So war die Wiesn früher: Oktoberfest-Kellner beobachtet besondere Entwicklung
Wenn am ersten Wiesn-Samstag der OB zum Schlegel greift, schauen Millionen zu. In der Festhalle Schottenhamel blickt auch Christian Glas auf den besonderen Moment und wartet darauf, seinen Einsatz zu starten. Der Hebertshauser ist seit 20 Jahren Kellner auf der Wiesn, heuer in der Anstichbox.
"Man ist immer wieder gespannt, wie viele Schläge der Oberbürgermeister braucht", sagt Glas im AZ-Interview. Dabei beginnt sein erster Wiesn-Tag ganz anders als für die meisten seiner Kollegen. Erst wenn die Tribünen abgebaut sind, können die Bedienungen in der Anstichbox loslegen.
Seit 20 Jahren Kellner in der Festhalle Schottenhamel
Zeit genug also, zu schauen, wer heuer prominent das Anstich-Geschehen verfolgt. Der 59-Jährige freut sich jedes Jahr darauf, die bekannten Gesichter in der Menge zu entdecken. DJ Ötzi und Florian Silbereisen etwa sitzen regelmäßig zusammen. Auch Andrea Berg sei immer wieder da.
Heuer habe Glas auch schon einige Bayern-Spieler entdeckt, unter anderem Aleksandar Pavlovic und Alphonso Davies. "Aber man lässt sie meistens in Ruhe", sagt Glas. Oft gebe es irgendwann ein Foto, mehr aber auch nicht. "Die sind dann da und geben drei Stunden Vollgas und dann sind sie wieder weg", fällt ihm auf – sportliche Effizienz halt.
Wiesn-Kellner beobachtet erfreuliche Entwicklung
Was dem Kellner nach 20 Jahren Dienstzeit ebenfalls auffällt, ist die Stimmung auf der Wiesn. Sie sei friedlicher geworden. Raufereien erlebe er deutlich seltener. Wann das letzte Mal deshalb jemand aus dem Zelt geflogen sei, wisse er schon gar nicht mehr.
Dass er überhaupt einmal in dieser Box stehen würde, war vor 20 Jahren keineswegs geplant. Ein Kollege arbeitete damals bereits im Schottenhamel. 2005 klappte es zunächst nicht, doch im Jahr darauf wurden ganz kurzfristig Bedienungen gesucht.
"Am Abend vorher war ich unterwegs", erinnert sich Glas, der eigentlich Qualitätsprüfer eines Luft- und Raumfahrtunternehmens ist. Am nächsten Morgen lag sein Handy neben ihm – mit 16 Anrufen in Abwesenheit.

Also schnell Kleidung zusammengesucht, losgefahren und hinein ins Wiesn-Geschehen. Die Kellner-Neulinge wurden damals noch "getauft", erinnert sich Glas und lacht. "Wir wurden einmal durch die Spülmaschine gezogen." Heute sei das aus Hygienegründen freilich längst verboten.
"Wiesn war früher gemütlicher": So hat sich der Job verändert
Damals hatte eine Bedienung noch mehr Tische zu bedienen, sagt der Kellner. Heute ist auch hier der Ablauf effizienter, schneller geworden. Schlecht finde er diese Entwicklung nicht. Aber nach 20 Jahren merkt Glas an: "Die Wiesn war früher schon gemütlicher."
Zwischen neun und zehn Uhr geht der Arbeitstag eines Wiesn-Kellners los. Dann wird bis 22.30 Uhr durchgearbeitet. Schlafen, aufstehen, Wiesn – 16 Tage lang. "Du bekommst von der Außenwelt in den 16 Tagen nichts mit", sagt Glas. Für das Oktoberfest nehmen sich die Bedienungen meistens Urlaub.
In 20 Jahren ist der Kellner nur zwei Tage ausgefallen. Einmal wegen einer Grippe und einmal nach einer Operation am Knie. "Wer ausfällt, ist eigentlich raus", sagt Glas. Einen Tag könne man noch irgendwie auffangen. Bei längerer Abwesenheit wird Ersatz organisiert.
Wie viel verdient ein Wiesn-Kellner?
Ein Ausfall wäre freilich auch finanziell schmerzhaft. Einen Festlohn gibt es nicht. Die Bedienungen werden am Umsatz beteiligt, dazu kommt das Trinkgeld. Wie viel am Ende dabei herumkommt, hängt also davon ab, wie gut das Geschäft läuft. Nach Glas' Einschätzung bewegt sich der Verdienst in der Regel irgendwo zwischen 5000 und 8000 Euro.
Finanziell lohnt sich das freilich, auch wenn der Alltag als Wiesn-Kellner hart sein kann. "Irgendwann kommt der Durchhänger", sagt Glas. Da denke man sich schon, dass die Wiesn jetzt langsam wieder vorbei sein könnte. "Und dann kommen die letzten drei Tage und du sagst: Sch..., das war's schon."
Kraft für den langen Einsatz bekommt Glas zu Hause. "Meine Familie hält mir seit 20 Jahren den Rücken frei – allen voran meine Frau", sagt Glas. Sie sorgt täglich für frische Kleidung und richtet gleich für das ganze Team eine große Brotzeitbox her.
Christian Glas denkt nicht ans Aufhören
An das Aufhören denkt Christian Glas noch lange nicht. "Solange meine Füße mich noch tragen, meine Hände das mitmachen und mir das Spaß macht, mache ich weiter", sagt der 59-Jährige.
Auf den ersten Tag freut sich Glas weiter Jahr für Jahr. Die Familie sitzt zu Hause vor dem Fernseher. Vielleicht wird er einen kurzen Moment eingeblendet. Dann ist die Freude wieder da, die Aufregung. Und vielleicht ist es genau das, weshalb er immer wiederkommt.

