Interview

MVG-Mitarbeiter Wolfgang Weiß: "Busse haben eine eigene Stimme"

Wolfgang Weiß arbeitet bei der MVG, doch auch in seiner Freizeit gilt seine ganze Leidenschaft dem Omnibus. Was das mit seinem Vater zu tun hat und wie er es schafft, die Fahrzeuge am Klang zu erkennen, erzählt er im AZ-Gespräch.
| Hüseyin Ince
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Auf dem Gelände des MVG-Museums an der Ständlerstraße: Wolfgang Weiß vor vier historischen Bussen. In dem Modell ganz rechts kam sein Vater in den 70ern immer aus der Arbeit heim. Ganz links: die vergangene Münchner Busgeneration, MAN A23.
Auf dem Gelände des MVG-Museums an der Ständlerstraße: Wolfgang Weiß vor vier historischen Bussen. In dem Modell ganz rechts kam sein Vater in den 70ern immer aus der Arbeit heim. Ganz links: die vergangene Münchner Busgeneration, MAN A23. © Daniel von Loeper

München - Manche sammeln Briefmarken, andere reisen und der Münchner Wolfgang Weiß (Jahrgang 1968) ist ein Bus-Sammler. Das macht er innerhalb eines Münchner Vereins, den es schon seit 1985 gibt. Beruflich ist er seit 1994 MVG-Mitarbeiter und plant hier Fahr- und Dienstzeiten von Münchner Bus-, Trambahn- sowie U-Bahnlinien. Viele historische Busse stehen am und im MVG-Museum in der Ständlerstraße. Ein Gespräch über sein größtes Hobby und wie dramatisch der Wertverlust eines Linienbusses eigentlich ist.

AZ: Herr Weiß, wie wird man bitte busverrückt?
WOLFGANG WEISS: Es begann als Kind. Mein Vater kam immer mit dem blau-weißen MAN-Metrobus von der Arbeit. Ich holte ihn ab. Haltestelle Säbener Straße. Der Bus brachte mir also immer meinen Vater heim. Daher mochte ich den damaligen Standard-Linien-Bus in München sehr, mit einer großen Portion kindlicher Faszination natürlich.

Aber von den 70ern, als Sie ein Kind waren, bis 1985, als Sie den Omnibusclub München gegründet haben, da ist noch ein großer Sprung.
Irgendwann interessierte ich mich für die verschiedenen Bustypen, sammelte mehr Wissen an. So wurde das zu meinem Hobby.

Wurde es auch zum Beruf?
Ja. Als Erstes habe ich mich zum Busmechaniker ausbilden lassen.

"Busse prägten schon immer das Stadtbild"

Ich muss nachhaken: Warum faszinieren Sie Busse so sehr?
Ich habe keine vernünftige Antwort darauf. Das ist ja bei vielen menschlichen Leidenschaften so. Manche finden Dampfloks faszinierend. Ist auch schwer zu erklären.

Und wenn Sie eine vernünftige Antwort geben müssten?
Als Busmechaniker finde ich, dass sehr viel Handwerks- und Ingenieurskunst in den Fahrzeugen steckt. Das ist spannend. Und man darf aus historischer Sicht nicht vergessen: Die Busse prägten schon immer das Stadtbild.

Stimmt, man kann vom Design und von der Farbgebung auf das Jahrzehnt deuten oder?
Das sehe ich auch so.

Können Sie bei jedem Bus sagen, aus welchem Jahrzehnt oder Jahr er kommt?
Ohne Probleme. Zumindest bei einheimischen Bussen.

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Welche Marken haben sich über die Jahrzehnte bei Münchner Linienbussen durchgesetzt?
MAN, Mercedes und Solaris. Früher war Büssing weit verbreitet und eine Zeit lang auch Neoplan.

Ich glaube, Solaris baut auch Elektrobusse oder?
Müsste einer der allerersten E-Bus-Hersteller gewesen sein.

Ich wohnte lange Zeit in Sichtweite einer Haltestelle. Dort fahren inzwischen E-Busse an und ab. Schon deutlich leiser.
Die sind auch schön zu fahren. Technisch sind sie weit, aber leider nicht ausgereift. Es ist noch viel Gift drin, Stoffe, die unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut werden. E-Busse sind noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber das wird schon. Vieles ändert sich gerade zum Besseren.

"Die alten Fahrzeuge kann nicht jeder fahren"

Es gab ja auch mal elektrische Oberleitungsbusse, die so funktionieren wie Trambahnen: Stangerlbusse.
So einer fuhr auf der Fürstenriederstraße. Die Strecke wurde 1966 stillgelegt. Wir haben einen Triebwagen samt Anhänger. Er wird gerade restauriert und soll mal im MVG-Museum stehen.

