Interview

Simone Burger: "Pleitewelle in München? Es könnte ein heißer Herbst werden"

In der AZ spricht Gewerkschaftschefin Simone Burger über die Folgen der Krise für Münchner Betriebe, die Stimmung in den Büros - und die Frage, warum sich der DGB ausgerechnet jetzt einen teuren Neubau gönnt.
| Felix Müller Sophie Anfang
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"Für Rentner in München brauchen wir verlässlichen Wohnraum": Simone Burger beim AZ-Interview.
"Für Rentner in München brauchen wir verlässlichen Wohnraum": Simone Burger beim AZ-Interview. © Petra Schramek

München - Es sind spannende Zeiten. Auch für eine Münchner Gewerkschaftschefin. Sie schaue genau wie nie auf die Entwicklung der Münchner Arbeitslosenzahlen, sagt Simone Burger, als sie die AZ zum Interview auf der Dachterrasse des Gewerkschaftshauses empfängt. 2020, das ist auch das Jahr, in dem viele Münchner plötzlich existenzielle Sorgen haben. Sowas landet sehr schnell und plötzlich hier, im Gewerkschaftshaus, wo noch Filterkaffee angeboten wird wie eh und je. Burger kommt gar nicht dazu, einen zu trinken. Es gibt vieles zu besprechen.

AZ: Frau Burger, als junge linke Gewerkschaftschefin: Hätten Sie sich bei all den Zumutungen in den letzten Monaten manchmal lauteren Protest von den Beschäftigten in München gewünscht?
SIMONE BURGER: Ich habe mich eher gewundert, wie wenig es in der öffentlichen Debatte in München um die Beschäftigten ging. Es gab einen Riesen-Aufschrei wegen Radwegen auf Zeit oder den Schanigärten auf Parkplätzen - um die Kurzarbeit, die Angst um Arbeitsplätze ging es fast nie.

Die Stadtpolitik selbst debattiert in der Krise über eher willkürlich wirkende Alkoholverbote, während Arbeitnehmer in der Firma keinerlei Recht auf Abstände oder anderen Schutz haben. Eine absurde Gleichzeitigkeit, die Sie wütend macht?
Das Problem beim Arbeitsschutz ist: Da muss der Bund handeln. Das können wir als Stadt nicht machen.

Handlungsbedarf sehen Sie also schon?
Ja. Wobei man sagen muss, dass der Oberbürgermeister sich sehr für ein höheres Kurzarbeitergeld eingesetzt hat. Und zur Bundesebene: Es gab einige Fortschritte, gegen den Willen der Union. Die Arbeitgeber sind stärker in der Pflicht.

Ist das Kurzarbeitergeld ein Instrument, bei dem man sagen muss: bundesweit ein Erfolgskonzept, in München aber wenig brauchbar - einfach, weil es für zu viele Menschen mit der Miete nicht reicht?
Dass die Arbeitslosigkeit in München nicht drastisch gestiegen ist, liegt am Kurzarbeitergeld. Deshalb haben wir Gewerkschaften uns auch für die Verlängerung eingesetzt. Aber klar: Für viele ist es ein Riesen-Problem. Wenn Sie etwa in der Gastro arbeiten, dann haben Sie 60 Prozent vom Grundgehalt, das Trinkgeld wird ja nicht angerechnet. Und die Mieten in München steigen weiter.

Simone Burger mit den AZ-Lokalchefs Sophie Anfang (r.) und Felix Müller.
Simone Burger mit den AZ-Lokalchefs Sophie Anfang (r.) und Felix Müller. © Petra Schramek

Droht im Herbst auch in München eine Pleitewelle?
Es könnte ein heißer Herbst werden, auch wenn ich es nicht hoffe.

Was unterscheidet München in der Krise von anderen Städten?
Die Wirtschaft ist hier ausdifferenzierter. Nehmen Sie Ingolstadt: Die sind unheimlich abhängig von der Automobilindustrie und deren Zulieferern.

Und München?
Die am drittstärksten betroffene Branche von Kurzarbeit sind in München die Unternehmensberatungen.

Burger: "Die Löhne müssen rauf"

Sie legen künftig als Gewerkschaft einen Schwerpunkt auf darbende Unternehmensberater?
(lacht) Ich glaube nicht, dass die von mir vertreten werden wollen. Aber es zeigt, wie differenziert die Lage ist. Wir müssen schauen, wie wir Menschen helfen, die in dieser Krise unsere Solidarität brauchen.

