S-Bahn: Reanimation und Leichenschmaus

Während Wirtschaftsminister Zeil die zweite Stammstrecke künstlich am Leben hält, haben sie die Grünen bereits beerdigt - und fordern ein 1,5 Milliarden teures Sofort-Programm
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Ist die S-Bahn heute pünktlich? Die Frage stellen sich (nicht nur) Pendler ziemlich oft in und um München.
dpa Ist die S-Bahn heute pünktlich? Die Frage stellen sich (nicht nur) Pendler ziemlich oft in und um München.

MÜNCHEN Bei der Beerdigung der zweiten Stammstrecke geht’s drunter und drüber. FDP-Wirtschaftsminister Martin Zeil, der seit drei Jahren keine Finanzierung auf die Reihe bringt, will den toten Tunnel wiederbeleben. Bayerns Grüne aber feiern schon den Leichenschmaus: Gestern forderten sie die Staatsregierung auf, nach dem Tunnel-Tod dafür zu sorgen, dass „unverzüglich Maßnahmen zur Verbesserung des Münchner S-Bahn-Systems“ in Angriff genommen werden.

So soll die Chaos-S-Bahn, die täglich über 300.000 Pendler befördert und 800.000 Fahrgäste zählt, auch ohne 2. Röhre fitgemacht werden:

  • Verlängerung der U 5 bis Pasing. Damit gäbe es bei Problemen mit der Stammstrecke eine Ausweichmöglichkeit.
  • Ausbau der Sendlinger Spange vom Heimeranplatz über Laim nach Pasing.
  • Stärkung des Bahn-Südrings. „Wenn zwei Linien über den Süd-Ring geleiten würden“, so Grünen-Fraktionschef Martin Runge, „wäre die Stammstrecke von sechs Zügen pro Stunde entlastet.“
  • Zusätzliche Zug-Garnituren. „Damit endlich in der Hauptverkehrszeit mehr Langzüge eingesetzt werden können“, sagt Runge.
  • Die Verbesserung der Leit- und Steuerungstechnik. Damit es zu weniger Blockierungen der Stammstrecke kommt.
  • Zweigleisiger Ausbau zwischen Giesing und Perlach. Hier haben die S-Bahnen für beide Richtungen nur ein Gleis.
  • Ausbau der S4 nach Geltendorf, die zu den meistgenutzten S-Bahn-Linien gehört.
  • Beseitigung der Engpässe am Ostbahnhof.
  • Express-S-Bahn zum Flughafen auf der Trasse der S8.

Rund 1,5 Milliarden Euro würden diese Projekte kosten. Die Stadt müsste für die Verlängerung der U-Bahn aufkommen. Die kostet nach Schätzung der Grünen zwischen 100 und 150 Millionen Euro. Alles andere ist Aufgabe des Freistaats und des Bundes. Im Haushalt hat Bayern für die 2.Stammstrecke 936 Millionen bereitgestellt. Wenn die endgültig beerdigt wird, ist das Geld frei.

„Ohne zweite Stammstrecke droht München der Verkehrsinfarkt“, warnt Wirtschaftsminister Zeil. – „Der S-Bahn droht kein Kollaps“, hält der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Anton Hofreiter (Grüne), dagegen. Die S-Bahn könne auch ohne zweiten Tunnel wachsen und mehr Fahrgäste pünktlich und zuverlässig befördern. Er fordert Zeil auf, den Tunnel abzuhaken und eine Prioritätenliste kleinerer Maßnahmen zu erarbeiten.

Schließlich haben die Grünen die 2. Stammstrecke noch nie gewollt. Ihr Fraktionschef im Landtag, Martin Runge, ist einer der erbittertsten Gegner des Tunnels. Seit langem sei klar gewesen, sagt er, dass das Milliardenprojekt nicht finanzierbar sei.

Wirtschaftsminister Martin Zeil aber glaubt ganz fest daran: „Wir sollten uns nun mit Kreativität und dem nötigen konstruktiven Geist zusammensetzten, um die Finanzierungsfrage endgültig zu klären. Er erwarte, dass sich nun auch Münchens OB Christian Ude bewege. Der sei immerhin bereit, über 500 Millionen für einen S-Bahn-Tunnel in Johanneskirchen auszugeben. 350 Millionen für die 2. Stammstrecke vorfinanzieren, das wolle er aber nicht.

Die Grünen riefen Ude auf, durchzuhalten und im Ringen um die Finanzierung nicht nachzugeben. Runge: „Das ist nur ein billiges, schäbiges Ablenkungsmanöver“. Die Finanzierung des S-Bahn-Ausbaus sei alleine Aufgabe und Pflicht des Freistaats. Die 2. Stammstrecke sei ein Symbol für „völlig verfehlte Verkehrsinfrastrukturpolitik“ der bayerischen Staatsregierung.

 

 

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