Goldfisch-Posse am Münchner Monet-Teich

Ein Bagger der Stadt hat den Uferbewuchs herausgerissen - um die Zierfische rauszuholen. Jetzt ist der Lebensraum für Vögel kaputt, klagen Anwohner. Und was passiert eigentlich mit den Goldfischen?
| Irene Kleber
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Seerosen, hohes Schilf ums Ufer herum - und viele schillernde Goldfische: So sieht es am "Monet-Teich" in Obermenzing den ganzen Sommer über aus.
Dale Goodwin 6 Seerosen, hohes Schilf ums Ufer herum - und viele schillernde Goldfische: So sieht es am "Monet-Teich" in Obermenzing den ganzen Sommer über aus.
... ein Reiher ...
Dale Goodwin 6 ... ein Reiher ...
Am Teich lebt eine Entenfamilie.
Dale Goodwin 6 Am Teich lebt eine Entenfamilie.
Dann kommt ein Bagger, reißt Schilf und Wasserpflanzen raus.
Dale Goodwin 6 Dann kommt ein Bagger, reißt Schilf und Wasserpflanzen raus.
Anwohner Dale Goodwin sucht vergeblich tierische Biotopbewohner.
iko 6 Anwohner Dale Goodwin sucht vergeblich tierische Biotopbewohner.
Zurück bleibt ein schlammiger Teich, das Uferschilf ist zerstört.
iko 6 Zurück bleibt ein schlammiger Teich, das Uferschilf ist zerstört.

Obermenzing - Dale Goodwins Blick von seiner Dachterrasse im vierten Stock hinunter auf den Teich ist paradiesisch. 

Teich-Idylle in Obermenzing: Und dann kam die Baggerschaufel

An die 70 Meter lang zieht sich das tiefgrüne Wasser durch den Park zwischen Petzet- und Daudetstraße. Im Schilf am Ufer lebt eine Entenfamilie mit acht Küken, Vögel brüten dort, im Sommer stakste auch schon ein Reiher herum. Über den Seerosen fliegen Bienen und Libellen, und drunter schillern rotgolden Goldfische heraus. Viele Goldfische.

Letzten Donnerstag aber lärmte Ungemach mitten in das Stadtidyll in Obermenzing: Ein Lastwagen mit riesiger Baggerschaufel auf der Ladefläche kam über den Spazier- und Radlweg angefahren, fuhr den Baggerarm aus und schwenkte die Schaufel über den Zaun zum Teich hinüber.

Und dann fraß sich die Baggerschaufel in den Uferbewuchs, rumms. Meter für Meter riss das Trumm das Schilf aus dem Boden und verfrachtete das Grün auf die Ladefläche. "Ein schrecklicher Anblick", sagt der Anwohner zur AZ.

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Der ehemalige Risikomanager (68), seit ein paar Jahren Rentner, rannte hinunter, machte ein Video, lud es auf Facebook hoch und machte seinem Frust Luft: "Gratuliere, Stadt München, ein tolles tolles Projekt hier, das Biotop und den Lebensraum von Enten und anderen Kleintieren einfach so niederzumetzeln."

Anwohner Dale Goodwin: "Sind die verrückt geworden bei der Stadt?"

Es gehe um die Goldfische, erfuhr Dale Goodwin. Die müssten raus aus dem See, weil sie in Europa nicht heimisch sind. Und damit die Entnahmeaktion möglich wird, müsse das Teichufer freigeräumt werden. "Sind die verrückt geworden bei der Stadt?", schimpft der Anwohner. "Diese Fische sind so schön anzuschauen. Und jetzt ist der Lebensraum aller anderen Tiere hier total kaputt."

SPD im BA: Goldfische als "potenziell invasive Art" gelistet

Tatsächlich hat es letzten Sommer im "Monet-Teich", wie die Anwohner ihr kleines Grünparadies nennen, schon eine Goldfisch-Entnahme gegeben. Die SPD im örtlichen Bezirksausschuss hatte beantragt, die städtischen Gartenbauer zu beauftragen, den kleinen künstlich angelegten See "zu reinigen und von den Goldfischen zu befreien".

Denn Goldfische seien Zierfische. "Ausgesetzt in freier Natur entwickeln sie sich schnell zu einer ernsten Gefahr für die heimische Tierwelt", heißt es im Antrag. "Sie vermehren sich rasant", und sie fressen "Kaulquappen, Molch- und Libellenlarven". Goldfische seien als "potenziell invasive Art" gelistet. Das Freisetzen sei verboten "und wird mit einem Bußgeld geahndet".

Reptilienauffangstation: "Haben an die 50 Goldfische aufgenommen"

Auf AZ-Nachfrage teilt das Baureferat mit, man habe "Wasserpflanzen entnommen, um die offene Wasserfläche wieder zu vergrößern und eine Verlandung des Teichs zu verhindern." Das Abfischen der Goldfische "erfolgt selbstständig durch die Fachleute der Reptilienauffangstation" München, und zwar mit Reusen, also einer Netz-Fangvorrichtung.

Dort allerdings ist ganz anderes zu hören: "Richtig ist, dass wir letzten Sommer dort mit Keschern und Reusen abgefischt haben", erklärt Markus Bauer, Chef der Münchner Reptilienauffangstation, der AZ. Man habe an die 50 Goldfische aufgenommen und sie in die Teiche der Reptilienstation an der Kaulbachstraße umgesetzt. Von dort können sie weitervermittelt werden. In privaten Teichen ohne Verbindung zu anderen Gewässern sei die Goldfisch-Haltung erlaubt.

Ein weiteres Mal aber werde man am Biotop an der Petzetstraße nicht selber eingreifen. "Die jetzigen Goldfische sind zu klein für Kescher", sagt Bauer. "Und der See ist zu dicht bewachsen und in Teilen auch zu tief für Reusen, wir kriegen die Fische da nicht raus."

Anwohner Dale Goodwin sucht vergeblich tierische Biotopbewohner.
Anwohner Dale Goodwin sucht vergeblich tierische Biotopbewohner. © iko

Anwohner Dale Goodwin: "Das ist alles traurig hier"

Die Goldfische ließen sich aus seiner Sicht nur mit Elektrofischerei herausholen. Dabei werde der Teich mit einem Elektrofanggerät so unter Strom gesetzt, dass die Fische ohnmächtig werden und an die Oberfläche getrieben werden.

"Wir haben keine Lizenz zum Elektrofischen", sagt Bauer, "das kann nur ein professioneller Fischereibetrieb machen und uns die Fische dann bringen."

Die Frage, wer nun wann auf welche Weise abfischen wird, erklärte das Baureferat am Dienstagnachmittag schließlich so: Ein "zugelassener Fischer" sei beauftragt, der "eine Reuse" verwenden werde. Anwohner Dale Goodman jedenfalls sucht seit dem Uferkahlschlag vergeblich nach der Entenfamilie und den Vögeln am Monet-Teich. "Das ist alles traurig hier", sagt er. "Einfach nur unverständlich und traurig."

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