Neuer Chef der Münchner Aids-Hilfe: "Man kennt die Haltung der Kirche zur Homosexualität"

Der neue Chef der Münchner Aids-Hilfe sieht noch großes Potenzial im üppigen Angebot des Vereins. Warum er der richtige Mann am richtigen Ort zu sein scheint.
| Hüseyin Ince
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Tobias Oliveira Weismantel steht an der Lindwurmstraße 71 vor der Münchner Aids-Hilfe.
Tobias Oliveira Weismantel steht an der Lindwurmstraße 71 vor der Münchner Aids-Hilfe. © Daniel von Loeper

München - Wer den neuen Geschäftsführer der Münchner Aids-Hilfe vorstellt, muss erst kurz über den Vorgänger sprechen, der diese so wichtige Anlaufstelle einst mitgegründet hat. Nach über sage und schreibe 35 Jahren gibt der 59-jährige Thomas Niederbühl seine Führung hier auf. Doch er zieht sich nicht komplett zurück. Weiterhin bleibt der Theologe Niederbühl Stadtrat und wird sich dort mit Sicherheit leidenschaftlich für die LGBTI*-Community einsetzen.

Neuer Chef der Münchner Aids-Hilfe ist von der katholischen Kirche geprägt

Nun aber zum Neuen: Wer die Biografie des Theologen und gebürtigen Regensburgers Tobias Oliveira Weismantel (44) überfliegt, erahnt, dass der Mann vielleicht perfekt in der Rolle des Geschäftsführers der Aidshilfe als Nachfolger Niederbühls aufblühen könnte.

Denn Weismantels bisheriges Leben bietet Wendungen, die rückblickend unvermeidlich wirken - außer er hätte sich selbst und sein Umfeld sein Leben lang belogen. Es sind Brüche, wie sie viele derjenigen erleben, die tagtäglich einen guten Rat in der Aidshilfe suchen. Brüche, deren Erfahrung ihm nun auch im neuen Job helfen mögen.

Weismantel ist von der katholischen Kirche geprägt, bis heute. "Ich würde mich schon als gläubigen Menschen bezeichnen", sagt er. Seine erste Ehe mit einer Frau wird selbstverständlich auch kirchlich gesegnet. Zwei Kinder stammen aus dieser Ehe.

Weismantel verlässt seine Frau für einen Mann

Doch dann folgt der wohl größte Umbruch. Er merkt, dass er seinen ehelichen Treueschwur nicht halten wird können. Grund dafür ist seine Liebe zu einem Mann. Er offenbart sich seiner Frau, verlässt die Familie - er kann nicht anders. Mit der katholischen Kirche ist er somit automatisch im Konflikt. "Man kennt ja die Haltung der Kirche zur Homosexualität", sagt Weismantel.

Weismantels Eltern kommen mit der Entscheidung zunächst überhaupt nicht zurecht. Seine Frau hingegen zeigt irgendwann großes Verständnis. "Und zum Glück hatte ich immer gute Freunde, die mich in meinen Entscheidungen unterstützt und gut beraten haben", sagt Weismantel.

Es waren Freunde, die damals wohl in etwa die beratende Rolle der heutigen Aidshilfe einnahmen. Mittlerweile ist Weismantel seit 2019 glücklich mit einem Mann verheiratet, daher dessen zweiter Nachname "Oliveira".

"Meine Eltern akzeptieren mein Leben so wie es ist"

Nach diesem Erdbeben in Weismantels Privatleben hat sich offenbar eine Harmonie eingestellt. "Ich sehe meine Kinder regelmäßig, meine Ex-Frau auch. Und meine Eltern akzeptieren mein Leben inzwischen so wie es ist", sagt Weismantel. Und besonders stolz ist er auf seine Kinder. "So viel ich weiß, wehren sie sich sofort, wenn zum Beispiel jemand das Wort ,schwul' als Schimpfwort verwendet", sagt er.

Trotz allem blieb Weismantel auch der katholischen Lehre verbunden. Acht Jahre lang arbeitete er geschäftsführend für den Deutschen Katecheten-Verein, dem katholischen Fachverband für religiöse Bildung und Erziehung.

Mindestens hautnahe Lebenserfahrung also ist es, die Weismantel in seine Arbeit bei der Aidshilfe einbringen kann: Wie wichtig es ist, zunächst ehrlich gegenüber sich selbst zu sein, durch ein Tal voller schmerzlicher Entscheidungen zu gehen, um dann langfristig ein glücklicheres Leben zu haben - das kennt er nicht nur aus Erzählungen. "Es war eine harte Zeit", sagt Weismantel rückblickend und muss dabei tief einatmen, "aber jetzt ist einfach alles geklärt."

Coming-out im Alter: "Ältere tun sich schwer damit"

Glaubwürdigkeit ist sicherlich entscheidend für Menschen, die bei der Aidshilfe nach gutem Rat suchen. Schließlich wenden sich hier täglich Münchnerinnen und Münchner hin, die Orientierung brauchen, aufgrund ihrer Neigungen verunsichert sind, sich im falschen Körper fühlen oder in hohem Alter ihre Liebe zum gleichen Geschlecht entdecken - um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

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"Gerade Ältere tun sich sehr schwer damit, wenn sie merken, dass sie vielleicht homosexuell sind", sagt Weismantel, "weil sie in einer Zeit sozialisiert wurden, in der das Thema verdrängt und tabuisiert wurde." Daher gebe es schließlich auch das umfangreiche Angebot "Rosa Alter" bei der Aidshilfe.

Seit etwa einem Monat ist Weismantel täglich in der Lindwurmstraße 71, direkt über dem Café Regenbogen. Noch orientiert er sich in der Organisation mit etwa 70 Mitarbeitern und 140 Ehrenamtlern. Schon jetzt weiß er: "Wir haben so ein umfangreiches Angebot. Ehrenamtliche Kollegen können wir immer brauchen. Es gibt viel zu tun."

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