Wie lange dauert eine Restauration eigentlich?
Das kommt auf den Zustand an. Im Schnitt zehn Jahre.

Wie bitte, zehn Jahre?
Ich sage immer zum Spaß, wenn ich noch erleben will, dass alle historischen Busse, die ich schätze, restauriert sind, müsste ich 192 werden.

Warum dauert das so lange?
Bis jede Zierleiste, jeder Knopf und jede Halterung sitzt, braucht es einfach viel Zeit und Experten. Restaurationsarbeiten müssen wir oft in Auftrag geben. So etwas kann nicht jeder. Da werden Fahrzeuge teilweise komplett zerlegt, geschliffen, lackiert, repariert und wieder zusammengebaut.

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Wenn Sie in einer beliebigen Buslinie sitzen, worauf achten Sie da?
(lacht) Ich schau, ob das Fahrzeug sauber ist, ob der Fahrer anständig fährt ...

Worauf achten Sie noch?
Im zweiten Moment schlägt das Hobby durch: Hersteller, Typ, welches Baujahr, ob irgendwas Besonderes dran ist ...

Aber dann können Sie ja die Fahrt kaum genießen.
Doch doch, das geht.

 "Ich habe mein Herz an die alten Busse verloren"

Trotz der vielen Gedanken?
Sicher. Schon als Kind habe ich das sehr genossen. Sich reinsetzen, aus dem Fenster schauen, die Stadt sehen, den Sound der Busse hören. Das mache ich als Erwachsener immer noch. Die neuen Busse sind toll. Aber ich habe mein Herz an die alten Busse verloren.

Wir stehen im Schatten eines blauen Gelenkbusses, der sehr neu aussieht. Passt gar nicht zu Ihrem Faible für alte Busse.
Hah! Was schätzen Sie, wie alt der ist?

Keine Makel. Zwei, drei Jahre?
Falsch. Der ist heuer 20 Jahre alt geworden. Wir haben ihn restaurieren lassen und vermieten ihn jetzt, bei Geburtstagen, Hochzeiten, lange Nacht der Museen oder Theaterveranstaltungen - manchmal auch an die Stadt, für den Schienenersatzverkehr zum Beispiel. Der fährt sein Geld wieder rein. Ist ein moderner Bus eigentlich. Von MAN, das Modell A23.

Was hat der Sie gekostet?
Es war eine Versteigerung der Stadt. Ich habe etwa 3.000 Euro bezahlt. Vor etwa fünf Jahren.

Nur? Für den ganzen Bus?
Ja, aber wir haben natürlich auch Tausende Euro an Reparatur und Restauration investiert. Entrostet, neu lackiert, Fenster erneuert ... Da haben wir etwa 30.000 Euro reingesteckt. Er hat schon - Moment - (schaut auf den Tacho) 750.000 Kilometer.

Aber neue Busse kosten doch ein Vermögen.
Ja, wenn Sie heute einen anschaffen, kostet das 250.000 bis 750.000 Euro, je nach Technologie und Bauart.

Wenn ich also meinen Geburtstag oder Hochzeit feiere, könnte ich bei Ihnen so einen Bus anmieten?
Klar. Samt Fahrer aber. Ungern ohne. Wenn Sie einen eigenen Fahrer haben, müsste der einen gesonderten Vertrag mit uns abschließen. Die alten Fahrzeuge kann nicht jeder fahren.

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Warum nicht?
Sehen Sie da vorne links. Der hat Druckluftscheibenwischer. Ein MAN 750 aus dem Jahr 1967. Wunderschön zu fahren. Und bei dem müssen Sie aufpassen, dass keiner rausfällt. Immer darauf achten, dass die Türen geschlossen sind. Neuere Busse fahren nicht los, bevor die Türen geschlossen sind.

Haben Sie selbst mal Geburtstag in einem Bus gefeiert?
Nein, aber im MVG Museum. Meinen 50ten, zusammen mit drei anderen Kollegen und Vereinsmitgliedern. Das war ein schönes Fest.

Da vorne hinter dem Blauen, da ist ein grau-gelb-oranger Gelenkbus mit roten Sitzen.
Ein sehr besonderes Fahrzeug. Einer von nur zwei Prototypen, die je gebaut wurden. Mit Vorführlackierung. Einer der ersten Gelenkbusse mit Heckmotor, aber einem Mittelachsen-Antrieb. Große Ingenieurskunst. Ein Wunder, dass der überhaupt fährt.

Warum?
Da geht es ins Detail. Die Kardanwelle hat ein Doppelgelenk, beweglich in alle Richtungen. Das ist etwas sehr Seltenes.

