Moses Wolff: Lederhosn als Dosenöffner

Er ist Schriftsteller, Schauspieler, Drehbuchautor, Kabarettist - und Dauerwiesngänger: Auf eine Maß mit Moses Wolff morgens im Hackerzelt
| Adrian Prechtel
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Gut gelaunt nach der ersten Wiesnnacht: Moses Wolff mit seinem Wiesnkrimi, „Stammgast“-Anstecker und der ersten Mass in „Himmel der Bayern“.
Bernd Wackerbauer Gut gelaunt nach der ersten Wiesnnacht: Moses Wolff mit seinem Wiesnkrimi, „Stammgast“-Anstecker und der ersten Mass in „Himmel der Bayern“.

Er ist Schriftsteller, Schauspieler, Drehbuchautor, Kabarettist - und Dauerwiesngänger: Auf eine Maß mit Moses Wolff morgens im Hackerzelt

Erster Wiesnsonntag, 10.30 Uhr, vormittags. Unfassbarerweise ist die Stimmung im Hackerzelt jetzt schon ganz wild. Mehrmals wird das Gesprächs kurz unmöglich, weil tausende mit einem Jaul-Crescendo Kampftriker, die ihre Maß auf Ex trinken, anfeuern. Da kommt Moses Wolff eine satirische Gegenmaßnahme in den Sinn, die er verspricht später zu erzählen. Und jetzt setzt morgendlich auch noch die Kapelle unter Begeisterungstürmen ein – ausgerechnet mit „Atemlos durch die Nacht....“

AZ: Mein Gott, Herr Wolff, da hat Ihr zweiter Wiesntag gerade begonnen und schon ist die Stimmung wie spätabends.
MOSES WOLFF: Aber das ist genau das, was mich ja begeistert. Die Wiens ist wie ein kollektives Wallfahrtserlebnis mit Dauer-Euphorie.
Sie haben sich ja schon mal als Dauergast ihre Post auf die Wiesn nachschicken lassen. Welche Vorbereitungen haben Sie diesmal getroffen? Gehen Sie wie Donald Trump zum Arzt, um zu beweisen: Ich schaff’ das!
Genau! Alle Blut- und Leberwerte waren gut. Und jedenAbend vor dem Schlafengehen nehme ich Vitamin C und eine gute Dosis Magnesium. Außerdem lege ich es auch nicht auf irgendeinen traurigen Vollrausch an: Diese Kampftrinker da unten, für die ist doch der Tag zum Mittagsläuten schon wieder beendet!
Und wie sieht Ihr idealer Wiesntag aus?
Man trinkt eine Maß, dazwischen ein Wasser, auch wenn’s genauso teuer ist. Dann geht man eine Runde durch die Fahrgeschäfte. Ich liebe als Verschnauf-Insel das „Teufelsrad“. Aber gestern waren alle so nass, dass keiner so richtig Lust hatte, draufzugehen. Und dann geht’s wieder ins nächste Zelt.
Ist das nicht letztlich langweilig?
Nie, denn der Rahmen ist immer ähnlich, der Inhalt immer ein anderer. Und ich bin immer mit Freunden verabredet, wie gestern mit Helmut Schleich, auch wenn wir uns dann verpasst haben.
Und wie kommen Sie rein?
Ich kenne so viele: die von der Krinoline, Vater und Sohn vom Teufelsrad, überall Bedienungen, auch Burschen von der Security, so dass es fast immer funktioniert. Vom Toni Roiderer die Familie ist mal ins eigene Zelt nicht reingekommen, weil die am Einlass die nicht erkannt haben. Da hat der Toni an alle Fotos von seiner Familie verteilt, damit das denen nicht mehr passiert.

Prompt kommt Toni Roiderers Sohn Thomas auf die Empore, macht seinen Bedienungen Mut, erkennt Moses Wolff und schüttelt die Hand und eilt weiter...