Und: Wie kann man es?
Wir müssen schauen, welche Weiterqualifizierungsmaßnamen es braucht, um Menschen neue Möglichkeiten zu eröffnen. Man muss aber im Hinterkopf behalten, dass es für Arbeitslose schwierig ist in München mit 60 oder 67 Prozent vom Netto eine längere Weiterbildung durchzuhalten.

Aktuell ist Tarifrunde im öffentlichen Dienst. Sie sind Gewerkschafterin, aber auch Stadträtin. Was sagen Sie: Braucht es höhere Löhne - oder geht das nicht, weil der Stadtsäckel leer ist?
Die Löhne müssen rauf!

Sagt Ihnen da nicht der Kämmerer: Frau Stadträtin, wir haben kein Geld?
Natürlich ist es sein Job, zu warnen.

Burger: "Ich glaube, es ist eher die Minderheit, die komplett daheim bleiben will"

Aber?
Man kann nach dieser Krise die Beschäftigten nicht mit einer CD mit Balkon-Applaus abspeisen. Wertschätzung hat auch etwas mit Geld zu tun. Zu einem guten Leben gehört halt auch, dass die Leute in den Urlaub fahren, sich etwas leisten können. Es ist nicht vermittelbar, dass die Leute, die den Laden am Laufen gehalten haben, die Pflegekräfte, das Reinigungspersonal, die Müllabfuhr, die immer weiter gearbeitet haben, jetzt nicht mehr Geld bekommen.

Da kämpfen Sie für Ihr altes Kernklientel. München ist aber immer mehr geprägt von jungen Gutverdienern aus aller Welt, die hier mal ein, zwei Jahre verbringen, dann weiterziehen. Braucht es bald keine Gewerkschaft mehr?
Ich habe überhaupt keine Angst darum, dass es hier irgendwann keine Gewerkschaft mehr braucht. Die Konflikte - was ist gerecht im Job, wer vertritt mich, wie kann ich das mit der Familie vereinbaren, die sind ja weiter da. Die gibt es auch bei Google oder in Start-ups. Aber natürlich brauchen wir andere Formen der Ansprache, wir müssen uns da weiterentwickeln.

2020 ist das Homeoffice-Jahr. Wie ist Ihr Eindruck: Ist man in Münchner Betrieben froh, wenn man sich das Pendeln sparen kann - oder wollen die meisten Beschäftigten bald wieder zurück in den alten Alltag?
Ich glaube, es ist eher die Minderheit, die komplett daheim bleiben will. Viele wünschen sich eine Mischung, die Möglichkeit, öfter zu Hause zu bleiben. Die Leute wollen sich ein, zwei Mal die Woche die Pendelei sparen, mal daheim bleiben, damit sie nicht einen Urlaubstag nehmen müssen, nur weil sie kurz ein Paket annehmen. Oder: weil es bei der Organisation der Kinderbetreuung hilft.

Burger: "Die Mittelschicht kann sich eine Eigentumswohnung nicht mehr ersparen"

Haben Sie Sorge, dass viele Firmen sich die teuren Münchner Mieten sparen, Büroflächen verkleinern und die Leute ins eigene Wohnzimmer zwingen - jetzt, da sie gemerkt haben, dass das technisch geht?
Deshalb ist es wichtig, dass Betriebsräte mitbestimmen, wenn Schreibtische abgebaut werden, und sicherstellen, dass hier nicht nur auf Kosten der Beschäftigten gespart wird. Die neuen Arbeitswelten haben ja auch viele Nachteile. Es stellen sich die Fragen, ob man überhaupt noch sichtbar ist im Betrieb, fällt es jemandem auf, wenn ich kündige?

Ihre SPD hat schon vor Jahren dafür geworben, dass große Firmen in München in den Werkswohnungsbau einsteigen. Das hat nie spürbar geklappt, oder?
Naja, bei städtischen Flächen gibt es inzwischen bei der Vergabe Extra-Punkte für Firmen, die Werkswohnungen bauen wollen. Das ist schon ein Unterschied. Ich finde es richtig, dass wir dran bleiben - auch wenn wir noch keine großen Erfolge verbuchen können.