Solche seltenen Prototypen, die haben doch bestimmt einen hohen Wert.
Tja, das ist so eine Sache. Es gibt leider keinen Markt dafür.

"Es gibt leider keine große Nachfrage bei alten Bussen"

Auch nicht für Prototypen?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Es gibt da einen Niederflurbus von Neoplan. Einer der ersten Busse also, die keine Stufen mehr haben. Barrierefrei. Davon haben wir auch ein Modell. Der steht gerade in Pilsting. Ein Meilenstein der Busgeschichte. Und er wurde sogar in München erfunden, nachdem der CBF, der Club der Behinderten und ihrer Freunde, für Barrierefreiheit protestiert hat. Das war etwa Mitte der 80er. Heute ist Barrierefreiheit Standard. Jedenfalls hat dieses Fahrzeug eigentlich unendlichen Wert. Aber es gibt keinen Markt. Keine große Käuferschicht.

Wie viele Busse hat Ihr Verein derzeit eigentlich?
Etwa 20?

Sie wissen es nicht genau?
Nö.

Das wundert mich. Warum?
Offiziell sind es 18 Fahrzeuge. Und wir haben welche, die Privatleuten gehören. Der blaue Bus zum Beispiel, der A23, der gehört derzeit noch mir, wird aber bald in den Museumsbestand übergehen. Daher sage ich immer, etwa 20.

Sie haben doch bestimmt einen Lieblingsbus.
Nein, die haben alle etwas Eigenes. Aber auf einen bin ich besonders geprägt. Der Bus, mit dem mein Vater immer heimkam, die Fahrzeug-Generation der 60er Jahre. Der MAN-Metrobus. Rundleuchten, abgerundete Fenster, Holzsitze, als Gelenkbus. Auf den habe ich ja immer extra gewartet als Kind.

Gibt es eigentlich Spitznamen für die ganzen Typen?
Wenige. Das fast rechteckige Fahrzeug aus den 80ern von Neoplan wurde oft Schuhschachtel genannt. Wir haben einen Büssing. Der ist ein wenig anfällig. Daher nennen wir ihn Büsseline. Steht wieder in der Werkstatt.

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Wenn so ein altes Ding eine Panne hat, ist das bestimmt schwer zu reparieren oder? Bekommen Sie da Ersatzteile?
Das ist teilweise sehr schwierig. Aber oft werden wir im Keller des MVG-Museums fündig. Wir haben dort über die Jahre etwa 120 Gitterboxen mit seltenen Ersatzteilen angelegt, aus den 60ern, 70ern und 80ern. Manche Teile müssen wir extra anfertigen lassen.

Das ist sicher zeitaufwendig.
Absolut. Ich verbringe bestimmt zwei Drittel meiner Freizeit mit Bussen und für Busse.

Sie haben doch bestimmt Familie und vielleicht Kinder. Was sagen die dazu?
Nein. Ich habe keine Frau und keine Kinder.

"Unsere Busse kann ich mit geschlossenen Augen fahren"

Und eine Partnerin?
Nein.

Und haben Sie ...
Nein.

Ist Ihr Leben komplett Beruf und Hobby gewidmet?
Das nicht. Aber es ist ein sehr zeitraubendes Hobby. Viele unserer aktiven Mitarbeiter und Clubmitglieder sind Singles.

Vermeiden Sie eine Partnerschaft, um mehr Zeit für Ihr Hobby zu haben?
Nein, nein. Es hat sich einfach langfristig nicht ergeben. Es ist nicht so, dass ich mich 24 Stunden mit Bussen beschäftige. Ich habe noch viele andere Hobbys: Wandern, Bergsteigen, Motorradfahren, Garteln, Schwimmen ...

Da ist ja der Tag schon lang vorbei.
Es ist ein schönes, geselliges Hobby mit den Bussen. Ich mache auch Führungen. Da trifft man viele Menschen, lernt sie manchmal näher kennen, hört zu, diskutiert.

Apropos hören: Können Sie mit geschlossenen Augen fahrende Busse erkennen?
Ohne Probleme. Unsere Busse auf jeden Fall. Und alle, die auf deutschen Straßen fahren. Das ist wie eine eigene Stimme. Sie erkennen doch auch Ihre Bekannten an den Stimmen, schätze ich.

Träumen Sie manchmal von Ihrem Hobby?
Eher aus beruflichen Gründen. Ich muss ja dafür sorgen, dass auf den MVG-Linien alle Tram- und Buslinien funktionieren. Da schrecke ich selten mal auf, weil ich geträumt habe, dass ein Bus liegengeblieben ist.

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