Gibt es eigentlich eine Zelt-Psychologie?
Ja, aber anders als man denkt. Vielleicht ist wirklich das Hackerzelt das Münchnerischste. Und atmosphärisch gilt immer: Sind die Wirte sympathisch, lustig, offen, dann wirkt sich das aufs ganze Personal aus und damit auf die Stimmung. Im Hackerzelt zum Beispiel bin ich immer mit Freunden am ersten Tag gesessen und wenn der Toni Roiderer vorbeigegangen ist, haben wir mit unserem Wiesngeld gewunken und gerufen: „Toni! Alles für Dich!“ Und er hat zurückgerufen: „Dafür kriegs’t ja auch ein g’scheites Bier!“
Sie gelten da als Experte, weil Sie bei der Bier-Blindverkostung eine große Trefferquote haben.
Ja, wenn’s gut läuft „Alle Sechse!“ Das habe ich geschafft, als es mit einem bekannt Schlechterem losging, dann das schon optisch herausragende Hacker kam, Augustiner hat auch einen klaren Geschmack... Da war dann der Rest zu schaffen. Vier Richtige sind gut. Aber einmal hat mich einer vom BR auflaufen lassen, als er mich am letzten Wiesntag nochmal auf die Probe gestellt hat. Was natürlich fies war, weil da alle Geschmacksnerven schon k.o. sind.
Leidet heuer eigentlich die Stimmung wegen der erhöhen Sicherheitsanstrengungen?
Nein, schon einen Meter nach Zaun und Kontrolle ist alles wie immer. Und schon gestern ging’s wundnerbar los bei der Einlasskontrolle hinter der Bavaria. Vor mir eine Gruppe mit großen Taschen. Ich denke: Das wird jetzt dauern, eine große Diskussion geben und am Ende müssen’s die doch alles bei der Gepäckaufbewahrung abgeben. Aber die Polizei schaut rein und sagt: „Gewehre! Alles o.k.!“ Und winkt die durch! Es waren Schützen. Und ich hab mir gedacht: Wahnsinn, das ist bayerische Liberalität!
Als um 12 Uhr dann die Böllerschüsse zum Wiesnauftakt in die Luft gingen, hat man dann doch merkwürdige Assoziationen gehabt...
Find’ ich nicht. Für mich ist das immer der Startschuss in eine wunderbare Zeit. Denn es ist der Ehrgeiz meines Tisches, die erste Maß schon zu bekommen, bevor der letzte Schuss verklungen ist. Wir überreden unsere Bedienung immer, sich schon ab 11 Uhr anzustellen, damit sie als erste die Maßn bekommt. Das erste „Prost“ 58 Sekunden nach 12, das war der Rekord!
Sie haben einen Wiesnkrimi geschrieben: „Monaco mortale“, dabei ist die Wiesn ja eine besonders friedlicher Ort.
Aber ich wollte halt zwei Erlebnisse unterbringen: Die Geschichte, dass ein Security bei einer Bekannten von mir wirklich gesagt hat „Ich lass Dich rein, komm mit!“, und dann in einem Nebenzimmer wollte, dass sie den Schlüpfer auszieht. Sie hat sich geweigert. Und als die ganze Schweinerei aufflog, hatte der Typ wirklich eine Schlüpfersammlung. Und als Zweites die Geschichte, dass früher in den „Ruheräumen“ unter der Kapelle, wo sich die Musiker umziehen und in manchen Zelten sogar noch ein Kiosk drin war, brutal abgefeiert wurde: Sodom und Gomorrah! Das wollte ich zusammenbringen.
Schreiben Sie auch dieses Jahr wieder was?
Ja, ich schreibe immer. Aber von den zehn guten Einfällen, die ich bis zum Abend kurz notiert habe, überleben am nächsten Morgen, wenn ich mich dann hinsetzte und ein paar Stunden schreibe, vielleicht nur zwei. Dann mache ich mich wieder auf den Weg.

Merkwürdigerweise ist das Kapellenrepertoire jetzt wieder zünftiger. In die etwas größere Ruhe geht wieder eines der Eine-Maß-auf-einem-Zug-Crescendo los. Was Wolff auf seine anfängliche Idee zurückbringt.

Ich werde ein Youtube-Video auf Facebook stellen: Wir warten das nächste Aufbrausen ab, ich bewaffne mich mit einem Schnaps, stelle mich auf die Bank und lass das Stamperl langsam reingurgeln, während im Hintergrund das Anfeuerings-Gejohle tobt, als ob’s für mich und meinen Obstler wäre!
Super-Idee! Witzigerweise nennt sich ja Ihre Künstlergruppe, die sonntäglich im Vereinsheim Lesungen und kleine Shows macht, Schaumschläger. Ist der Name vom Bierschaum auf dem Oktoberfest abgeleitet?
Nein, wir wollten nur eine Alliteration mit gleichen Anfangsbuchstaben, wie „Schwabinger Schaumschläger Show“.
Schaumschläger gibt es ja auch auf der Wiesn genug.
Ja, diese Poser. Aber letztlich bringt das hier gar nichts. Das geht völlig unter. Wichtig ist bei allem immer eine gewisse Selbstironie, fast Demut, denn wer ist schon eine Genie?
Und was zieht?
Witzigerweise früher die Lederhosn! Denn bevor die plötzlich alle getragen haben, war das für die Frauen irgendwie interessant. Man kam immer gut ins Gespräch, wurde sogar auf die Lederhosn angesprochen. Die war ein sogenannter „Büchsenöffner“!
Und was macht man jetzt, wo alle eine tragen?
Ich hab mir eine Art Amulett mit der Gottesmutter auf den Hosenlatz gemacht!
Finden Sie also den Trachtenwahn nicht nervig?
Nein, sieht doch ganz schön aus! Ich erinnere mich genau, wie’s entstanden ist, weil ich kürzlich meine Fotos aus all den Oktoberfestjahren angeschaut habe. 1997 sind schon einige, aber immer noch wenige in Tracht. 1998 war’s dann ein Großteil. Inizialzündung war ab 1995, dass einige angesagte Second-Hand-Läden vor der Wiesn Trachten rausgehängt haben. Diese Vintage-Trachten haben sich schnell verbreitet, so dass die Modegeschäfte gemerkt haben: Da geht was! Und alle sind aufgesprungen!   

 

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