Oktoberfest 2010: Darum lieben wir die Wiesn

In der AZ erklären drei Prominente, warum sie das Oktoberfest so lieben. Simon Verhoeven, Christine Neubauer und Monika Gruber erzählen von Hormonen, Kindheitserinnerungen und Zuckerwatte ...
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Simon Verhoeven
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Monika Gruber
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In der AZ erklären drei Prominente, warum sie das Oktoberfest so lieben. Simon Verhoeven, Christine Neubauer und Monika Gruber erzählen von Hormonen, Kindheitserinnerungen und Zuckerwatte ...

„Ein bayerischer, wilder Planet“

Regisseur Simon Verhoeven entdeckte die Wiesn auf den Schultern des Vaters

Die Wiesn, das war für mich immer ein gefährliches Wunderland, ein wilder, seltsamer, stolzer, bayrischer Planet. Als ich vier war und gerade mal in meine ersten Lederhosn passte, trug mich mein Papa durch das Menschengetümmel. Von seinen Schultern aus bestaunte ich das bunte Treiben, die Lichter, den Toboggan, die johlende Menge vor dem „Hau den Lukas“ und natürlich den brüllenden Löwen vor dem Löwenbräuzelt, vor dem ich auch ein bisschen Angst hatte. Damals war der Höhepunkt ein wilder Ritt im Kinderkarrussel oder – mit geschlossenen Augen und meine Eltern fest umklammernd – eine Fahrt in der Geisterbahn.Wie schön die Wiesn doch war - und das ganz ohne Bier!

Dann kamen die Pubertätsjahre, wilde Jahre. Oft gingen meine Kumpels und ich direkt nach der Schule auf die Wiesn, hingen „ cool“ am Autoscooter rum oder schleuderten uns in den brutalen Irrsinn im Teufelsrad, um die Mädels zu beeindrucken, was allerdings selten zu romantischen Erfolgen führte. Die Mädels standen eben auf die älteren Jungs. Aber älter wurden wir glücklicherweise auch.

Und auch wir eroberten irgendwann die SchottenhamelSchützenHackerAugustinerHippodromfestungen. Gibt es irgendwo eigentlich etwas Schöneres als einen besäuselter Kuss im Bierzelt mit einer Pausenhofprinzessin im Dirndl? Gibt es auf dieser Welt eigentlich überhaupt irgendetwas Schöneres als Frauen im Dirndl? Die Antwort ist Nein.

Wenn man als Münchner auf die Wiesn geht, hat man das Gefühl, uns gehört die Welt. Denn die ganze Welt kommt zu uns. Sie singen unsere Lieder, trinken unser Bier, essen unsere Hendl, bestaunen unsere Dirndl.

Allerdings bleibt das Liebesverhältnis zur Wiesn nicht ungebrochen. Besonders in reiferen Jahren, wenn man angeblich „erwachsen“ geworden ist, kann einem der Trubel auch mal kräftig auf die Nerven gehen. Wenn man Ärger mit einer Gruppe besoffener, australischer Rugbyspieler hinter sich hat, verliert man auch mal komplett die Lust und hört mit den dämlichen Wiesnbesuchen auf – zumindestens für einen Tag.

Dieses Jahr werde ich die Wiesn leider für alle Tage verpassen, da ich in Berlin die Fortsetzung meines Films „Männerherzen“ drehe. In Gedanken bin ich bei meinen Freunden, die wie jedes Jahr ihre Stammtische in den Bierzelten abhalten und feiern, feiern, feiern. Was feiern die da eigentlich? Was feiern wir Münchner auf der Wiesn? Uns selbst? Das Leben? Das Bier? Alles davon. Vor allem aber das Zusammensein. Denn auf der Wiesn, da fühlt man sich – trotz besoffener Chaoten, Taschendiebe und Terrorwarnungen – irgendwie geborgen. Man fühlt sich eins mit seinen Freunden und eins mit der Stadt, in der man lebt. Simon Verhoeven

„Der Geruch der Wiesn bleibt ein Jahr in Erinnerung“

Schauspielerin Christine Neubauer über Zuckerwatte und ihre Schießkünste

Ein Leben ohne Wiesn gab es für mich nie. Als echtes Münchner Kindl bin ich damit aufgewachsen und auch mit den Jahren immer weiter hineingewachsen. Es ist eine Liebe, die hat man einfach im Blut.

Dabei hat mir einiges auf der Wiesn als kleines Mädchen Angst eingeflößt. Das Teufelsrad etwa, wenn der Ball einen von der Fläche runter gehauen hat. Auf der anderen Seite war ich aber auch mutig und wollte in einem der alten Karussells immer auf dem Tiger sitzen.

