zu finden. Doch an der S-Bahn in Allach kann ich mir dieses Hochhaus, in sozialisierter Form, vorstellen – oder an einer Ausfallstraße."


Das "Eden" in Singapur: "Hier würde ich wohnen"

Das innovative Wohnhaus "Eden" in Singapur vereint die Urkraft privater Gärten mit modernster Hochhausarchitektur. Das Büro Heatherwick aus London hat den begrünten Turm in dem asiatischen Stadtstaat errichtet: mit einer Höhe von 105 Metern und einer Wohnung pro Etage. Üppige Farne und Kletterpflanzen auf den Balkonen sollen in dem tropischen Klima eine Aura von Fülle und Harmonie schaffen.

Ein Haus, das ergrünt.
Ein Haus, das ergrünt. © Heatherwick

Johannes Ernst sagt: "Der Wohnturm gefällt mir sehr. Hier würde auch ich wohnen wollen. Beim Thema Fassadenbegrünung sind die asiatischen Städte viel weiter als wir. Die Hochhäuser in der direkten Umgebung sehen ähnlich aus, haben aber kein Fassaden-Grün. Durch die Pflanzen wirkt das Eden so, als würde sich im Viertel einer cooler anziehen."

Sehen Sie das Hochhaus in München? "Durchaus. Nicht in der Innenstadt, aber so eine Art von Hochhaus könnte als Nachverdichtung in Neuperlach oder Riem errichtet werden. Das Eden ist ein echter Wohnturm. Hochhäuser sollen auch das ausstrahlen, was sie sind. Generell bin ich ein großer Befürworter von einem Nutzungsmix in Hochpunkten: Denn verschiedene Idee, Schichten, Gestalten, Forschungen sind das Lebenselixier der Stadt. Ich meine, Hochhäuser sollen ihrer Stadt etwas geben – und ganz unterschiedlichen Menschen ein Erlebnis bieten."


Was ist Ihre Meinung? Ist München architektonisch zu brav und es sollte mehr gewagt werden? Oder wird jetzt schon zu viel gebaut, was nicht in die Stadt passt? Schreiben Sie uns, was Sie denken! leserforum@az-muenchen.de oder Garmischer Str. 35, 81353 München

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