Aus für Münchner Traditionsschneiderei: "Tracht und Heimat" muss raus!

Nach über 40 Jahren muss Ursula Frömmer aus ihrem geliebten Trachtenladen ausziehen. Der Ort, an dem sie aufwuchs, wird bis Ende 2021 nicht mehr derselbe sein.
| Christina Hertel
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"Jetzt verliere ich nicht nur mein Geschäft, sondern auch meine Heimat", sagt Ursula Fröhmer.
"Jetzt verliere ich nicht nur mein Geschäft, sondern auch meine Heimat", sagt Ursula Fröhmer. © privat

Altstadt - Dort in dem schweren hölzernen Regal, wo heute Trachtenwesten hängen, stand früher Ursula Fröhmers Kinderbettchen.

Und auf dem massiven Holztisch, auf dem sich die 72-Jährige abstützt, während sie mit der AZ plaudert, saß einst ihr Vater mit dem Hintern auf der Platte und den Füßen auf dem Stuhl und nähte Anzüge – und sie saß dahinter und lernte, was eine Schneiderin wissen muss.

Schon Ursula Fröhmers Vater nähte hier einst.
Schon Ursula Fröhmers Vater nähte hier einst. © CSU

So erzählt es Ursula Fröhmer, die vor mehr als vier Jahrzehnten in diesen Räumen in der Altstadt die Schneiderei "Tracht und Heimat" eröffnet hat. Bevor sie Oberbürgermeister, Stadträte, Musikkapellen und Trachtenvereine mit Dirndl und Lederhosen ausstattete, verkaufte ihr Vater hier Anzüge und verlieh Smokings.

"Tracht und Heimat": Der Laden soll saniert werden

Doch Ende des Jahres wird es mit dem Trachtengeschäft vorbei sein. Die Vermieterin, die Bayerische Schneidergenossenschaft, schickte ihr Ende Juni die Kündigung, erzählt Fröhmer. Weshalb sie die Schneiderin nach all den Jahren raus haben will, beantworten die Eigentümer auf Nachfrage nicht. Ursula Fröhmer erzählt aber, dass der Laden saniert werden solle. Dann könnten die Vermieter ein Vielfaches der Miete verlangen, die sie heute bezahle, meint Fröhmer.

"Jetzt verliere ich nicht nur mein Geschäft, sondern auch meine Heimat"

Sie habe darum gebeten, wenigstens noch bis Ende 2022 bleiben zu dürfen – um noch einmal für eine Wiesn Trachten verkaufen zu können. Denn auch Ursula Fröhmer traf der Lockdown und die Absage des Oktoberfests hart: Gut ein halbes Jahr lang habe sie keine Miete zahlen können. Als sie Hilfen des Bundes erhielt, habe sie sofort alles zurückgezahlt, sagt Fröhmer. Die Kündigung kam trotzdem. "Jetzt verliere ich nicht nur mein Geschäft, sondern auch meine Heimat."

Dass Fröhmer den Laden verlassen muss, lässt sich wohl nicht mehr verhindern. An der Scheibe kleibt bereits "Räumungsverkauf". "Wenn es irgendwie möglich ist, würde ich aber natürlich gerne weitermachen", sagt sie.

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Der Stadtrat Thomas Schmid von der CSU will ihr dabei helfen. Er beantragte am Dienstag, dass die Stadt in ihrem Immobilienportfolio nach einer freien Fläche sucht. Außerdem soll die Stadt ein Schutzprogramm entwickeln, um das Sterben weiterer Münchner Traditionsbetriebe zu verhindern, fordert Schmid. Denn damit "schwindet auch ein Stück Münchner Identität", sagt der Stadtrat.

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