So reagiert die SPD auf das Wahlergebnis "Er hat uns in die Augen geschaut und sich entschuldigt"
Fast am Ende dieses Abends trifft die AZ einen SPDler in der Parteizentrale am Oberanger, der sich die Tränen wegwischt. Nicht, weil das Ergebnis der SPD mit knapp 19 Prozent noch schlechter ist als beim letzten Mal. Denn das steht in diesem Moment noch gar nicht fest. Warum er dann Tränen in den Augen hat? Um eine Antwort darauf zu bekommen, muss man zurückspulen und zwar mehrere Tage.
Dass Dieter Reiter Münchner OB bleibt – noch vor einer Woche hätte da wohl kaum einer dagegen gewettet. Doch dann kam praktisch jeden Tag ein neuer Skandal rund um seine Nebentätigkeit beim FC Bayern ans Licht.
Reiter hat sich nicht nur in den Aufsichtsrat des FC Bayern wählen lassen, ohne zuvor den Stadtrat damit zu befassen. Reiter hat auch Nebeneinkünfte von mindestens 80.000 Euro (20.000 Euro pro Jahr) im Verwaltungsbeirat des Fußballklubs nicht genehmigen lassen.
Regierung Oberbayern prüft ein Disziplinarverfahren
Reiter teilte mit, es sei ihm "nicht bewusst" gewesen, dass er eine Genehmigung gebraucht hätte. Ehrlich? Reiter hat ein Studium für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege absolviert, arbeitet seit Anfang der 80er Jahre fürs Rathaus. Und: Seine Referenten forderte er Anfang Februar per Brief dazu auf, ihre Nebeneinkünfte zu melden.
Inzwischen prüft die Regierung von Oberbayern ein Disziplinarverfahren. Und inzwischen hat Reiter in einer Mitteilung die Münchner um Entschuldigung gebeten, nachdem er kurz zuvor die Debatte noch als „Klamauk“ bezeichnet hatte, auf die er "keinen Bock" habe.
Reiters Ergebnis ist so schlecht wie nie
Plötzlich nach all diesen Schlagzeilen scheint alles denkbar. Als an diesem Wahlsonntag in einem Besprechungsraum im Kreisverwaltungsreferat um 19.15 Uhr auf den Bildschirmen die ersten Balken einlaufen, sieht man sofort: Reiters Ergebnis ist mit 35,6 Prozent der Stimmen so schlecht wie nie. Der Abstand zu seinem Herausforderer Dominik Krause von den Grünen beträgt gerade mal rund sechs Prozent.
2020 hatte Reiter im ersten Wahlgang 47,9 Prozent bekommen und seine beiden Herausforderinnen von CSU und Grünen mehr als 25 Prozentpunkte hinter sich gelassen. Dieter Reiter ist in diesem Moment, als erste Ergebnisse im KVR einlaufen, nicht anwesend. Die Grünen (ein paar Stadträte, die Münchner Grünen-Parteichefin) jubeln, fallen sich in die Arme und doch äußern sie ich eher vorsichtig: "Es wirkt danach, dass die Stadt für einen Wechsel bereit ist", sagt die Grünen-Chefin Svenja Jarchow. Sie klingt, als könnte sie es selbst nicht so richtig glauben, was da gerade passiert.
Alle warten nur darauf, dass sich Dieter Reiter zeigt. Den ganzen Sonntag über war er praktisch abgetaucht. Es gibt kein Foto von ihm im Wahllokal, kein Instagram-Video. Offensichtlich ist Reiter nervös geworden. Um 19.30 Uhr tritt er im KVR vor die Kameras. Fragen lässt er keine zu, spricht nur ein kurzes Statement.
Reiter: "Ich habe ein, zwei Fehler gemacht"
Den Wahlabend nennt er enttäuschend. Er bedankt sich bei seinen Wählern, bei seiner Partei. "Ich habe in den letzten zwei Wochen ein, zwei Fehler gemacht", gibt er zu. "Dafür will ich mich entschuldigen." Für ihn gehe es nun darum, verloren gegangenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Nach nicht einmal fünf Minuten verlässt Reiter das KVR schon wieder, fährt zur SPD-Wahlparty in den Oberanger.

Aber auch dort hält er sich nicht lange auf. Als die AZ dort kurz nach 20.30 Uhr ankommt, trifft sie ihn nicht mehr. Dafür auf einige deprimierte SPDler. Ein im Rathaus bekannter Sozialdemokrat will nichts sagen – sondern sich lieber noch ein Weißbier holen.
"Natürlich ist das Ergebnis unter unseren Erwartungen geblieben", sagt Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD). Eine andere Sozialdemokratin sagt: "Vielleicht ist das der Denkzettel, dass nicht nur wir den Dieter brauchen, sondern er auch uns." Denn schließlich muss diese SPD, die Reiter sonst lieber nicht so gerne erwähnt, nun für ihn Wahlkampf machen.
"Wir werden die nächsten zwei Wochen alles geben, dass München weiterhin von einem sozialdemokratischen Oberbürgermeister regiert wird. Dahinten liegen Plakate und Flyer", sagt Parteichef Christian Köning auf der Bühne. Auch Dieter Reiter werde, kündigt Köning an, die nächsten zwei Wochen auf die Straße gehen. "Er wird an Infoständen stehen. Unsere Motivation ist hoch!", sagt Köning.
Wenig Wahlkampf
So wahnsinnig viel Wahlkampf hat Reiter in den vergangenen Wochen nicht gemacht. In der AZ hatte er in einem Interview gesagt, sein Januar 2026 werde nicht viel anders aussehen als der Januar 2025. Ein paar Wahlkampf-Auftritte gab es aber doch. Mit der Münchner Juso-Chefin Paula Gundi verteilt er vor der Debatte um seine Nebentätigkeit Döner für drei Euro.
"Es ist absurd, wie ihn die Leute lieben. Jeder wollte ein Foto mit ihm machen", erzählt Gundi. Und jetzt? Alles vorbei? Sie wolle die Debatte nicht kleinreden, aber womöglich sei die schlechte Stimmung doch kurzfristiger – in dieser schnelllebigen Zeit. Ein Fehler, meint sie, könnte es aber doch gewesen sein, dass die SPD in ihrer Kampagne praktisch ausschließlich auf den beliebten OB setzte. "Womöglich hätten wir das stärker mit Inhalten unterfüttern müssen."
"Er hat sich entschuldigt"
Und dann trifft die AZ auf den SPDler, der sich das Weinen verkneifen muss. Zuerst einmal erklärt er, dass es doch die SPD war, die München zu dem machte, was es heute ist. Und dann erzählt er auch, dass an den Infoständen die Menschen zu ihm sagten: Jetzt "sogar der". Also: Jetzt ist sogar der Reiter so wie die ganzen anderen.
Wie groß ist da der Frust? Wie niedrig die Motivation, ab Montag zu plakatieren, Flyer zu verteilen? Seine Antwort: "Er hat uns in die Augen geschaut und sich entschuldigt. Dass sich ein Reiter, ein Machtmensch, so vor seine Partei stellt, davor habe ich Respekt." Die Plakate habe er deshalb noch an diesem Abend eingepackt.


