Verkehrschaos und Baustellen: Pasing leidet unter "verkorkster" Umgestaltung

Fast zehn Jahre sind die Arcaden jetzt da. Den Einzelhändlern haben sie kein Glück gebracht. Sauer sind sie auf die Stadt. Ein Rundgang zwischen Nostalgie, Resignation und Ideen.
| Eva von Steinburg
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Mal wieder Baustelle: Am Pasinger Marienplatz geht es derzeit mal wieder chaotisch zu. Wie meistens, mögen jene hinzufügen, die oft hier sind.
Mal wieder Baustelle: Am Pasinger Marienplatz geht es derzeit mal wieder chaotisch zu. Wie meistens, mögen jene hinzufügen, die oft hier sind. © Sigi Mueller

Pasing - Mehr Pasingerin kann man nicht sein als Jutta Nestler: Schon ihre Eltern hatten ein Spielwarengeschäft in der Gleichmannstraße, damals direkt neben dem Elektro Egger. Seit 32 Jahren steht die Geschäftsfrau für Designermode in ihrem Laden "Jutta Nestler" im historischen Pasinger Kern.

"Pasing ist kaum mehr wiederzuerkennen", sagt die Ur-Pasingerin: Für die "verkorkste" Umgestaltung des Pasinger Zentrums, das aktuelle Verkehrschaos und die "öden" Plätze findet sie ein markiges Bild: "Es herrscht Mord und Totschlag. In der Spiegelstraße gibt es ständig Stau und Gehupe, oft auch Unfälle. Ich habe andere Zeiten erlebt und bin sehr traurig über Pasings Wandel."

"Mittlerweile gibt es hier 18 Friseure", sagt Jutta Nestler, "und die Kunden wandern nach Gräfelfing ab."
"Mittlerweile gibt es hier 18 Friseure", sagt Jutta Nestler, "und die Kunden wandern nach Gräfelfing ab." © Eva von Steinburg

"Drei Jahre eigentlich nur mit Hubschrauber erreichbar gewesen"

Als Geschäftsfrau und Vorsitzende der Initiative "Einkaufsstadt Pasing" hat die 57-Jährige früher andere Ladeninhaber zu Nikolausaktionen und Partys eingeladen. Viele von ihnen hätten inzwischen aufgegeben, sagt sie: "Ich bin 32 Jahre am Platz. Es gibt keinen gepflegten Einzelhandel mehr. Das Publikum wandert ab nach Gräfelfing und Planegg."

Fakt ist: Zwei Apotheken sind in Pasing in den letzten zehn Jahren eingegangen, zwei Schuhgeschäfte und etliche weitere Traditionsgeschäfte, wie ein Strumpf- und ein Kofferladen. Nestlers Theorie zum Pasinger Ladensterben ist: "Die Arcaden sind nicht schuld. Wir hatten acht Jahre Baustelle. Deswegen sind die Geschäfte kaputtgegangen." Ironisch fügt sie hinzu: "Teilweise musste man mit dem Hubschrauber zu uns in die Spiegelstraße kommen. Ich hatte drei Jahre einen Betonmischer vor der Tür!"

"Der Marienplatz ist greislig", meint Arabella Neumeyer.
"Der Marienplatz ist greislig", meint Arabella Neumeyer. © Eva von Steinburg

Als 2011 das Shopping-Center Pasing Arcaden neben den Pasinger Bahnhof geklotzt wurde, zogen der beliebte Hugendubel aus der Bäckerstraße, Hallhuber und Eilles aus der Gleichmannstraße sofort in das Einkaufszentrum. Den "Todesstoß" für die städtisch-quirlige Gleichmannstraße nennt man hier aber etwas anderes: die von der Stadtverwaltung verantwortete Neuführung des Verkehrs. "Manfred Wagner (35), der Filialleiter vom Fotoladen "Sonnenbild" sagt: "Früher hat die Trambahn am Pasinger Marienplatz gehalten und alle sind durch die Gleichmannstraße zum Bahnhof gelaufen." Er habe "extrem viel Laufkundschaft" gehabt. Früher. Wenn er nach draußen sieht, schüttelt er den Kopf: "Die Gleichmannstraße war gemütlich, es gab hochwertige Geschäfte. Nun ist es nicht mehr so attraktiv mit den vielen Friseuren und Dönerläden."

