Oktoberfest-Sanitätsdienst: Peter Aicher über Schlägereien, Leichensäcke und Herzinfarkte
AZ: Mehr als 40 Jahre ist es her, dass Sie als 26-Jähriger die Aicher Ambulanz gegründet haben. Erinnern Sie sich noch an die Zeit davor?
PETER AICHER: Ursprünglich habe ich Koch gelernt. Eigentlich wollte ich unmittelbar nach meiner Lehrzeit als Schiffskoch auf die MS Europa. Aber dann kam mir die erste Liebe dazwischen und das Schiff ist ohne mich gefahren.
Wie kamen Sie denn von der Küche zum Rettungsdienst?
Schon während meiner Ausbildung war ich ehrenamtlich beim Malteser Hilfsdienst und habe dort meine Rettungssanitäter-Ausbildung gemacht. Die nächste Weichenstellung war, dass ein hauptamtlicher Mitarbeiter vom Malteser zur Bundeswehr musste und ich seine Planstelle bekam. Das war eine schöne Zeit. Aber dann kam die Zeit der Familiengründung. Dort habe ich nicht das Gehalt verdient, das man braucht, um zu überleben. Danach hatte ich noch einen kurzen Zwischenstopp in der Einsatzzentrale beim Roten Kreuz.
Warum nur kurz?
Meine Eltern waren Busfahrer und Straßenbahnschaffner. Als bei den Stadtwerken eine Stelle als Verkehrsmeister ausgeschrieben war, habe ich mich darauf beworben. Das ist eine einjährige Ausbildung. Ich war damals aber zu jung. Deshalb musste ich noch zwei Jahre Trambahn fahren und konnte dann erst den Meisterkurs machen. Danach war ich Ausbilder und Fahrlehrer für die Straßenbahn. Das war eine sehr schöne, relaxte Zeit. Ohne Wochenenddienste...
Aicher Ambulanz: So begann die Geschichte des Rettungsdienstes
… die wieder nichts mit Rettungsdienst zu tun hatte.
Dann kam irgendwann mein Ex-Kollege und sagte, Peter, bei uns in der Rettungsleitstelle gibt es Wartezeiten von neun Stunden beim Krankentransport. In anderen Bundesländern gibt es private Rettungsdienste. Was hältst du davon, wenn wir das machen? Und dann haben wir uns selbstständig gemacht. Der Kollege ist allerdings nach drei Monaten wieder abgesprungen.

Dann waren Sie ganz alleine. Hatten Sie so viel Mut und Geld?
Mut hatte ich, Geld hatte ich keins. Jedenfalls nicht ausreichend für so ein Projekt. Aber ich habe einen Kredit bei der Bank bekommen. Heute würde das alles nicht mehr gehen.
Und wie ging es dann los?
Wir haben den Antrag gestellt, das erste Fahrzeug gekauft und unseren eigenen Funktisch in einem zum Büro umfunktionierten Apartment in Giesing gebaut. Und dann gab es noch viele Hürden. Wir mussten erst einmal 47 Prozesse führen, um überhaupt einen Kranken fahren zu dürfen. Das war eine sehr unangenehme Zeit. Du hast Betriebskosten, die Schulden wurden immer höher und womit ich nicht gerechnet hatte: Es gab Boykottaufrufe.
Was für Boykottaufrufe?
Damals machte nur das Bayerische Rote Kreuz diese Sachen. Und dann kommt da ein Privater? Das geht gar nicht, haben viele gesagt. Die Krankenkassen haben sich dazu berufen gefühlt, diesen Boykottaufruf zu unterstützen und uns nicht bezahlt. Wir hatten also die Konzession, haben Krankentransporte gemacht und kein Geld bekommen. Am Schluss waren die Schulden auf 700.000 Mark gewachsen – für einen Jungunternehmer eine Katastrophe!
Aicher Ambulanz kämpfte gegen Boykott
Was haben Sie unternommen?
Die meisten Rechnungen waren damals bei der AOK offen. Ich habe den Direktor angerufen und der hat mir gesagt: "Herr Aicher, ich weiß, dass Sie recht haben, aber schauen Sie einfach selbst, dass Sie zurechtkommen." In meiner Verzweiflung bin ich dann ins Einsatzauto gestiegen und zu ihm gefahren. Ich habe den Pförtner ignoriert, seine Vorzimmerdame auch und bin direkt zu ihm ins Büro. Der hat anscheinend das Funkeln in meinen Augen gesehen. Denn ich habe zwar nichts gemacht, aber er ist aufgestanden und dabei ist sein Schreibtischstuhl umgefallen. Er hat dann einen Notrufknopf gedrückt und mich hinausbefördern lassen.
