Reservierungen: Jagd auf die Wiesn-Wucherer

Nachdem die AZ über das kriminelle Geschäft mit Reservierungen auf der Wiesn berichtet hat, wollen Wirte und der Wiesn-Chef verstärkt Betrüger jagen
| Christian Pfaffinger
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„Kein Toleranzspielraum“: Wiesn-Chef Josef Schmid (CSU, r.), hier auf dem Oktoberfest mit Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD).
Tobias Hase/dpa „Kein Toleranzspielraum“: Wiesn-Chef Josef Schmid (CSU, r.), hier auf dem Oktoberfest mit Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD).

München - Aufruhr auf der Wiesn: Die Wirte und die Stadt sagen Wucher-Händlern den Kampf an. Nachdem die AZ exklusiv darüber berichtet hat, wie Händler mit Wiesn-Reservierungen Wucher-Geschäfte betreiben, wollen die Betreiber der Festzelte und der Wiesn-Chef verstärkt gegen die Betrüger vorgehen.

Seit Jahren blüht der Handel mit Reservierungen: Bis zu 10 000 Euro werden für einen Tisch auf dem Oktoberfest bezahlt. Mit Informationen eines Insiders berichtete die AZ nun darüber, wie Händler Tische von Firmen aufkaufen oder sich neue Reservierungen erschwindeln, die sie dann zu horrenden Preisen auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Andreas, dessen richtiger Name nicht in der Zeitung stehen darf, will aus dem Geschäft mit den Wiesn-Tischen aussteigen und sich der Polizei stellen. Der AZ hat er alles über den Schwarzmarkt erzählt und mit Testkäufen bewiesen, wie leicht er an Tische kommt.

Das soll künftig nicht mehr so leicht gehen. Die Stadt und die Wirte sind auf der Jagd nach den Betrügern. Jetzt noch strenger, heißt es von der Festwiese und aus der Politik.

„Da gibt es keinen Toleranzspielraum“, sagt etwa Josef Schmid (CSU). Der Wirtschaftsreferent und Festleiter der Wiesn meldet sich am Mittwoch aus dem Krankenstand bei der AZ und sagt: „Ich freue mich, dass der Informant Hintergründe des Wucher-Schwarzmarktes offenlegen will. Ich werde allen Informationen über die Hintermänner gründlich nachgehen.“

Der AZ-Informant Andreas möchte sein Wissen über die Händler-Szene preisgeben. Er will helfen, die Betrugsfälle aufzuklären.

„Offensichtlich wird noch zu wenig gegen die Händler getan“

Schmid (ihn hat ein Wiesn-Virus erwischt) hat daran viel Interesse: „Verstöße gegen vertragliche, städtische oder strafrechtliche Regelungen sind mit allen Mitteln zu ahnden. Ich habe keinerlei Verständnis dafür, wenn sich einzelne zum Nachteil aller bereichern.“

Andere Politiker sehen die Wirte in der Verantwortung. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der als Wirtschaftsreferent die Reservierungen begrenzt hat, sagt: „Dass unter der Hand mit krimineller Energie Tische zu Höchstpreisen gehandelt werden, kann die Stadt leider nicht unterbinden. Letztlich entscheiden die Wirte, wer in welchem Umfang Tische reservieren kann und ob diese auch von den betreffenden Personen besetzt werden.“

Alexander Reissl, Fraktionschef der SPD im Rathaus, wird noch deutlicher: „Angeblich tun die Wirte alles gegen den Handel auf dem Schwarzmarkt. Aber offensichtlich ist das noch zu wenig.“ Die Stadt selbst könne wenig tun: „Aber wir treten immer wieder an die Wirte heran und rufen sie dazu auf, sich was gegen die Händler einfallen zu lassen.“

Toni Roiderer, der Sprecher der Wiesn-Wirte, ist empört über den Vorwurf, die Zeltbetreiber würden zu wenig gegen die Wucher-Geschäfte der Händler unternehmen: „Wenn man sich nicht auskennt, ist es leicht, so etwas zu sagen. In Wahrheit ist es einfach sehr schwierig, gegen eine derart hohe kriminelle Energie vorzugehen.“

Dennoch gebe es immer wieder Erfolge: „Wir überführen immer wieder Händler und tun alles gegen den Betrug an unseren Gästen.“

Er habe sogar Bekannte beim Schwarzhandel erwischt: „Da bin ich bereits enttäuscht worden von Leuten, die mein Vertrauen ausgenutzt haben, um dann mit Tischen zu handeln.“

Auf die Frage, ob die Wirte die umfangreichen Informationen des AZ-Insiders nutzen wollen, sagt er: „Jederzeit sofort – wir wollen diese krummen Geschäfte ja auch nicht. Sie schaden dem Image der Wiesn enorm.“

Und sie schaden auch der Staatskasse. Denn die Einnahmen aus dem Schwarzhandel werden fast nie versteuert, sagt AZ-Informant Andreas. Auf die Frage, ob die Steuerfahndung gezielt gegen Wiesntisch-Händler vorgehe, heißt es vom Landesamt für Steuern aber bloß: „Die Steuerfahndung kümmert sich um alle Sachverhaltsgestaltungen, bei denen ein strafrechtlicher Anfangsverdacht gegeben ist. Schwarzmarkthandel bedeutet nicht auch zwingend, dass der Händler seine Einnahmen nicht versteuert.“

Mit Andreas’ Informationen dürfte demnächst nicht nur ein Anfangsverdacht vorliegen.

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