Recycling-Kritik: "Der Grüne Punkt zieht uns das Geld aus der Tasche"

Nicht immer ist Recycling sinnvoll – daran ändern auch Gesetze nichts, kritisiert der Vizechef des Abfallwirtschaftsbetriebs München.
| Annika Schall
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Helmut Schmidt ist kein Fan vom Grünen Punkt: Der Ingenieur ist seit 2002 als Zweiter Werksleiter für das operative Geschäft des AWM zuständig.
dpa/AWM Helmut Schmidt ist kein Fan vom Grünen Punkt: Der Ingenieur ist seit 2002 als Zweiter Werksleiter für das operative Geschäft des AWM zuständig.

Im Mai dieses Jahres verabschiedete der Bundestag ein neues Verpackungsgesetz. Unter anderem mit höheren Recyclingquoten für Kunststoffverpackungen soll das Gesetz das Duale System (mehr Infos dazu hier) verbessern. Beim Abfallwirtschaftsbetrieb (AWM) sieht man das kritisch. Der Zweite Werksleiter Helmut Schmidt erklärt, was im Dualen System schiefläuft und warum Recyclingquoten nur wenig bringen.

AZ: Herr Schmidt, 1991 trat die erste Verpackungsverordnung in Kraft. Mit der wurden das Duale System und der Grüne Punkt eingeführt. Eine gute Idee?
HELMUT SCHMIDT: Nein. Der damalige Umweltminister Klaus Töpfer meinte es eigentlich gut, denn die Kommunen versanken damals im Müll. Die Idee war, den Handel dazu zu zwingen, Verpackungen zurückzunehmen in der Hoffnung, dass dann weniger Verpackungen anfallen würden. Seitdem hat sich der Grüne Punkt aber zur intelligentesten Art entwickelt, dem Bürger das Geld aus der Tasche zu ziehen, ohne dass er es merkt. Denn bei jedem Einkauf finanzieren wir das Regime der Verpackungsentsorgung mit.

Aber für die Umwelt hat es doch einiges gebracht?
Mitnichten. Die Mehrwegquoten haben seit der ersten Verpackungsverordnung drastisch abgenommen. Oft auch, weil der Bürger zum Beispiel durch das Pfandsystem gar nicht mehr weiß, was denn jetzt ökologischer ist: die Pfand- oder die Mehrwegflasche. Zum anderen sind die Verpackungsmengen drastisch gestiegen – um über 30 Prozent. Außerdem sind Verpackungen immer schwieriger zu recyceln. Das heißt, die Wiederverwertbarkeit verschlechtert sich. Gegen diese negativen Entwicklungen hilft auch das vor kurzem beschlossene neue Verpackungsgesetz überhaupt nicht.

Wieso nicht?
Weil es sich immer noch auf Quoten verlässt, die nicht aussagefähig sind. Denn zum einen gibt es überhaupt keine Sanktionen, falls die Quoten von den dualen Systemen nicht erreicht werden, und zum anderen legen Quoten nur fest, welche Mengen in den Sortierprozess geschoben werden. Über die Qualität am Ende des Prozesses sagen sie jedoch nichts aus. Denn aus vielen Kunststoffabfällen aus dem Haushalt kann man nur noch minderwertigen Mischkunststoff machen, den keiner haben will.

"Politiker sind nicht bereit, dem Bürger die Wahrheit zu sagen"

Was genau ist das Problem?
Kunststoff ist ein extrem heterogenes Material. Wenn man aber Kunststoffe in neue Materialien einbauen will, muss man wissen, was die Ausgangsbasis ist. Das ist beim Recycling nicht mehr gegeben. Das Recyclat, der Stoff, der beim Kunststoffrecycling entsteht, ist deshalb oft nicht wirtschaftlich und auch aus Gründen der Produkthaftung problematisch. Ein gutes Beispiel ist das Lebensmittelrecht: Recyclat-Kunststoffe dürfen nicht direkt mit Lebensmitteln in Berührung kommen, weil nicht garantiert werden kann, dass keine schädlichen Stoffe enthalten sind. So darf bei einem Joghurtbecher beispielsweise die äußere Hülle aus Recyclat sein, aber innen braucht es ein neues Produkt, dass bestimmte Hygieneeigenschaften erfüllt.

Warum arbeitet die Politik dann überhaupt mit solchen Quoten?
Für die Leute im Bundesumweltministerium ist es fantastisch, sagen zu können, Deutschland hat die höchsten Quoten. Gleichzeitig hofft man, dass das, was tatsächlich passiert, im Verborgenen bleibt. Politiker müssten viel mehr Erkenntnisse haben, aber sind nicht bereit, dem Bürger die Wahrheit zu sagen und die notwendigen politischen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Was wären die notwendigen politischen Konsequenzen?
Man könnte zum Beispiel Verpackungen mit Abgaben belegen und die Einnahmen darauf verwenden, Recyclingforschung zu betreiben. Auch Materialeinsparungen und Ressourceneffizienz müssen mehr unterstützt werden. Das derzeitige System fördert stattdessen den Volkssport Mülltrennung. Dem gehen wir alle gerne nach, weil man dann mit gutem Gewissen andere Umweltfrevel begehen kann, wie zum Beispiel einen SUV fahren und Fernflüge buchen.

Glauben Sie, dass die Politik ihren Kurs ändern könnte?
Ich sehe dafür derzeit keine Anzeichen. Ich verstehe, dass die Politik größere Sorgen auf anderen Gebieten hat, aber das Ressourcenthema ist ein Thema, das in seiner Dimension noch nicht erkannt worden ist. Wir leben als Schmarotzer zu Lasten der Dritten Welt und zu Lasten künftiger Generationen.

Wenn die Politik nichts tut, was kann ich denn als Verbraucher machen, um die Umwelt nicht mit noch mehr Plastikmüll zu belasten?
Verpackungsarm einkaufen und auf Mehrwegprodukte achten. Auch Verzicht ist möglich: In München braucht man zum Beispiel wirklich kein Wasser zu kaufen. Unser Leitungswasser ist so gut, da braucht niemand das Wasser aus der PET-Flasche zu trinken.

Lesen Sie hier: Nach der Tonne - Das wird am Ende aus unserem Müll

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