Olympia 1972: Eine Stadt im Umbruch

Einkaufszentren, Nahverkehr und Schwabylon: Vor und für das Großereignis wird in München gebaut und renoviert wie verrückt. Nicht immer mit bleibendem Erfolg.
| Karl Stankiewitz
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Der Verkehr wird aus der Kaufingerstraße verbannt, der Marienplatz zum Treffpunkt mit Freibier und Freischankflächen.
SZ Photo 4 Der Verkehr wird aus der Kaufingerstraße verbannt, der Marienplatz zum Treffpunkt mit Freibier und Freischankflächen.
Das legendäre „Schwabylon“ wird mit 2000 geladenen Gästen eröffnet – und schon 1978 wieder abgerissen.
Justus Dahinden (ho) 4 Das legendäre „Schwabylon“ wird mit 2000 geladenen Gästen eröffnet – und schon 1978 wieder abgerissen.
Schaut’s Mädels, so sehen die neuen Züge aus: Der bayerische Wirtschaftsminister Anton Jaumann (CSU) hält bei der Eröffnung der Münchner S-Bahn ein Modell in der Hand.
SZ Photo 4 Schaut’s Mädels, so sehen die neuen Züge aus: Der bayerische Wirtschaftsminister Anton Jaumann (CSU) hält bei der Eröffnung der Münchner S-Bahn ein Modell in der Hand.
Alles für die U-Bahn: 1967 wird die Ludwigstraße aufgerissen.
Bundesarchiv 4 Alles für die U-Bahn: 1967 wird die Ludwigstraße aufgerissen.

Vom 26.August bis zum 11.September 1972 wurden die Spiele der XX.Olympiade in München, Kiel (Segeln) und Augsburg (Wildwasser) ausgetragen. Welchen Herausforderungen sich die Landeshauptstadt stellen musste und was dann in der City los war, lesen Sie in dieser AZ-Serie. Teil 2

Einkaufszentren, Nahverkehr und Schwabylon: Vor und für das Großereignis wird in München gebaut und renoviert wie verrückt. Nicht immer mit bleibendem Erfolg.

Außer der Industrialisierung und dem nationalsozialistischen Größenwahn hat keine Entwicklungsphase in München die Planung dermaßen beflügelt wie das Großereignis von 1972. Befördert wurde dieser Boom von OB Hans Jochen Vogel, dem Motor dieser Spiele. Vollendet wurde der Umbau der Stadt von seinem Nachfolger Georg Kronawitter, der dem höheren Bauwesen eher skeptisch gegenüberstand.


DIE ÜBERDACHTE STADT

Am Stadtrand entsteht eine zweite City. Im Bereich der olympischen Pressestadt wird am 2. März 1972 die größte überdachte Shoppingmeile Europas eröffnet: Das Olympia-Einkaufszentrum (OEZ), entworfen von den Münchner Architekten Fred Angerer und Alexander von Branca, will „neue Maßstäbe“ setzen. Es hat zwei Waren- und zwei Spezialkaufhäuser, rund 60 Fachgeschäfte – von der Schnellreinigung bis zum Sex-Shop –, ein Ärztezentrum, 450 Appartementwohnungen und 3.000 gebührenfreie Parkplätze. Mit einer Schaufensterfront von 1.500 Metern ist dieser Basar fast doppelt so lang wie der Münchner Hauptgeschäftsstrang zwischen Stachus und Marienplatz.

Im Umkreis des OEZ leben immerhin 680.000 Menschen. Mit bis zu 100.000 Besuchern täglich wird gerechnet – und mit einem Jahresumsatz von 120 Millionen Mark.

Aus dem Einkaufszentrum ragen zwei 16-stöckige Wohntürme heraus. Hier und in weiteren 14 Häuserblocks ringsum, darunter dem höchsten Wohnhaus Münchens, sollen während der Spiele rund 4.000 Journalisten und später 1.200 Familien wohnen.


FREIBIER IM FREIHEITSRAUM

Mit 10.000 Gratisbrezen und 21 Hektoliter Freibier wird am 30. Juni die Fußgängerzone eröffnet. Gerade rechtzeitig haben Pflanzer Tröge mit immergrünen Büschen aufgestellt, Maler die Fassaden verschönt, Pflasterer in dem 50.000 Quadratmeter-Areal, dem größten Fußgängerbereich Mitteleuropas, die letzten aus der „Ostzone“ stammenden Steine verlegt.

Man begnügt sich nicht damit, nur die Autos zu verbannen. Vielmehr wird der „Flur“ der Stadt, der früher nur dem Durchgang diente, mit einem Aufwand von 13,5 Millionen Mark systematisch von den Architekten Bernhard Winkler und Siegfried Meschederu als „gute Stube“ eingerichtet.

