Stundenlanges Schlangestehen: Chaos im Münchner Impfzentrum

In Riem werden jetzt hochbetagte Münchner gegen Corona geimpft. Senioren und deren Angehörige kritisieren eine "katastrophale Organisation" vor Ort.
| Nina Job
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Manche Impfwillige warten bis zu zwei Stunden in der Kälte, bis sie die Spritze bekommen.
Manche Impfwillige warten bis zu zwei Stunden in der Kälte, bis sie die Spritze bekommen. © Sigi Müller

München - Stundenlang stehen sie bei klirrender Kälte in langen Warteschlangen, stützen sich auf Krücken oder ihre Begleitpersonen. Manche der hochbetagten Münchner schaffen das einfach nicht. "Die Leute haben sich teilweise am Boden hingesetzt, weil es keine Sitzgelegenheiten gibt", berichtet Albin Weingartner, der sich am Montag selbst in einer 150 Meter langen Warteschlange vor dem Impfzentrum in Riem die Beine in den Bauch stand. "Mir geht es verhältnismäßig gut, aber vielen anderen ging es wirklich miserabel", berichtet der 88-Jährige.

Im Impfzentrum in München-Riem herrscht "Vollbetrieb"

Seit einer Woche ist das Impfzentrum in Riem in Betrieb, seit vergangenem Wochenende herrscht "Vollbetrieb": Am Montag wurden mehr als 2.000 Menschen geimpft. In diesen Tagen sind die Münchner mit der höchsten Priorität dran. Die Über-80-Jährigen, Schwerkranke, Rollstuhlfahrer sowie Mitarbeiter der Rettungsdienste - rund 120.000 Personen. Einige werden im Krankenwagen oder mit Behindertentransportern vorgefahren.

Für wohl die meisten ist schon die Anreise anstrengend. Bis sie jedoch die ganze Prozedur bis zur Impfung durchgestanden haben, vergehen derzeit oft Stunden. Albin Weingartner war erst nach fast drei Stunden fertig - obwohl er wie alle anderen einen minutengenauen Termin hatte. Nicht nur er, sondern viele Senioren und deren Angehörige, berichteten der AZ von erschreckenden Zuständen.

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Warten für die Corona-Impfung: "Skandalöses Missmanagement"

Rechtsanwältin Rena Spiegelstein begleitete am Montag ihre Mutter zum Impfzentrum. Die 89-Jährige ist an einem Hirntumor erkrankt, leidet unter Niereninsuffizienz und hatte bereits mehrere Schlaganfälle. Ihre Tochter ist empört: "Im Impfzentrum herrschen gesundheitsgefährdendes Chaos und skandalöses Missmanagement. Da geht es zu wie in einem Dritte-Welt-Land", meint die Juristin. "Schwerkranke, betagte Hochrisikopatienten, die im Krankenwagen zum Impftermin gebracht werden, werden von den Sanitätern alleine vor dem Zentrum in der Kälte abgesetzt, während die Fahrer den Rettungswagen zum Parkplatz fahren, es gibt keine Anfahrt für Krankentransporte."

Seit Dienstag gibt es Wärmezelte, allerdings sind die offen.
Seit Dienstag gibt es Wärmezelte, allerdings sind die offen. © Sigi Müller

Und nicht nur vor der Messehalle herrsche Chaos, berichten mehrere Senioren. Drinnen gehe es weiter. "Die Hauptkatastrophe sind die Formalitäten", sagt Rentner Weingartner. Obwohl alle bereits bei ihrer Registrierung angeben mussten, unter welchen Vorerkrankungen sie leiden und welche Medikamente sie einnehmen, müssten alle noch einmal einen Stapel Papiere ausfüllen. "Dafür gibt es hohe Stehtische, die man sonst bei Partys nutzt. Viele können die Formulare kaum ausfüllen, weil sie nicht hochkommen an die Tische. Sie müssen sie auf dem Schoß ausfüllen. Hinsetzen können sie sich nicht", berichtet der 88-Jährige.

Corona-Sicherheitsabstand kann nicht eingehalten werden

Die Auflistung der Missstände ist noch nicht zu Ende. "Die Menschen stehen in Reihen an wie am Flughafen. Es ist so eng wie im Supermarkt, wenn es etwas umsonst gibt - und das auf einer Länge von 150 Metern mit mehreren Schlangen nebeneinander", erzählt Albin Weingartner. Corona-Sicherheitsabstand? "Nicht möglich", berichten mehrere.

Abstand halten? Geht schlecht am Montag an der Messe.
Abstand halten? Geht schlecht am Montag an der Messe. © CSU Fraktion

Nicht einmal Desinfektionsmittel gebe es für die Wartenden. Rena Spiegelstein: "Auch Wasserspender gibt es keine. Die Leute können nicht einmal etwas trinken." Ein Umstand macht das Warten für Älteren zusätzlich zur Tortur: Die Toiletten befinden sich erst ganz hinten in der Halle. Albin Weingartner: "Das war weit zu gehen, aber durch die Schlangen kam niemand durch. Das war ganz, ganz kritisch für viele Leute."

Rentner ist geschockt über Zustände im Münchner Impfzentrum

Schließlich, fast am Ziel, seien auch noch die Impfkabinen zu schmal. "Rollstühle passen nicht rein. Das heißt, die Leute müssen mühsam herausgehievt werden. Der ganze Frust entlädt sich dann bei den Ärzten. Das sind Zustände wie in einem Entwicklungsland", schimpft der Rentner. Der 88-Jährige ist bedient. "Das war schon ein Schock. Ich habe überlegt, ob ich die Polizei rufe." Um "unnötige Schlangen" zu vermeiden, bittet die Stadt, maximal zehn Minuten vor dem Termin da zu sein.

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