Ist er damit durchgekommen?
Ich habe sofort die Presse informiert und dafür gesorgt, dass mehrere Ambulanzwagen dort vorfahren. Dann kam eine Hundertschaft der Polizei dazu und am Ende haben sie mich sogar festgenommen. Ich habe der Polizei gesagt, dass ich einfach nur den Direktor sprechen will, weil ich meine Gehälter nicht zahlen kann. Die Polizei wollte nur, dass unsere Demonstration aufgelöst wird. Der Direktor war in der Zwischenzeit schon daheim in Starnberg – und wurde dann mit dem Streifenwagen wieder zurückgebracht. Wir haben uns dann immerhin auf einen Vergleich geeinigt.
Und von da an ging es bergauf?
Das war nur eine von vielen Schikanen in den ersten Jahren. Aber wir haben durchgehalten. Unser nächster Schritt war der Einstieg in die Notfallrettung und ein eigener Notarztdienst. Aber dafür mussten wir erst mal viel Werbung machen. Unser Kapital war die sechs Mal die Sieben.

Die Telefonnummer?
Ja. Dafür ging ich ins Fernmeldeamt. Das war ein Großraumbüro mit acht jungen, attraktiven Mädels drin. Ich, damals auch ein ganz ansehnlicher Typ, bin da reingegangen und hab gefragt: „Entschuldigung, wer ist denn hier für eine gute Nummer zuständig?“ Die Zweideutigkeit war mir erst in dem Moment aufgefallen (lacht). Eine Dame hat dann gefragt: „Was brauchen Sie denn?“ Ich wusste, dass kurz zuvor ein Taxiunternehmer, der die sechs Mal die Sieben hatte, in Konkurs gegangen war und die Nummer wieder frei war. Also habe ich gesagt: „Zum Beispiel die sechs Mal die Sieben“. Da hat die Dame gelacht und gesagt, das wäre ja wie ein Sechser im Lotto, schaute in ihren Karteikasten und sah, dass die Nummer wieder frei war.
Die 6 x 7: So wurde die Telefonnummer der Aicher Ambulanz bekannt
Aber die kannte ja erst einmal niemand.
Wir haben dann die Reklametafeln über den Münzsprechern in Telefonzellen gemietet. Damals haben sich viele Szenen in Fernsehkrimis in Telefonzellen abgespielt. Erpresseranrufe und sowas. So eine Werbung ist unbezahlbar! Aber dann kam ja eh das Gesetz, die Nummern von öffentlichen und privaten Anbietern zusammenzuführen.
Und dann haben Sie Ihre Palette immer erweitert?
2008 haben wir dann den Mobility Service am Flughafen übernommen für Fluggäste, die in der Mobilität eingeschränkt sind. Das ist eine große Abteilung geworden, mittlerweile arbeiten allein dort 300 Leute für uns. Wir müssen also immer schauen, dass wir auf die Jugend bauen.
Nachwuchs und Gewalt gegen Rettungssanitäter
Wie motivieren Sie die denn, zu Ihnen zu kommen? Es ist zu hören, dass sich Menschen zunehmend respektlos gegenüber Rettungssanitätern verhalten. Stimmt das?
Ja. Wir haben nicht nur Sachbeschädigungen, sondern auch Übergriffe aufs Personal. Da läuft in der Fußgängerzone eine Reanimation im Auto und auf einmal scheppert es und ein Außenspiegel ist weg. Das ist beschämend. Auch in den Geflüchteten-Unterkünften, 2015 am Hauptbahnhof oder 2022 in Riem, gab es viel Vandalismus.
Aber Sie haben trotzdem immer wieder Sondereinsätze wie das Impfzentrum auf die Beine gestellt.
Bei der Stadt hat es damals immer geheißen: „Wenn’s brennt, dann ruft’s den Aicher an. Der muss jetzt helfen.“ Und dann haben wir das natürlich auch gemacht. Wir haben die Erfahrung und das Personal. Und letztendlich sind unsere Mitarbeiter motiviert, zu helfen.
Haben Sie auch einmal etwas bereut?
Nein. Das ist unsere Berufung. Es macht auch Spaß, mit unseren jungen Leuten zu arbeiten. Wir sind ein Ausbildungsbetrieb. Aber aus dem operativen Betrieb bin ich jetzt raus.
