Tourismus-Experte Pillmayer: Sex, Sand und Sangria sind out

Der Uni-Professor Markus Pillmayer über aktuelle Reiseängste, Overtourism – und worauf man in Zeiten von Corona besonders achten sollte.
| Interview: Hüseyin Ince
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Spanien, Palma: Touristen Gäste dürfen nur noch auf dem Areal der Partylokale trinken und nicht mehr auf der Straße.
Clara Margais/dpa 2 Spanien, Palma: Touristen Gäste dürfen nur noch auf dem Areal der Partylokale trinken und nicht mehr auf der Straße.
Markus Pillmayer (41) ist Professor für Tourismus an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
privat 2 Markus Pillmayer (41) ist Professor für Tourismus an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

München - In Bayern haben die Ferien begonnen. Und in der Tourismusbranche ist Corona das bestimmende Thema. Reisende sind verunsichert, wohin und ob sie überhaupt wegfahren sollen.

Markus Pillmayer ist Tourismus-Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften. In seinen jüngeren Jahren verliebte er sich in das Thema Tourismus, während er Geografie studierte. "Die abwechslungsreichste Branche der Welt", sagt er.

Pillmayer gab der AZ einige Antworten zu Reisen und Corona.

 

AZ: Herr Pillmayer, hat es die Reisebranche mit Corona am heftigsten getroffen?
MARKUS PILLMAYER: Absolut. Sie war die erste, die damit konfrontiert worden ist, und leidet am längsten. Und Tourismus ist extrem facettenreich. Clubs sind geschlossen, die Wiesn ist abgesagt, all das führt zu heftigsten Verwerfungen. Alles ist "on hold". Plötzlich finden Corona-Partys statt. Die Menschen haben also ein Bedürfnis, zusammenzukommen. Tourismus bedient auch diesen sozialen Aspekt.

Wo geht Ihre Reise heuer hin?
Vielleicht ins Altmühltal. Die Situation ist bei uns so: Wir haben letztens das Haus meiner Großeltern in Ingolstadt saniert. Jetzt genießen wir diesen Sommer den Garten, ernten die Früchte unserer Arbeit. Es war viel Stress. Und am unstressigsten ist es, wenn man es sich im Garten gemütlich macht.

Welche Rolle spielte Corona bei Ihrer Entscheidung?
Keine große. Ich würde meine Reiseentscheidung vom Reiseziel abhängig machen. Wenn ich mir sicher bin, dass der Veranstalter alles dafür tut, coronasicher zu sein, spricht nichts gegen die Reise.

Markus Pillmayer (41) ist Professor für Tourismus an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Markus Pillmayer (41) ist Professor für Tourismus an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. © privat

Pillmayer: "Muss ich denn jedes Jahr fliegen?"

Wohin würden Sie derzeit reisen?
Deutschland. Ich merke, wie sehr sich die Kollegen hierzulande bemühen. Beim europäischen Ausland würde ich differenzierter vorgehen. Großbritannien zum Beispiel: Das wäre mir mit den großen Infektionszahlen etwas zu riskant.

Was halten Sie derzeit von Flugreisen?
Die würde ich derzeit tendenziell meiden. Auf engstem Raum in einer Kabine: Bei 1.000 Flugreisenden vermutet man einen Infekt. Das ist mir einen Tick zu riskant. Hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nie. Auch wenn Sie an einer roten Ampel stehen, kann das tödlich enden.

Vertrauen Sie den Klimaanlagen in Flugzeugen?
Ich möchte ihnen vertrauen, aber ich bin noch nicht so weit, dass ich den Anlagen tatsächlich vertrauen kann. Die Frage ist auch vielmehr, muss ich denn jedes Jahr fliegen oder mehrmals in den Urlaub fahren? Welche Wertigkeit sollte Urlaub haben. Da sind wir schnell in der Nachhaltigkeitsdebatte, wenn ich – übertrieben gesagt – bei drei Tagen, die ich frei habe, gleich in die Karibik fliege.

Worauf vertrauen Sie beim Reisen während Corona?
Wenn ich zum Beispiel merke, dass der Veranstalter kontrolliert, ob alle die Masken tragen, wenn sie sie tragen sollen. Aber man kann jetzt auch nicht die komplette Verantwortung auf den Veranstalter abwälzen.

Pillmayer: "Im Ernstfall gleich wieder nach Hause"

Würden Sie selbst derzeit nach Italien fahren?
Ich kann jeden verstehen, der es macht. Es ist ein wunderbares Reiseland. Aber mir persönlich ist die Infektionsgeschichte noch zu unkonkret. Ich glaube, ich könnte mich nicht entspannen, außer ich säße in einem Ferienhaus in der Toskana.

