Volle Keller in Schwabing: "OB Reiter kann den Spuk beenden"

Seit mehr als einem Jahr pumpen Münchner in Schwabings Norden auf eigene Kosten Wasser ab und flehen um schnelle Hilfe. Die Stadt bleibt tatenlos, trotz eines Landtagsbeschlusses.
| Hüseyin Ince
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Franziska von Gagern und ein Unterstützer der ersten Stunde: Der Landtagsabgeordnete Christian Hierneis (Grüne) in der Tiefgarage der Genter Straße.
Franziska von Gagern und ein Unterstützer der ersten Stunde: Der Landtagsabgeordnete Christian Hierneis (Grüne) in der Tiefgarage der Genter Straße. © Hüseyin Ince

Schwabing - Knöcheltief steht Franziska von Gagern im Wasser des denkmalgeschützten Otto-Steidle-Hauses, wo sie seit ihrer Kindheit wohnt. Hier an der Genter Straße 13 war sie vor etwa zwei Jahren die erste im Viertel, die von steigendem Grundwasser betroffen gewesen ist. "Vom Regen ist der Wasserstand völlig unabhängig", sagt von Gagern.

Seither pumpt sie zusammen mit der Hausgemeinschaft auf eigene Kosten Wasser ab. Längst ist sie nicht allein. Seit dem Frühjahr 2020 dringt das Grundwasser in etwa 40 Häuser rund um Genter Straße sowie Osterwaldstraße. Mehrmals baten betroffene Anwohner die Stadt um Hilfe. Doch passiert ist bisher: nichts.

Weitere politische Unterstützung für die Grundwasser-Opfer: (v.l.) Landtagsabgeordneter Robert Brannekämper (CSU) und Benno Zierer (FW), sowie der Anwalt der Anwohner Benno Ziegler.
Weitere politische Unterstützung für die Grundwasser-Opfer: (v.l.) Landtagsabgeordneter Robert Brannekämper (CSU) und Benno Zierer (FW), sowie der Anwalt der Anwohner Benno Ziegler. © abzDaniel von Loeper

Auch nach einer Landtagspetition vor 131 Tagen blieb die Stadt tatenlos. Der einstimmige Beschluss des Umweltausschusses im Bayerischen Landtag forderte München dazu auf, den Anliegern rund um die Genter Straße schnell zu helfen.

Volle Keller in Schwabing: Schon 600 Millionen Liter abgepumpt

Eine Sisyphos-Situation ist es für von Gagern und ihre Nachbarn. So wie der tragische Held aus der griechischen Mythologie dazu verdammt wurde, einen schweren Stein auf den Berg zu schleppen und dieser immer wieder herunterrollte, pumpt sie auf eigene Kosten glasklares, eiskaltes Grundwasser ab, das sofort wieder nachfließt.

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Mittlerweile wurde laut von Gagern eine Wassermenge abgepumpt, die der zweifachen Kapazität des Olympiasees entspricht: etwa 214 Millionen Liter - seit der Petition vor 131 Tagen. "Seit Beginn des Problems sind es etwa 600 Millionen Liter, die in der Summe abgepumpt wurden", sagt von Gagern. Es modert in vielen Kellern. Das Wasser greift langsam aber sicher die Bausubstanz an.

Was ist der Grund für die vollen Keller?

Warum das Grundwasser steigt und seit Monaten in die Keller dringt, ist nicht geklärt. Verdächtigt wurde zunächst der Kleinhesseloher See südlich des betroffenen Wohnviertels. Der künstliche See wurde vor etwa zwei Jahren abgepumpt, musste gereinigt werden. Dabei stellte man ein Leck fest. Städtische Behörden wie die Münchner Stadtentwässerung wuschen sich nun die Hände in Unschuld, machten das hier abgeflossene Wasser für den steigenden Pegel verantwortlich. Der See ist mittlerweile aber befüllt, das Leck längst dicht.

Auch die Tatsache, dass die Kanalisationsanlagen der Gegend abgedichtet wurden, könnte eine Rolle spielen. Experten trugen bei einer Bezirks-Sitzung im vergangenen Sommer vor, dass die früher undichte Kanalisation wohl einiges an Grundwasser aufgenommen hat. Und: Zahlreiche Neubauten - wohlgemerkt, genehmigt von der Stadt - sorgen dafür, dass die Böden weniger Grundwasser aufnehmen können.

Keller unter Wasser: Ist ein Regenwasserablaufkanal schuld?

Doch für Anwohnerinnen wie Franziska von Gagern ist klar: Ein mächtiger Regenwasserablaufkanal ist schuld. Er wurde lange nach den ersten Gebäuden 1986 in Ost-West-Richtung verlegt, parallel nördlich der Genter Straße. Er staut wohl das Grundwasser auf, das in München von Südwest nach Nordost fließt. Doch das sieht die Stadtentwässerung anders. Der Kanal habe sogenannte Düker, die das Wasser von Süd nach Nord umleiten, so deren Antwort. "Aber sie haben nicht mehr die nötige Kapazität", so die Einschätzung der Anwohner.

"Das Bayerische Umweltministerium hat die Fachaufsicht und müsste sich eigentlich darum kümmern, dass die Stadt den Beschluss des Landtags durchsetzt und den Anwohnern hilft", sagt der Anwalt der Betroffenen, Benno Ziegler. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sieht er als obersten Dienstherr Münchens in der Verantwortung: "Herr Reiter könnte den Spuk von heute auf morgen beenden. So wie ich meine Assistentin beauftragen kann, einen Schriftsatz vorzubereiten, könnte Herr Reiter die Behörden anweisen, hier sofort zu handeln."

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