Peter Aicher erinnert sich an den Amoklauf am OEZ München
Und was bleibt Ihnen am meisten in Erinnerung?
Der Amoklauf am OEZ. An dem Tag hat einer unserer Rettungsdienstleiter Hochzeit gefeiert. Da waren auch viele Kollegen. Und auf einmal sind überall die Piepser losgegangen. Ich bin dann selbst mit dem Großraumrettungsbus zum Einsatz. Da kam ein Ehepaar zu mir. Sie vermissten ihren Sohn. Ich habe sie zu mir in den Bus geholt und versucht, etwas herauszufinden. Irgendwann hat mich dann die Leitstelle angerufen und gesagt, ich soll sie zur Betreuungsstelle bringen. Da wusste ich schon, das hört sich nicht gut an. Das war genau der Bub, auf den der Täter geschossen hat. Obwohl das schon so viele Jahre her ist, ist das immer noch sehr belastend.

Grundsätzlich lernen Sie die Menschen ja in Ausnahmesituationen kennen. Wie ist das?
Bei den Einsätzen musst du funktionieren. Schlimmer ist es dann im Nachgang. Aber dafür haben wir einen Krisendienst. Der ist nicht nur für die Betroffenen da, sondern auch für unsere Mitarbeiter.
Aicher Ambulanz auf dem Oktoberfest: Sanitätsdienst auf der Wiesn
Seit 2018 ist die Aicher Ambulanz auch auf der Wiesn. Mit Ihrer Bewerbung haben Sie das Rote Kreuz nach 133 Jahren Sanitätsdienst abgelöst. Da gab es sicher auch Gegenwind, oder?
Wir hatten das beste Angebot und waren günstiger. Im Vorfeld wollten das viele verhindern. Aber wir haben alles gemeistert. Kurios war da schon die Ausschreibung!
Warum?
Da hieß es zum Beispiel, dass wir für die Durchführung der Wiesn sechs Leichensäcke zur Verfügung stellen müssen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich die bekomme, wollte schon beim Bestatter nachfragen. Aber dann haben wir gegoogelt und festgestellt: Bei Amazon kriegst du wirklich alles. Meine Frau war damals im Urlaub und dann haben alle gescherzt: Jetzt fährt gleich die Polizei bei dir vor und stellt ein paar Fragen (lacht).
Trinken bis zur Bewusstlosigkeit, Prügeleien und viel Erbrochenes: Was hat Sie daran gereizt?
Naja, grundsätzlich ist das ein klassischer Sanitätsdienst. Ja, es gibt Schlägereien und meistens ist Alkohol im Spiel. Aber es ist das größte Fest weltweit und das macht es auch aus. Dazu gehören Stürze beim Toboggan oder Teufelsrad, aber auch anspruchsvolle Diagnosen. Das ist wie eine Großstadt, und da passieren ganz normale Sachen wie Herzinfarkt. Wir haben viele Ärzte, die gerne dort arbeiten. Es ist wirklich eine große Wiesnfamilie. Wir arbeiten dort auch eng mit der Wiesnwache zusammen und das macht Spaß.
Wechsel in der Geschäftsleitung
Fällt es da nicht schwer, Ihr Unternehmen in andere Hände zu geben?
Michel Belcijan war jahrelang bei uns Betriebsleiter und nun habe ich ihn in die Geschäftsleitung geholt. Ralf Kuchenbuch war zuletzt hauptberuflich bei einem Klinikkonzern, zuvor aber ebenfalls schon hier Betriebsleiter. Zu beiden habe ich 100 Prozent Vertrauen, wir arbeiten seit Jahren zusammen und das ist ein schönes Gefühl.
Und was machen Sie ab sofort mit Ihrer freien Zeit?
Ich bin ja zu 100 Prozent Inhaber der Aicher-Gruppe. Da gibt es schon noch Verpflichtungen. Privat bin ich verheiratet, habe drei Kinder. Und dann ist da meine große Leidenschaft: der Fußball. Immer donnerstags spiele ich bei den alten Männern und bin auch Vorsitzender in meinem Verein. Ich koche auch immer noch gern. Und dann würde ich mir gerne noch ein bisserl was von der Welt anschauen. Ich freue mich auf das, was kommt. Sorgen, dass ich jetzt in ein schwarzes Loch reinfalle, mache ich mir nicht.
Zur Person: Peter Aicher (67) gründete 1985 die Aicher Ambulanz, den heute größten privaten Rettungsdienst der Stadt. Nun gibt er die Verantwortung in die Hände von
Michel Belcijan und Ralf Kuchenbuch.
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