Haben Sie Zahlen und Fakten für uns? Wie viel Prozent der Deutschen werden Urlaub im Heimatland machen?
Da gibt es zwar Umfragen. Aber die Ergebnisse sind Momentaufnahmen mit großen Fragezeichen. Wir wissen ja alle nicht, wie sich die Pandemie entwickelt. In Bayern gibt es jedenfalls noch viele freie Kapazitäten. Ich glaube, die Kollegen würden sich freuen, wenn sie Gäste aus Norddeutschland oder Bayern bekommen.

Welches Reiseverhalten erwarten Sie?
Man geht davon aus, dass Reisen in konzentrischen Kreisen stattfinden wird. In München wäre das also zunächst die Isar und der Englische Garten. Der zweite Kreis wäre das Berchtesgadener Land und ähnliche Regionen. Da spielt wohl der Gedanke eine Rolle, dass ich im Ernstfall gleich wieder nach Hause fahren kann.

Also wird der Hamburger eher in Kiel an den Strand fahren?
Ja, das ist möglich, aber vielleicht ist das ja schon passiert, und der Hamburger Urlauber arbeitet sich jetzt weiter in den Süden.

Pillmayer: "Overtourism ist eine Nebelkerze, eine falsche Debatte"

Ohne medizinisch zu werden: Wie sollte man mit der Angst vor Corona umgehen?
Ängste sind normal. Man muss das Thema Corona ernst nehmen, aber sich auch nicht verrückt machen lassen. Man sollte sich gut informieren. Die Anbieter müssen einem klar machen, was mich am Urlaubsort erwartet. Es geht um Risikokontrolle. Wenn Sie um zwei Uhr nachts durch Nebenstraßen von New York gehen, können Sie überfallen werden. Der Anbieter muss sich fragen: Sind meine Produkte coronatauglich? Und der Reisende muss sich fragen, ob seine Reise coronatauglich ist. In der Schweiz gibt es mittlerweile ein Zertifikat, es nennt sich "Clean and Safe".

Die Rede ist ja häufig von "Overtourism". Woran merkt man, dass es an manchen Orten zu Overtourism kommt?
Da gibt es eine Formel, die setzt man an den Übernachtungen pro Einwohner an. Aber das ist keine pauschale Formel. Es kommt auf das soziale Gefüge vor Ort an. In Ruhpolding leben alle von Tourismus. Die freuen sich über jeden Touristen. In Holzkirchen sieht es da unter Umständen anders aus. Um Ihre Frage zu beantworten: Bayernweit können wir noch lange nicht von Overtourism sprechen. Das ist eine Nebelkerze, eine falsche Debatte, die auch vielen Kollegen schadet. Man kann hier eher von Overcrowding sprechen. Am Schliersee oder Walchensee trifft man auf Overcrowding, wenn wieder ein Brückentag ansteht oder ein verlängertes Wochenende.

Das heißt also?
Nicht die Übernachtungsgäste sind in erster Linie die Herausforderung, sondern die Tagestouristen.

Pillmayer: "Reisen ist ein universelles Gut"

Wie definiert sich eigentlich Overcrowding?
Da gibt es auch keine einheitliche Definition. Das hängt von der Wahrnehmung ab. Ich gebe da immer das Beispiel Allianz Arena. Da stellt man sich problemlos mit 70.000 Menschen in ein Stadion, natürlich außerhalb der Corona-Pandemie. Aber in der U-Bahn wird das den gleichen Leuten zu viel.

Was empfehlen Sie Touristen in der aktuellen Situation?
Geduldig und entspannt mit Rücksicht vorgehen. Halten Sie sich stets an die Auflagen. Es muss nicht immer höher, schneller weiter sein. Nachhaltiges Reisen ist eine Debatte, die wahrscheinlich durch Corona befeuert wird. Christmas-Shopping übers Wochenende in New York war schon vor der Pandemie nicht besonders sinnvoll. Ich hoffe, dass wir eine Werte-Diskussion führen, im Sinne von: Was ist uns die Qualität vor Ort oder ein Lächeln des Personals wert? Viele haben kein Problem damit, einen SUV für 80.000 Euro zu kaufen. Aber wehe, das Schnitzel kostet mehr als 15 Euro.

Wann wird Reisen wieder zur Normalität gehören?
Da müsste man "normal" definieren. Reisen ist ein universelles Gut. Es ist momentan einfach eine andere Art des Reisens. Corona wird uns lange begleiten. Es geht jetzt nicht mehr um Sonne, Sex, Sand und Sangria, eher um Nachhaltigkeit und Hygienestandards.

Lesen Sie hier: Wegen Corona - Schönheits-OPs boomen in München

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