OB-Stichwahl in München: Nach einem Skandal verlor schon mal ein Amtsinhaber
Auf der Wiesn ist schon mancher eine gewagte Wette eingegangen. Doch der Abend ist noch jung in der Festhalle Schottenhamel, der SPD-Chef macht einen top-konzentrierten, klaren Eindruck. Und wettet, ganz klar und nüchtern, gegen die Rathausreporter der Münchner Zeitungen: Natürlich gewinnt Dieter Reiter im ersten Wahlgang ohne Stichwahl.
Das hatte es über Jahrzehnte nicht mehr gegeben
Das war im Herbst 2013, der Münchner SPD-Chef ein gewisser Uli Pfaffmann. Dieter Reiters erste Wahl stand bevor. Und warum sollte Pfaffmann auch nicht auf seinen Mann setzen. Eine Stichwahl – sowas war bis dahin in München die absolute historische Ausnahme. Nur ein einziges Mal hatte es im ersten Wahlgang einer Oberbürgermeisterwahl keine absolute Mehrheit gegeben. Und das lag Jahrzehnte zurück.
Der SPD-Mann Schorsch Kronawitter war schon von 1972 bis 1978 als Hans-Jochen Vogels Nachfolger Oberbürgermeister gewesen, dann aber nach SPD-internen Kämpfen mit dem linken Flügel der Partei nicht mehr angetreten. 1978 verlor stattdessen der SPD-Kandidat Max von Heckel (bereits im ersten Wahlgang) gegen den CSU-Mann Erich Kiesl, der 51,4 Prozent im ersten Wahlgang erzielte.

In seiner Amtszeit ereilte Kiesl dann aber die sogenannte "Bauland-Affäre": 1981 waren dem mit Kiesl befreundeten Unternehmer Josef Schörghuber und seiner Bayerischen Hausbau 60.000 Quadratmeter städtischer Grund in bester Lage deutlich unter Wert verkauft worden – ein entsprechendes Gutachten wurde dem Stadtrat vorenthalten. Erst 1988 wies die Regierung von Oberbayern einen Unterwertverkauf nach, genehmigte aber 1991 das Geschäft dennoch.
1984 trat wieder Kronawitter an – und gewann in der Stichwahl gegen Kiesl. Die lange Dynastie Münchner SPD-Oberbürgermeister wurde nach kurzer Unterbrechung fortgeführt.
Bis heute. In eine Stichwahl mussten Kronawitter und sein Nachfolger Christian Ude nicht mehr. Der erreichte bei seiner letzten Wahl 2008 im ersten Wahlgang sogar 66,7 Prozent der Stimmen.

Dann kam die Wahl 2014 - und nicht nur für damalige SPD-Chefs überraschend wurde der historische Ausnahmefall Stichwahl zum Normalfall. Reiter trat bei seiner ersten OB-Wahl gegen den CSU-Mann Seppi Schmid an. Während Reiter im Wahlkampf als Wunsch-Nachfolger von Bürgerkönig Christian Ude vermarktet wurde, versuchte Schmid mit einem damals ungewöhnlichen Konzept einer liberalen, großstädtischen CSU zu punkten.
Im ersten Wahlgang holte Reiter 40,4 Prozentpunkte und lag knapp vor Schmid, in der Stichwahl konnte Reiter – mit einer Wahlempfehlung der Grünen im Rücken – dann mit 57:43 Prozent recht deutlich den Sieg einholen.

2020 ging es, anders als von vielen erwartet, dann nicht gegen die Grüne Katrin Habenschaden ins Stichwahl-Duell, sondern gegen Kristina Frank von der CSU. Am Wahlabend verzeichnete die Kandidatin von der Union 21,3 Prozent der Stimmen für sich und lag damit knapp vor ihrer Konkurrentin von den Grünen mit 20,8 Prozent, Dieter Reiter kam auf 47,9 Prozent.
Bei der Stichwahl konnte Reiter dann aber einen seiner größten Siege einfahren. 71,7 Prozent der Stimmen holte er, Frank konnte nur 28,3 Prozent überzeugen.
Auch 2026 kommt es zu einer Stichwahl – mit ganz neuen Vorzeichen

Am Sonntag folgt Reiters dritter Stichwahl-Streich. Dieses Mal traut sich kaum ein Beobachter eine Prognose zu – ein so deutlicher Reiter-Sieg wie 2020 wäre inzwischen auf jeden Fall eine absolute Sensation.





