Oktoberfest 2018: Anstich in der Ratsboxe - Gefrotzel mit Straftäter

OB Reiter vergisst beim Anzapfen den Nachsatz "Auf eine friedliche Wiesn". Und es gibt noch mehr Anlass für Gerede oben in der Ratsboxe.
| Irene Kleber, Florian Zick, Felix Müller
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Premiere für Ministerpräsident Markus Söder (l.): Von OB Dieter Reiter (r.) bekommt er die erste Wiesn-Maß des Jahres.
dpa Premiere für Ministerpräsident Markus Söder (l.): Von OB Dieter Reiter (r.) bekommt er die erste Wiesn-Maß des Jahres.

München - Der Schlegel fliegt, der Bierschaum zischt. Eins, zwei, "Ozapft is!", ruft OB Dieter Reiter (SPD) um Schlag zwölf ins Mikrofon in der Anzapfbox. Und dass er vor lauter Konzentration aufs berühmte Eröffnungsritual am ersten Wiesn-Samstag den Nachsatz "Auf eine friedliche Wiesn" vergisst, merkt kaum einer im Schottenhamel-Festzelt.

Die erste Maß geht, wie sich’s gehört, an den Ministerpräsidenten, heuer also zum ersten Mal an Markus Söder (CSU). Erst als der BR nachfragt, sagt Reiter – noch ein bissl konzentrationsfahrig: "Sollte ich es nicht gesagt haben, meine ich es aber umso ernster: Auf a friedliche Wiesn. Das ist das Allerwichtigste für uns alle hier."

Söder und Hartmann frotzeln in der Ratsboxe

Droben in der Ratsboxe, wo traditionell die geladene Politikprominenz sitzt, zieht sowieso zu dem Zeitpunkt jemand anderes alle Augen auf sich: Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) ist gerade mit seiner neuen Ehefrau Soyeon Schröder-Kim heraufspaziert.
CDU-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist Überraschungsgast. Auch die SPD-Landtagsspitzenkandidatin Natascha Kohnen. Und tatsächlich: das linke Urgestein Gregor Gysi. Hier oben ist zwar politikfreie (Fest-)Zone. Für aufmerksame Beobachter aber lässt sich beim Schaulaufen viel Politgeplänkel lesen.

Als Markus Söder auf der Empore ankommt, fällt sein erster Blick auf den aufgetrachtelten Ludwig Hartmann. Der Spitzenkandidat der Bayern-Grünen (erstmals da) hat gerade in einem Zeitungsinterview zugegeben, schon mal einen Joint geraucht zu haben. "Straftäter, Straftäter!", frotzelt Söder also Hartmann entgegen. Der kontert gewieft: "Wollen Sie mich abschieben?" Darauf Söder schmunzelnd: "Nein, nein. Man weiß ja nie, wofür man Sie noch brauchen kann."
Hoppla, war das ein Angebot für einen Ministerposten nach der Landtagswahl am 14. Oktober? "So weit würde ich nicht gehen", sagt Hartmann der AZ im Nachgang. Aber so ein bisserl ein schwarz-grünes Geflirte – das war’s schon.

CDU-Mann Spahn sorgt für versöhnliche Töne

Jens Spahn, den einige in der CSU schon als nächsten CDU-Kanzlerkandidaten handeln, ist auf Einladung von CSU-Bürgermeister und Wiesnchef Josef Schmid da. Keiner kann sich erinnern, dass je ein CDU-Bundesminister so begeistert auf der Wiesn empfangen wurde. Spahn gelingt das Kunststück ausgerechnet jetzt, wo die Schwesterparteien sich fremd sind wie lange nicht.

Spahn schüttelt Hände, umarmt, man kennt sich. Er lässt sich wirkungsvoll am CSU-Herrentisch im Rücken Söders nieder. Umringt von Generalsekretär Markus Blume und Digitalminister Georg Eisenreich. Ein kurzer Ratsch mit dem OB geht sich auch noch aus. Um was es ging? "Dass wir in Berlin jetzt alle miteinander den Laden zusammenhalten müssen", sagt Spahn auf Nachfrage.

Während Söder und Reiter friedlich zusammen Kartoffelsalat und Hendl essen (mit am Tisch: ihre Ehefrauen Karin Söder und Petra Reiter sowie Prinz Wolfgang von Bayern und US-Generalkonsulin Meghan Gregonis), kaut Gregor Gysi neben Pfarrer Rainer Maria Schießler auf einem Hendl herum und staunt: Diese Bayern, sagt er, "die feiern ganz anders als die Berliner. Die Musik spielt auf, und die Leute singen mit. In Berlin müssten wir erst zwei Stunden trinken, eigentlich können wir auch erst abends feiern."

Grün scheint en vogue zu sein

Obergenossin Natascha Kohnen sitzt derweil ziemlich alleingelassen auf der SPD-Bank. Kein leichter Tag für sie, so wenig Aufmerksamkeit dürfte eine Spitzenkandidatin der SPD selten auf der Wiesn bekommen haben. Ob sie gern herkommt? "Na klar", ruft sie, "ich bin ja Münchnerin!" – und kann sich einen Seitenhieb gegen den Ministerpräsidenten nicht verkneifen. Was sie sich heute von ihm erwartet? "Dass er das überhaupt mal kennenlernt, der war ja noch nie beim Anstich."

Auffällig, wie viele Genossen in Grün unterwegs sind: der rote Oberbürgermeister, dessen Frau Petra, Kohnen, auch SPD-Fraktionschef Alexander Reissl. Wollen die Roten den Grünen schöne Augen machen (wie Söder, der auch viel grün in der Krawatte trägt)? "Ihr Hemd finde ich ganz wunderbar", flötet Katharina Schulze, der weibliche Part im grünen Landtags-Spitzenduo, dem OB zu – und fällt ihm um den Hals.

Da wiegelt Reiter doch mal lieber ab, und sagt: "Grün ist einfach eine schöne Farbe." Das mit dem Oktoberfestfrieden hat Dieter Reiter übrigens sehr erst gemeint. Um Schlag 12 Uhr schickte er am Sonntag auf Facebook noch einen Post: "Jetzt nochmal komplett: Auf eine friedliche Wiesn".

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