Ein einheitliches System von Bändern aus Natur- und Kunststein, aus Kleinstein- und Mosaikpflaster korrespondiert mit einem Spalier von 357 Leuchten. Auf acht Plätzen werden Stühle und zum Teil Tische aufgestellt. Außerdem werden 18 Freischankplätze ausgewiesen, so dass etwa 1.500 Menschen dort essen und trinken können. Daneben laden drei Spielanlagen mit Elementen zum Bauen die Kinder ein.

Acht Brunnen plätschern, drei sind begehbar. Fußwaschen, übrigens eine urchristliche Sitte, ist dort erlaubt. Gegen den begehbaren Brunnen vor der Frauenkirche, der ja Stadtstreicher und Dirnen anlocken könnte, muckt das Erzbischöfliche Ordinariat auf. Doch die Stadtgestaltungskommission überstimmt die oberhirtlichen Bedenken. „Die Frauenkirche ist kein Dom, sondern eine Bürgerkirche“, so Stadtbaumeister Uli Zech.

Die Befürchtung der Geschäftsleute, mit den Autos könnten auch die Käufer ausbleiben, wird sehr schnell so ausgeräumt, dass Ladenbesitzer umliegender Straßen baten, den Fußgängerbereich bis zu ihnen hin auszudehnen. Tatsächlich erwägen die Planer, die ganze City für Autos zu sperren und nur noch schmale Fahrrinnen zu den Parkhäusern offen zu halten.


SCHNELLER IM UNTERGRUND

Bei der feierlichen Einweihung der S-Bahn gehen die Lichter aus. 500 Ehrengäste stehen 25 Meter unter dem Stachus minutenlang im Dunkeln, bis sich eine automatische Notbeleuchtung einschaltet. Wieder im vollen Licht, entschuldigt Bundesbahnpräsident Oeftering die Panne und feiert die zunächst im Probebetrieb eröffnete 4,2 Kilometer lange Tunnelstrecke. Vier Wochen pendelt die S-Bahn im Vier-Minuten-Takt zwischen Haupt- und Ostbahnhof, drei Tage kostenlos für die Bevölkerung. Eine Stunde lang gibt es sogar Freibier.

Ab 26.Mai 1972 endlich wird das volle, 400 Kilometer lange Netz in der Region mit ihren bald zwei Millionen Bewohnern bedient. 135 Bahnhöfe wurden für den Schnellverkehr aus- oder neu gebaut. Die städtisch betriebene U-Bahn ist schon im Oktober 1971 zwischen Goetheplatz und Kieferngarten dem Verkehr übergeben worden, am 8. Mai wird ihr nur noch eine Linie2 zum neuen Olympiazentrum angefügt.


WUNDERVOLLE WELT

An der nördlichen Leopoldstraße entsteht ein legendärer Bau: der Hotel- und Vergnügungskomplex „Schwabylon“. Zur Eröffnung sind 40 Haie, 600 kleinere Fische und Schildkröten eingetroffen. Sie werden in eine neun Meter hohe Stahlkugel eingesetzt, wo sie nun hinter 56 Millimeter dickem Panzerglas jede Nacht bis zu 250 Gästen beim Essen, Tanzen und Flirten zuschauen können. „Yellow Submarine“ heißt dieses erste Schwabylon-Lokal. Drei Millionen Mark hat der Augsburger Händler und 50-fache Millionär Otto Schnitzenbaumer hinein gesteckt.

Die tägliche Ernährung der bis zu 1,80 Meter langen Raubfische, in Scheiben geschnittener Kabeljau aus der Nordsee, verschlingt an die 500 Mark. Wem’s nicht gruselt, kann bei der Fütterung Haischflossensuppe schlürfen oder gegrillten Hai essen.

Das Hotel besteht aus drei Türmen mit insgesamt 600 Betten, fast 1.000 Kongress- und 1.200 Parkplätzen mit großen Ballsälen, Bühne, Leinwand, Laufsteg, Simultanübersetzungsanlage und Ausstellungsräumen, in denen sogar neue Automobile präsentiert werden sollen. Etwa 150 Millionen Mark will Schnitzenbaumer insgesamt in das Schwabylon-Projekt stecken.

Zu dieser Freizeitstadt gehören über 100 Geschäfte, ein Flohmarkt, 15 Restaurants, Boulevardcafés, eine Schwimmhalle, eine Kunsteisbahn, die Olympiasieger Manfred Schnelldorfer leiten wird und die für Beat- und andere Festivals umgewandelt werden kann. Es gibt einen Marktplatz mit Tribünen, eine Spielhalle, Turnhallen, eine Sauna mit römischem Dampfbad und sogar künstlich temperierte Tropengärten – wahrhaftig eine „wundervolle Welt“.

Ihr Zauber währt nicht lang: 1978 wird das „Schwabylon“ mangels Publikumsinteresse abgerissen.

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