Premiere auf dem Oktoberfest: Erste Flinta-Wiesn sorgt für großen Andrang

In München entsteht eine neue queere Feierkultur für Frauen: Mit den Lost-Girls-Partys und der ersten Flinta-Wiesn in der Bräurosl schafft Initiatorin Sina Scherer geschützte Räume jenseits von Onlineportalen – und könnte damit eine neue Ära in der Stadtgastronomie einläuten.
Ruth Frömmer
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V.l.: Ricarda Hofmann, Sina Scherer und Silke Völling organisieren die unterschiedlichsten Events für Frauen.
V.l.: Ricarda Hofmann, Sina Scherer und Silke Völling organisieren die unterschiedlichsten Events für Frauen. © Lost Girls

Das Geschlecht spielt in der queeren Community keine Rolle. Eigentlich. Ob schwul, lesbisch, bi oder was auch immer: Die Menschheit ist bunt, grenzt niemanden aus und das soll auch so bleiben. Aber lesbische Frauen haben es trotzdem nicht leicht in München. "Um das Jahr 2000 herum gab es hier noch viele queere Locations für Frauen", erzählt Sina Scherer. Mit der Zeit seien es immer weniger geworden und irgendwann waren sie komplett weg. "Das hat mich wehmütig gemacht", so Scherer weiter. Sie ist zwar heute 48 Jahre alt und etwas ruhiger geworden als damals. Aber sie geht immer noch gerne aus. Wer keine Lust hat, sich auf Online-Plattformen auszutauschen, hat es ab einem bestimmten Alter schwer, mit gleich gesinnten Frauen in Kontakt zu kommen.

"Lesbische Veranstaltungen waren mir nicht modern genug"

Scherer hat BWL studiert, hat im Marketing und als Journalistin gearbeitet. "Es macht mir Freude, Marken ganzheitlich zu denken", sagt sie und spricht auch von ihrem Privatleben. Lesbische Veranstaltungen gab es zwar, "aber die waren mir nicht modern genug". Und so hat sie angefangen, selbst welche zu organisieren. Der Name Lost Girls war geboren und sie machte sich auf die Suche nach Veranstaltungsorten. Die erste Lost-Girls-Party fand vor fünf Jahren in der Bar Curtain Call in der Pestalozzistraße statt und war direkt ein Erfolg. "Der Austausch mit Menschen ist das A und O", sagt Scherer. So sprachen sich ihre Partys schnell herum und sie musste nach größeren Lokalitäten suchen. "Kein Onlineportal der Welt kann dir geben, was dir eine Party gibt", findet Scherer.

Sina Scherer waren bisherige Veranstaltungen für Flinta nicht modern genug.
Sina Scherer waren bisherige Veranstaltungen für Flinta nicht modern genug. © Daniel von Loeper

Anfangs betrieb Scherer ihre Lost Girls noch nebenbei, inzwischen hat sie sich selbstständig gemacht. Und die Ideen gehen ihr nicht aus. Unterstützung bekommt sie von Silke Völling und von Ricarda Hofmann. Letztere hat für ihren Podcast Busenfreundin kürzlich den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen für herausragendes Engagement für die LGBTQI+-Community erhalten. Inzwischen ist sie nach München gezogen. Zusammen machen sie auch einen Lost-Girls-Podcast. In den Pride-Wochen hat das Trio alle Hände voll zu tun. Ihre gemeinsamen Partys zum CSD sind so gut wie ausverkauft. Wenige Tickets gibt's noch für "Busenfreundin x Lost Girls" im Graf Rumford am 27. Juni.

Bräurosl-Wirtin Franziska Kohlpaintner war sofort Feuer und Flamme für die Flinta-Wiesn im Zelt, das sie mit ihrem Partner Peter Reichert betreibt.
Bräurosl-Wirtin Franziska Kohlpaintner war sofort Feuer und Flamme für die Flinta-Wiesn im Zelt, das sie mit ihrem Partner Peter Reichert betreibt. © IMAGO/STL Studio Liebhart

"Bier, Boobs und Brezn": Flinta-Wiesn in der Bräurosl

Aber das größte Projekt steht noch an. Der schwule Sonntag "Gay Sunday" in der Bräurosl ist seit Jahren in der queeren Szene etabliert, die Plätze begehrt. Eine vergleichbare Veranstaltung für queere Frauen gab es nicht auf dem Oktoberfest – bis jetzt. Direkt nach der letzten Wiesn fing Scherer an, einzelne Zelte anzuschreiben.

Viele antworteten gar nicht, andere gaben ihr zu verstehen, dass ein solches Konzept nicht zu ihnen passt – und Franziska Kohlpaintner von der Bräurosl rief Scherer direkt an. Sie war begeistert von der Idee und sagte zu. "Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich eine große Unterstützerin von 'female empowerment' bin", sagt Kohlpaintner zur AZ. "Wir stehen für Toleranz und Vielfalt. Solange friedlich gefeiert wird, ist jede und jeder bei uns willkommen."

Und so wird das Mittelschiff der Bräurosl am Montag, den 21. September, zum geschützten Raum für rund 500 Flinta-Frauen (Flinta steht für Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nicht-binäre, Trans* und Agender Personen). Unter dem Motto "Bier, Boobs, Brezn" können sie feiern, essen, trinken und Wiesnhits mitsingen.

Noch geheim: Prominente Unterstützerinnen

Eine solche Veranstaltung hat der Wiesn offenbar gefehlt. Denn die Nachfrage ist so groß, dass Scherer bereits jetzt alle Hände voll zu tun hat. Ein Großteil der Plätze für die "Lost Girls x Busenfreundin Flinta-Wiesn" ist bereits verkauft. Viele prominente Frauen hätten sich auch schon angekündigt, sagt Scherer. "Wer, das wird noch nicht verraten", gibt sie sich geheimnisvoll. Nur so viel: Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne) wird an diesem Tag auf der Bühne das Fass anzapfen. Gut möglich, dass das der Beginn einer queeren Wiesn-Institution und vielleicht auch einer neuen Flinta-Ära in der Münchner Gastronomie wird.

Tickets für die Flinta-Wiesn und weitere Termine unter: lostgirls.de

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