Busse in der Gleichmannstraße stören die Geschäftsinhaber.
Busse in der Gleichmannstraße stören die Geschäftsinhaber. © Sigi Mueller

Zwar hat das italienische "Eiscafé Portofino" - mit den fruchtigen Mango-Himbeer-Kugeln als Highlight - in der Mitte der Gleichmannstraße alles überlebt. Doch in Pasings Zentrum haben nüchterne Verkehrsplaner (wohl auf dem Reißbrett) eine gewachsene Einkaufsstraße zur seelenlosen Verkehrs-Trasse degradiert: 45 Busse pro Stunde fahren durch die Gleichmannstraße, erklärt Frieder Vogelsgesang (CSU) der örtliche Bezirksausschuss-Chef.

Bauchaos am Pasinger Marienplatz

Es schmerzt viele Pasinger Bürger, dass auch am Pasinger Marienplatz, im Herzen der einstigen Stadt Pasing, nichts mehr so ist, wie es mal war: Um die Säule mit der goldenen Madonna herrscht aktuell wieder ein Bauchaos.

Ein Hotel-Neubau wird fertiggestellt. Rot-weiße Absperrgitter leiten die Fußgänger. "Kälte, Klima, Lüftung steht auf einem Lieferfahrzeug, das den Gehweg einengt. Die Apotheke St. Jakob, die es fast 140 Jahre am Pasinger Marienplatz gab, hat zugesperrt. Das prachtvolle Textilkaufhaus Kopfmiller von 1912, einst ein Wohn- und Geschäftshaus, steht seit über einem Jahrzehnt leer. Bis auf ein Wettbüro mit geschwärzten Fenstern, das im Erdgeschoss Mieter ist.

Eine Boutique-Besitzerin: "Ganz Pasing ist eine Katastrophe"

"Orientalische Süßigkeiten" steht in goldener Schrift auf einem Schaufenster, "Augenbrauenzupfen mit Faden" wird gegenüber offeriert und ein Bartschnitt kostet fünf Euro. Im Stadtviertel sollen sich mittlerweile 18 Friseure niedergelassen haben, sagt Jutta Nestler.

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Und: viele Handyläden und Brillen-Geschäfte. "Ganz Pasing ist eine Katastrophe", sagt Boutique-Besitzerin Arabella Neumeyer stöhnend. Sie ist schon 28 Jahren vor Ort und hält die "Verkehrsoptimierung" in Pasing für eine Fehlplanung: "Die Straßenführung kann man leider nicht mehr rückgängig machen. Aber unsere kleine Spiegelstraße als neue Durchgangsstraße - wer hat sich denn das ausgedacht?", wundert sie sich. Neumeyer findet: "Der Marienplatz ist so greislig und am Bahnhof vorn ist die Straße viel zu breit." Vor dem Bahnhof habe man ja Angst, überfahren zu werden, sagt die Chefin von "Cha-Cha´s Dress".

In einem türkisen Kleid schwärmt Jutta Nestler von ihrem neuen Sortiment mit "Hosen aus veganem Leder". Die Frau hat nicht nur Hosen - sondern auch viele Ideen für das Viertel. "Pasing braucht mehr Niveau und die Investition in Schönes!", sagt sie entschlossen. "Ich hätte gerne zehn neue Boutiquen, Konkurrenz macht lustig." Auf den grauen und kalten Pasinger Marienplatz würde sie einen bunten Wochenmarkt platzieren. Im historischen Kopfmiller-Haus sieht sie ein französisches Bistro, am Bahnhofsplatz einen Fischstand oder besondere Säfte.

Apotheke muss schließen

"Knackpunkt Verkehrskonzept": Apothekerin Stefanie Igl-Obermüller.
"Knackpunkt Verkehrskonzept": Apothekerin Stefanie Igl-Obermüller. © Eva von Steinburg

Eine, die sich hier, am Bahnhofsplatz auch sehr gut auskennt, ist Stefanie Igl-Obermüller, die Inhaberin der Bahnhof Apotheke. Sie bedauert, dass sie die geerbte St. Hubertus-Apotheke ihres Großvaters neben dem Fotoladen in der Gleichmannstraße hat aufgeben müssen - weil Laufkundschaft wegblieb und Parkplätze gestrichen wurden. "Das Verkehrskonzept war der Knackpunkt", sagt auch die 48-Jährige.

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Bei der "Aufwertung" von Pasing ist viel schief gelaufen - so sehen es alle hier. Die Ur-Pasingerin Jutta Nestler kennt eine Anekdote dazu: Von der Stadtverwaltung war Pasing ein Springbrunnen versprochen worden. Er landete in den Arcaden. "Weil die angeboten haben die Wartungskosten zu tragen!" Es hat nicht geklappt. Wie so vieles in und für Pasing in den vergangenen Jahren.

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