"Wiesn als Reallabor nutzen": Bundeswehr-Uni unterstützt die Stadt

Am zweiten Wochenende gab es auf der letzten Wiesn eine Überfüllungssituation. Am Ende ist alles glimpflich ausgegangen, aber schnell war klar: In diesem Jahr muss das Sicherheitskonzept nachgeschärft werden. "Uns ist klar geworden, dass wir als Veranstalter bei einem Fest dieser Größenordnung zu jeder Zeit wissen müssen, was auf dem Festgelände los ist", sagt Wiesnchef Christian Scharpf (SPD). "Ein Sicherheitsdienstleister, der ein paar Kameras aufhängt, reicht nicht."
Zur wissenschaftlichen Begleitung hat er sich Unterstützung vom Fraunhofer-Institut geholt. Federführend beteiligt ist Professor Jürgen Beyerer, Institutsleiter und Vorsitzender des Fraunhofer-Leistungsbereichs Verteidigung, Vorbeugung und Sicherheit. Ebenfalls an Bord des Sicherheitsteams ist Silja Hoffmann, Professorin für intelligente und multimodale Verkehrssysteme an der Universität der Bundeswehr München.
Die erste Maßnahme ist räumlich und wurde gemeinsam mit dem Baureferat umgesetzt. Bisher war die Sicherheitszentrale ein kleiner Raum im Servicezentrum hinter dem Schottenhamel-Zelt. Nun ist das Wiesn-Fundbüro von dort hoch auf die Theresienhöhe gezogen, um Platz für einen Koordinierungsraum für Beobachtungsmanagement und Besucherlenkung zu schaffen. Dort laufen alle Fäden zusammen für einen verbesserten Informationsfluss zwischen den beteiligten Behörden. Rund 30 Personen befassen sich mit dem Thema Beobachtungsmanagement und Besucherlenkung. Etwa 600 Polizeibeamte sind rund um das Fest im Einsatz, dazu bis zu 1600 Ordner.
KI-gestützte Kameras erkennen Besucherströme
Bisher gab es nur 13 Kameras an den jeweiligen Eingängen. Nun wurden 35 Kamerapositionen mit über 50 KI-gestützten Kameras auf dem gesamten Wiesngelände eingerichtet. Diese erkennen die Besucherströme und geben über Heatmaps frühzeitige Hinweise, wenn sich irgendwo zu große Menschenansammlungen bilden. "Wir verlassen uns aber nicht nur auf die künstliche Intelligenz, sondern setzen weiterhin auch auf die natürliche Intelligenz."
Dafür wird ein sogenannter Crowdspotter eingesetzt, der an besucherstarken Tagen nichts anderes macht, als Besucherströme im Blick zu haben, auf die Kameras zu schauen und gegebenenfalls auch Durchsagen zu machen. Auch der Sicherheitsdienstleister Securitas wird eingebunden. Ab sofort kontrolliert und lenkt er die Besucher nicht nur an den Eingängen, sondern wird auch auf der Wirtsbudenstraße unterwegs sein.

"Wir freuen uns, die diesjährige Wiesn der Stadt München mit einem Experimentalsystem begleiten zu dürfen", sagt Professor Beyerer. Konkret bedeutet das: "Wir machen Crowd-Monitoring, und zwar fürs Video", erklärt Beyerer. Er und seine Kollegen extrahieren aus den Videoströmen KI-basiert Personenströme und Bewegungsrichtungen in Echtzeit und erstellen daraus Heatmaps, Karten, an denen sich die Dichte der Menschenmenge ablesen lässt. Die gewonnenen Daten werden datenschutzkonform anonymisiert ausgewertet.
"Wir liefern die schnelle Videomesstechnik, um Richtungen, Bewegungsrichtungen, Strömungen und Dichten zu schätzen", wird Beyerer konkret.
Die Wiesn als Reallabor für die Universität der Bundeswehr
"Wir werden die diesjährige Wiesn als Reallabor nutzen, um wissenschaftliche Erkenntnisse voranzubringen", sagt Professorin Hoffmann von der Universität der Bundeswehr München. Für sie ist nicht nur die Frage interessant, wie viele Menschen sich gerade wo befinden, sondern auch: Wie entwickeln sich diese Personenströme und was wird als Nächstes passieren?
Als Beispiel führt sie das moderne Verkehrsmanagement an. Es reiche nicht mehr, zu wissen, dass man aktuell im Stau steht. Der nächste Schritt wäre, vorherzusagen, wo sich in den nächsten fünf, 20 oder 30 Minuten ein Stau entwickelt. "Wir möchten frühzeitig prognostizieren, was passiert und wo sich etwas ausbreitet", so Hoffmann, "um dann sagen zu können, welche Maßnahmen geeignet sind, um den Stau zu vermeiden oder seine Auswirkungen zu lindern." Diese Logik möchte sie auf die Personenströme übertragen.
Weitere Sicherheitsmaßnahmen: Die Reservierungszeiten der großen Zelte wurden angepasst, um Abläufe zu optimieren. Die Kampagne "How to Wiesn" soll Besucher aus dem Ausland motivieren, nicht nur zu den Stoßzeiten auf die Wiesn zu kommen. Außerdem wurden bei Google alle Eingänge der großen Zelte und weitere Orte auf der Wiesn markiert.