Rekord-Wiesn in München: Zwischen Familiengefühl und Dauerstress

Auf der Wiesn treffen sich Professor und Maurer, Stammgäste und Bedienungen – alle sprechen von Familie, Heimkommen und Klassentreffen. Doch während die Rekord-Wiesn gefeiert wird, entzündet sich Streit an der Frage, ob das Oktoberfest Weltkulturerbe werden soll.
Ruth Frömmer |
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Wiesn-Urgestein Wiggerl Hagn und Pfarrer Rainer Schießler lassen die Wiesn Revue passieren.
Wiesn-Urgestein Wiggerl Hagn und Pfarrer Rainer Schießler lassen die Wiesn Revue passieren. © Daniel von Loeper

Nach der Wiesn ist vor der Wiesn, zumindest für Wiesn-Wirte, Bedienungen, Trachtler und Mitarbeiter der Stadt München. Am Mittwoch trafen ein paar Wiesn-Menschen zusammen, um nicht nur die vergangene Rekord-Wiesn, sondern das Oktoberfest allgemein Revue passieren zu lassen.

In fast allen Punkten herrscht Einigkeit. Worte wie "Familie", "Heimkommen" und "Klassentreffen" fallen oft. Spaltung der Gesellschaft? Auf der Wiesn gebe es die nicht. Hier prosten sich der Professor und der Maurer zu und haben auch noch Spaß dabei. Und so hat jeder seine Gründe, warum die Wiesn ihn trotz aller Anstrengungen nie loslässt. Einzig die Frage, ob die Wiesn Weltkulturerbe werden soll, wirft unterschiedliche Perspektiven auf.

Mit der vergangenen Wiesn ist Wiesn-Stadträtin Anja Berger (Grüne) mehr als zufrieden: "Es war eine sehr, sehr schöne Wiesn." Dass alles so friedlich und fröhlich gewesen sei, trotz der großen Menge an Menschen zeige, dass in dieser Stadt alle gut zusammenarbeiten können.

Wiesn ist keine Ersatzreligion, aber Beweis für Olympia-Kompetenz

Pfarrer Rainer Schießler hat zehn Jahre lang im Schottenhamel-Biergarten als Kellner gearbeitet und ist immer noch großer Wiesn-Fan. "Manchmal sitze ich im Biergarten und dann juckt's mich und ich möchte am liebsten aufstehen und anfangen, einen Tisch abzuräumen", erzählt er und lacht.

Aber er betont: "Die Wiesn ist keine Ersatzreligion. Gott will, dass der Mensch das Leben genießen kann." Menschen, die feiern, seien die Gemeinsamkeit zwischen Kirche und Wiesn. Die vergangene Wiesn hat für ihn sogar eine politische Dimension: "Wenn jetzt jemand bewiesen hat, dass wir Olympia können, dann wir in München", ist er sich sicher.

Wiesn-Kellnerin Margarete Prijak und Wiesn-Stadträtin Anja Berger (Grüne).
Wiesn-Kellnerin Margarete Prijak und Wiesn-Stadträtin Anja Berger (Grüne). © Daniel von Loeper

Margarete Prijak (54) kellnert immer noch auf der Wiesn. Mit 16 Jahren hat sie angefangen und in diesem Jahr ihre 38. Wiesn hinter sich gebracht. Sie ist müde, aber die vielen schönen Geschichten lassen sie nicht los. Sie hat schon Heiratsanträge bekommen, war auf Hochzeiten von Gästen, Taufpatin, und deshalb weiß sie: Die nächste Wiesn kommt bestimmt.

Wiggerl Hagn ist das Oktoberfest-Urgestein in der Runde. 62 Jahre lang war er Wirt im Löwenbräu-Zelt, die vergangene Wiesn war seine 71. Er kennt die Wiesn wie kein anderer. Und ausgerechnet er spricht sich dagegen aus, die Wiesn als UNESCO-Weltkulturerbe vorzuschlagen. "Ein Weltkulturerbe kannst du nicht verändern. Aber die Wiesn ändert sich von selber", und das mache sie aus. Schießler ist sich da nicht sicher. Vielleicht würde diese Auszeichnung die Wiesn auch schützen. Ob das nötig ist, wird sich zeigen, wenn das Gericht in ein paar Wochen entscheidet, ob Plätze auf der Wiesn europaweit ausgeschrieben werden müssen.

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