Reservierungen: So klappt es mit der neuen Regel

Mit neuen Reservierungsregeln wollte Wiesnchef Dieter Reiter spontane Besuche auf dem Oktoberfest ermöglichen - glaubt man den Bedienungen, klappt das nicht so gut.
| Thomas Gautier
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Reservierte Tische wie hier im Winzerer Fähndl gibt es heuer weniger. Bringt das den Münchnern was?
tg Reservierte Tische wie hier im Winzerer Fähndl gibt es heuer weniger. Bringt das den Münchnern was?

Mit neuen Reservierungsregeln wollte Wiesnchef Dieter Reiter spontane Besuche auf dem Oktoberfest ermöglichen - glaubt man den Bedienungen, klappt das nicht so gut.

München - Iris’ Stimme klingt wie direkt aus der Geisterbahn: heiser und malad. Egal – die Wiesnbedienung vom Augustiner redet sich die Rage von der Seele, rauer Hals hin oder her: „Scheiße, scheiße, scheiße“, flucht sie.

Grund für ihre Wut: Die neue Reservierungsregel, die Wiesnchef Dieter Reiter heuer eingeführt hat. Unter der Woche müssen 25 Prozent aller Plätze frei sein, an Wochenenden bis 15 Uhr die Hälfte – danach 35 Prozent. Reiter will so spontane Wiesnbesuche vereinfachen, vor allem für Familien und Münchner.

In der Realität bedeutet das für viele Bedienungen auf dem Oktoberfest: Der Tischwechsel entfällt. Das hat laut Kellnerin Ines krasse Auswirkungen: Vergangenes Jahr waren ihre Tische im hinteren Teil reserviert, heuer nicht mehr. „Die Leute bleiben jetzt bis abends mit ein, zwei Maß sitzen“. Der Tischwechsel am späten Nachmittag habe früher neuen Schwung gebracht: „Da waren die Leute frisch, haben gegessen und zwei, drei Maß getrunken.“ In diesem Jahr „geht uns das ab – da fehlt uns die Hälfte vom Verdienst“.

Ist es in anderen Zelten auch so? Die AZ hat Bedienungen gefragt, die heuer erstmals im nicht reservierten Bereich arbeiten.

In der Bräurosl sagt Kellnerin Renate: „Für d’Leit is schee, für uns weniger.“ Der Tischwechsel fehle. Und: „Wir verkaufen deutlich weniger Essen.“ Ihr Umsatz: minus 25 Prozent im Vergleich zu 2012.

Im Löwenbräu hält Kellnerin Vroni nichts von der neuen Regelung. „Abends kam auch mal ein Münchner Kegelverein, heuer sind’s nur Partypeople, die alles vollschütten.“ Tagsüber säßen viele „bis zum bitteren Ende.“ Die Folge: „Wir verkaufen 80 Prozent weniger Essen.“

Ochsenbraterei: Am Wochentag um 14.30 Uhr ist das Zelt gut voll, zwei Tische im neuen, nicht reservierten Bereich hinter der Kapelle sind aber auch frei. Auch an vielen anderen Tischen wäre für zwei, drei Leute jeweils Platz – wie in fast allen anderen Zelten. An der neuen Regel liegt’s laut Bedienung Margit nicht: „Es ist genau wie letztes Jahr.“

Im Schottenhamel arbeitet Gabi an den nicht reservierten Tischen rechts vorne im Zelt. Kommen mehr Münchner? „Nö. Also, ich merk’ nix!“, sagt sie. Dafür gingen „deutlich weniger Essen“ weg als im Vorjahr. Auch sie verzeichne ein Viertel weniger Umsatz.

Im Armbrustschützenzelt seien „alle total frustriert“, sagt eine Kellnerin, die ihren Namen nicht nennen will. Die Umsätze seien „total schlecht“ – aus den Gründen wie in anderen Zelten. Mit mehr Münchnern habe sie nicht zu tun – im Gegenteil: „Eher mehr Ausländer.“

Im Winzerer Fähndl wird gegen 15 Uhr gerade das halbe Mittelschiff für den Tüv Süd eingedeckt. Die Kellner hier rotieren täglich, arbeiten mal an reservierten, mal an freien Tischen – wie diesmal Tanja. „Für mich ist’s heute ein Tröpferlgeschäft“, sagt sie. „Die Tische sind seit zwölf Uhr voll, jetzt geht nicht mehr viel.“ Münchner seien nicht mehr da als im Vorjahr, „dafür weniger Stammgäste, die ja meist Münchner waren. Die sind verärgert.“ Für Tanja ist die neue Regelung einfach nur „eine schlechte Idee“.

Löwenbräu-Festwirt Wiggerl Hagn sieht die neue Regelung ebenfalls kritisch: „Wir haben heuer weitaus weniger Münchner Gäste“, sagt er. „Dafür kommen sehr viele Touristen und junge Leute.“ Die Vereine, Stammtische und kleinen Münchner Firmen, die früher eine Reservierung hatten, seien heuer nicht mehr da – „dabei haben die früher das Zelt geprägt“, sagt Hagn.

Dass er durch den fehlenden Tischwechsel weniger Essen verkauft, kann der Wirt teilweise bestätigen: „Es sind viel weniger Hendl.“ An einem Samstag seien es gleich 1400 Stück weniger. Hagn: „Man kann mit der Regelung schon leben. Aber da ist nach der Wiesn sicher noch Gesprächsbedarf.“

Auf der Wiesn ist auch zu vernehmen, dass einige Wirte die neue Regel zum Anlass nehmen, ihre Reservierungs-Portfolios aufzuräumen. Wer jahrelang kam, aber nicht mehr so nett – oder konsumfreudig – war, wurde jetzt von der Liste gestrichen.

Reden will auch Dieter Reiter. Nach der Wiesn will er sich mit den Wirten und den Bedienungssprechern zusammenhocken. Sein Eindruck ist aber schon jetzt: „In den Zelten sitzen normale Münchner – oder Bayern – die sonst keinen Platz bekommen hätten.“ Dass die Bedienungen weniger verdienen läge eher am Bierpreis. „Und für den kann ich nichts.“

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