Besuch in der ehemaligen Paketposthalle: "Wie eine Kathedrale"

Die ehemalige Paketposthalle nahe der Friedenheimer Brücke ist ein Industriedenkmal. Münchner können jetzt erstmals hinein - in den zukünftigen Kulturhotspot an der S-Bahn Hirschgarten.
| Eva von Steinburg
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Ein Blick in das weitläufige Innere: Der Schwung des Hallendachs ist ästhetisch eindrucksvoll. 600 Post-Angestellte arbeiten in der Halle, dem Briefzentrum.
Ein Blick in das weitläufige Innere: Der Schwung des Hallendachs ist ästhetisch eindrucksvoll. 600 Post-Angestellte arbeiten in der Halle, dem Briefzentrum. © Sigi Mueller

Neuhausen - Das gerippte Dach, die organische Form: Wegen ihrer flachen Wölbung haben Münchner die frühere Paketposthalle an der S-Bahn-Station Hirschgarten öfter mit einer Riesenschildkröte verglichen - oder einem Dinosaurier, der in der Sonne döst.

Jeder Brief, der morgens in den Münchner Briefkästen liegt, ist am Vortag hier gewesen. Am Freitag konnten 30 Münchner erstmals einen Blick in das Industriedenkmal von 1969 werfen, in dem heute das Briefzentrum untergebracht ist. "Es ist ein Wahnsinnserlebnis", verspricht Architekt Joachim Jürke (62) bevor es auf das Post-Gelände geht. Der Eigentümer, die Büschl Gruppe, bietet Münchnern jetzt Führungen hier an.

Hallen-Experte: Joachim Jürke.
Hallen-Experte: Joachim Jürke. © Sigi Mueller

Über das Glas an den Stirnseiten fällt Sonnenlicht hinein

Aus der Nähe wirkt die Halle extrem beeindruckend. Steht man neben dem Bau, kommen die Rippen der Halle erst so richtig zur Geltung: Das gefaltete Dach mit seinen 38 Bögen hat etwas von einer gedehnten Ziehharmonika. "Die Halle wirkt zwar sehr schwer, ihr Betonschirm ist aber nur acht Zentimeter stark. Auf ein Ei übertragen, wäre dessen Schale stärker als dieser Betonbogen", erklärt der Experte Joachim Jürke.

Innen ist die Halle trocken. Sanierungsbedarf besteht trotzdem: Der Beton außen muss beschichtet werden. Dazu gibt es diverse Farbmuster von Grau über Graubeige, von kompakt abdeckend bis zu lasierend - was die typische Betonstruktur durchscheinen lässt. Doch über die Farbe muss erst noch entschieden werden.

Monumental: die seitlichen Stützpfeiler der großen Betonhalle.
Monumental: die seitlichen Stützpfeiler der großen Betonhalle. © Sigi Mueller

Dann ist es soweit. Über eine Wendeltreppe gelangen die Besucher in das Innere der Halle. Der erste Eindruck ist bombastisch. "Die Rippen haben eine Geometrie, fast wie eine gotische Kathedrale", findet Architekt Jürke.

Über die Stirnseiten, aus 2.500 Quadratmeter Glas, fällt Sonnenlicht hinein. "Sensationell", "brutal groß", sagen Besucher. Der Experte betont die "feine" Ingenieurleistung von damals, die minimalistische Architektur: "Vom Maßstab her war die Halle ein Vorgriff auf die Olympischen Spiele. Mit einer Spannweite von 146 Metern und einer Höhe von 26 Metern war das Bauwerk die damals größte freitragende Halle aus Betonfertigteilen der Welt. "Für München war das damals sehr ungewöhnlich", erläutert der Architekt. Ähnliche Konstruktionen stehen übrigens in Paris und den USA.

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Von den Maßen her erinnert das Industriedenkmal an den Münchner Hauptbahnhof. Was viele nicht wissen: Die ehemalige Paketposthalle war einmal ein großer Endbahnhof - und zwar mit 15 Gleisen. Die Schilder mit den Gleis-Nummern sind bis heute erhalten und sollen restauriert werden. Bis 1995 kamen Briefe und Pakete über Güterwagons in die Halle hinein, um sortiert zu werden. Mit der Privatisierung der Post aber wurden die Gleise gekappt. Briefe und Pakete kamen ab 1995 über die Straße per Lkw und Sprinter an.

Auf dem Areal um die Halle will die Büschl-Gruppe 1.100 Wohnungen bauen: in zwei umstrittenen Hochhäusern mit 155 Metern Höhe - und niedrigen Wohn- und Geschäftshäusern. In den Türmen sind inzwischen auch Wohnungen für Polizisten und Krankenschwestern geplant. Und Kindergärten: 600 Kigaplätze sollen entstehen, dazu 3.000 Arbeitsplätze.

Hier soll die "vertikale Stadt" verwirklicht werden

Die Halle soll als "Highlight" im Zentrum des neuen Quartiers stehen, als Kultur-Hotspot mit Konzertsaal im Untergeschoss. Eine starke urbane Dichte ist hier gewollt. "Haidhausen und das Glockenbachviertel sind dichter. Hier wird versucht, verschiedenste Menschen wieder stärker zusammenzubringen. Und der Gastronom findet genügend Gäste", meint Jürke.

Die Schilder werden restauriert: Die Zahl 14 bezeichnete das Gleis 14.
Die Schilder werden restauriert: Die Zahl 14 bezeichnete das Gleis 14. © Sigi Mueller

Alle Erdgeschossflächen sollen öffentlich sein - auch die der Hochhäuser. Ein Tower wird im obersten Stock einen Biergarten erhalten, der per Außenaufzug zu erreichen ist. Der zweite Turm soll auf einer Bildungs-Etage das Stadtmodell von München zeigen. "Wo sollen denn die Kinder spielen?", kritisiert ein Besucher. Es gäbe genug Fläche, kontert Jürke. Die "vertikale Stadt" soll hier verwirklicht werden: "Bei diesen Hochhäusern soll es nicht so sein, dass Leute unten gegen Glasscheiben laufen und nicht weiterkommen."


Nächste freie Führung: Am Mittwoch, 29. September, 17 bis 19 Uhr. Anmeldung für die Tour unter: www.paketpost-areal.de

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