Meine Eltern oder Großeltern haben mich damals auch schon ins Dirndl gesteckt. Für mich hat unsere Tracht immer dazugehört. Obwohl ich mich erinnern kann, dass man als Teenager irgendwie auf Jeans ausgewichen ist. Es waren aber nur wenige Jahre. Vor dem Boom der Tracht, war ich schon wieder dabei. Bis heute finde ich, dass ein Dirndl bei jeder Frau – egal welche Figur sie hat – die Weiblichkeit unterstreicht.

Heuer werde ich im Hippodrom von Sepp Krätz das erste Fass o'zapfen. Dafür liebe ich die Wiesn auch: für ihre Traditionen. Besonders stark sind sie noch bei den Schaustellern, die seit Jahrzehnten dabei sind. Wir haben eine befreundete Familie, die neben dem Käferzelt eine Schießbude betreibt. Jedes Jahr gehen wir einmal mit der ganzen Familie raus. Dann schießen wir: Meine Eltern, die Schwiegermutter, mein Mann. Da treff ich auch ganz gut, meistens besser als mein Mann.

Die Wiesn ist ein riesiges Fest, wo alle feiern, Multikulti und ganz friedlich. Erst diese Woche habe ich einem Berliner das erklärt. Die Ausfahrt hat er aber erst verpasst, als ich ihm erzählt habe, wie ich im Dirndl ausschaue.

Mehr als ein Gefühl bleibt mir jedes Jahr der Geruch der Wiesn in der Nase. Den, wenn man zum ersten Mal rausgeht und diese Wolke aus gebrannten Mandeln und Zuckerwatte in die Nase steigt. Die bleibt in Erinnerung. Ein Jahr lang. Christine Neubauer

„Konventionen und Hormone – alles geht durcheinander“

Kabarettistin Monika Gruber, ehemals rasende Wiesnreporterin

Wenn ich an meine Erlebnisse auf der Wiesn denke, habe ich sofort das Bild im Kopf, als ich an einem Samstag weit vor 9 Uhr (also zu nachtschlafener Zeit) im Augustiner-Zelt war, um für das Bayrische Fernsehen festzuhalten, wie sich ein Bierzelt innerhalb von weniger als fünf Minuten mit Tausenden von Menschen füllt. Erst hatte ich gar nicht verstanden, warum kurz vor dem Öffnen der Zelte die Bedienungen plötzlich hinter den Schanktischen verschwanden und noch zu mir meinten: „Geh' liaba auch in Deckung, Mädel, weil sunst bist hi'!“ Und wenn ich eines in den Jahren als „rasende Wiesn-Reporterin“ gelernt habe, ist es folgende Maxime: Eine Wiesn-Bedienung hat immer recht und wenn Du machst, was sie sagt, dann „feit Dir nix!“.

Denn als die Zelttüren geöffnet wurden, wusste ich, was die Damen gemeint hatten. Und wer noch nie junge Italiener wie eine Antilopen-Herde über Biertische hat springen sehen, der sollte sich vor 9 Uhr einen Platz hinter (!) der Schänke im Augustiner sichern. Der Anblick entschädigte mich für die Tatsache, dass ich so früh aus den Federn musste. Obwohl ich Frühaufstehen genauso hasse wie wir Bayern diese ARD/ZDF-Nachrichtensprecher-Hansln, die jedes Jahr verkünden, was die Maaaaaß (mit fünf „a") auf der „Wiese“ kostet.

Ganz besonders freue ich mich jedes Jahr auf sämtliche modische Entgleisungen, die mir begegnen werden. In dieser Hinsicht ist die Wiesn wie eine Hochzeit: Sie bringt das Beste und auch das Schlechteste im Menschen hervor. Jahre der Landhausmode haben Spuren auf unserer Seele und Netzhaut hinterlassen.

Und ich schwöre: Den ersten jungen Mann, den ich heuer mit farbigen „Chucks“ zur Lederhosn erspähen sollte, der bekommt von mir einen Gutschein für 100 Fahrten mit der „Wilden Maus“, hintereinander, aber nur, wenn er vorher drei Matjessemmeln und eine Zuckerwatte verdrückt. Für mich ist die Wiesn jedes Jahr Ausnahmezustand. Ein fast schon surrealer Ort wie aus einem Visconti-Film, an dem alles durcheinander gewirbelt wird: Gerüche, Konventionen, Hormone. Man darf sich ein bisserl zu viel aufmascheln, ganz laut lachen, viel flirten, wuid feiern, auch a bisserl „damisch sei“ und morgen, da fahrma wieder heim und samma wieder brav. Morgen. Monika Gruber

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