Wenn wir bei Wohnungen sind: Viele Münchner vor der Rente haben Angst, sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten zu können.
Was die Situation verschärft hat, ist, dass eine Eigentumswohnung nichts mehr ist, was sich die Mittelschicht als Altersvorsorge ersparen kann, sondern etwas für Reiche. Die Alternative ist, an der Börse zu zocken, aber dafür braucht man Zeit und so viel Geld, dass es nicht wehtut, wenn das Geld weg ist. Und ist damit für die meisten Beschäftigten keine Option.

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Burger: "Rentner in München brauchen Wohnraum"

Was ist zu tun?
Es kann nicht sein, dass die gesetzliche Rente immer weiter sinkt, die müssen wir stärken. Und gerade für Rentner in München brauchen wir verlässlichen Wohnraum.

Die SPD hat im Stadtrat viele Sitze verloren, regiert nun unter der Gutverdienerpartei der Grünen nur noch mit. Ist diese Konstellation eine schlechte Nachricht für die, denen es in dieser Stadt nicht so gut geht?
Die Sozialdemokraten regieren mit den Grünen diese Stadt und wir sind schon laut. Uns geht es darum, die Beschäftigten und die Menschen, die Unterstützung brauchen, im Blick zu haben und für sie zu kämpfen.

Kämpfen Sie da mit oder gegen die Grünen?
An vielen Stellen mit den Grünen.

An welchen gegen sie?
Bisher hatte ich keine größeren Konflikte.

Burger: "Die SPD will eine Vielfalt bei den Arbeitsplätzen"

Wo drohen größere Konflikte?
Wir haben eben ein bisschen andere Schwerpunkte. Die SPD will eine Vielfalt bei den Arbeitsplätzen, uns ist die Industrie sehr wichtig. Aber das heißt nicht, dass ich mich an jedes Kraftwerk kette, wir denken schon auch weiter.

Aber das heißt, Sie sehen zum Beispiel die produzierende Autoindustrie auch langfristig als großen Arbeitgeber in der Stadt.
Ja.

Sie ketten sich also dann an den BMW-Zylinder?
(lacht) Warum nicht? Trotzdem hätten auch wir gerne, dass dort irgendwann mehr Elektroautos und keine Dieselmotoren mehr hergestellt werden. Aber: Die SPD sieht eben immer auch die sozialen Folgen.

"An den BMW-Zylinder ketten? Warum nicht?": Simone Burger.
"An den BMW-Zylinder ketten? Warum nicht?": Simone Burger. © Petra Schramek

Burger: "Es war günstiger, abzureißen und neu zu bauen"

Wir sitzen hier auf der wunderbaren Dachterrasse des Gewerkschaftshauses. Das wird bald abgerissen. Verstehen Ihre Mitglieder, die unter Kurzarbeit ächzen, dass ihre Gewerkschaft sich hier einen millionenschweren Neubau gönnt?
Wir brauchen Räume, um uns zu treffen, um uns zu organisieren. Wir wollen das mitten in der Stadt bieten. Und: Wir wollen nicht vom Gewerbemietmarkt abhängig sein. Es war eine lange Diskussion, aber leider war es günstiger, abzureißen und neu zu bauen, als dieses Haus von 1958 zu erhalten.

Zum Abschluss: Die AZ hat vor Jahren mal geschrieben, Sie seien einst als "rebellisches Mädchen aus der Provinz" nach München gekommen. Würden Sie, noch einmal Abiturientin, immer noch herziehen - obwohl alles immer voller, teurer, geschleckter wird in dieser Stadt?
Die AZ hat auch mal geschrieben, dass ich gesagt habe "München? Ich hatte Vorbehalte" (lacht). Ich bin ja in die Stadt gekommen nicht wegen München, sondern weil ich hier Forstwirtschaft studieren konnte. Dann habe ich München entdeckt - und eben auch, dass es viel vielfältiger ist, als viele denken.

Also würden Sie wieder eher zufällig in München landen, und dann wäre alles gar nicht so schlimm wie gedacht?
Die perfekte Stadt gibt es ja eh nicht. Ich würde mich auf jeden Fall wieder politisch einbringen. Auch in München muss man kämpfen, auch in München müssen sich Dinge ändern. Und das würde ich auf jeden Fall wieder machen.

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