Münchnerinnen und Münchner über ihre Hoffnungen für 2022

Bürgermeisterin, Pfarrer, Museumsdirektorin: In der AZ erzählen Münchnerinnen und Münchner in wichtigen Positionen der Stadt, was sie sich in ihrem Bereich für das neue Jahr wünschen.
| Conie Morarescu
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Das neue Jahr soll besser werden als das letzte. Aber was bedeutet das konkret? Wir haben uns umgehört.
Das neue Jahr soll besser werden als das letzte. Aber was bedeutet das konkret? Wir haben uns umgehört. © Sharon McCutcheon/unsplash

München - Mei, was war das für ein Jahr 2021, die meisten Menschen auch in dieser Stadt dürften froh sein, dass es rum ist. Hoffnung aber fällt auch etwas schwer, zu unklar scheint, was mit der Pandemie noch auf uns zukommt.

Im Konkreten aber haben natürlich viele Menschen auch Hoffnung. Für diese Silvester-Ausgabe hat die AZ mehr oder weniger prominente Münchnerinnen und Münchner gefragt, worauf sie sich in ihrem Bereich freuen und worauf sie hoffen.

Für 2022 ist Hoffnung zu spüren

So unterschiedlich die Perspektiven von der Chefin der Bahnhofsmission und der eines Museums, des Pfarrers und des Mannes, der fürs Impfzentrum verantwortlich ist, sein mögen, zusammen ergeben sie doch eins: ein Bild der Stadt, das auch Hoffnung macht fürs neue Jahr. Ja, es wird wohl auch schwierig 2022. Aber vieles könnte gut werden.

Katrin Habenschaden: "Ein Jahr des Umsetzens"

Katrin Habenschaden, Zweite Bürgermeisterin von München
Katrin Habenschaden, Zweite Bürgermeisterin von München © A. Gregor

"Das Jahr 2022 beginnt leider genauso wie 2021: im Krisenmodus. Die Bekämpfung der Pandemie bleibt - so sehr uns allen das widerstrebt - auch im neuen Jahr die wichtigste Aufgabe für alle politischen Ebenen. Viele Menschen, ich denke da vor allem an Senioren, Eltern, Kinder und Jugendliche, haben eine extrem belastende Zeit hinter sich. Wir müssen deshalb das Jahr 2022 als Stadt München nutzen, um diese Bevölkerungsanteile besonders in den Blick zu nehmen und zu unterstützen, ihnen Begegnungen und Freiheiten ermöglichen und zum Beispiel mal ein Auge zudrücken, wenn im Sommer auf dem einen oder anderen Platz in der Stadt ein bisserl zu laut gefeiert wird.

Von der Bundes- und Landespolitik erwarte ich, dass sie deutlich stärker als bisher auf die große, schweigende Mehrheit achtet, die unsere Gesellschaft durch ihre Solidarität zusammenhält, und sich nicht an einer kleinen und immer schrilleren Minderheit orientiert, die dieses Land spalten möchte. Der Münchner Stadtrat hat in den letzten eineinhalb Jahren politisch viele neue Weichen für die Zukunft gestellt. Beim Wohnungsbau, der Stärkung des ÖPNV oder dem Klimaschutz. Beschlüsse allein helfen den Menschen aber nichts, es muss jetzt in die Umsetzung gehen. Die Menschen sollen sehen: Ja, es verändert sich wirklich etwas in unserer Stadt zum Besseren. 2022 wird deshalb ein Jahr des Umsetzens. Ich bin hoffnungsvoll für die Zukunft, weil München stark ist, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und die Münchnerinnen und Münchner aufeinander achtgeben. Das ist das Besondere, das ich so schätze an unserer Stadt: Dass wir zusammenhalten, wenn es drauf ankommt."

Rainer Maria Schießler: "Weglaufen ist nicht der richtige Weg"

Rainer Maria Schießler, Pfarrer
Rainer Maria Schießler, Pfarrer © Felix Hörhager/dpa

"Ich wünsche mir zum neuen Jahr eine faire Auseinandersetzung mit der Kirche. In den vergangenen Jahren haben immer mehr Menschen die Kirche verlassen. Sie nennen als Grund die Steuer oder die Missbrauchsfälle. Weglaufen ist aber nicht der richtige Weg. Es braucht innovative und gute Kräfte, damit die Kirche nicht auseinanderbricht. Denn sie erfüllt doch einen wichtigen Zweck. Sie bietet eine geistliche Gemeinschaft, auch wenn sie hinter diesem Ziel häufig zurückbleibt und auch fehlerhaft ist. Ich appelliere an die Menschen, nicht einfach zu gehen, sondern Verantwortung zu übernehmen.

Wir in der Gemeinde vor Ort kommen oft in schwierige Situationen. Wenn Verstorbene zum Beispiel zu Lebzeiten aus der Kirche ausgetreten sind und die Hinterbliebenen sich eine Beerdigung wünschen. Oder wenn Eltern, die ausgetreten sind, ihr Kind gerne taufen möchten. Natürlich hat jedes Kind ein Recht auf die Taufe. Der Wunsch, das Kind taufen zu lassen, ist heute sehr stark zu spüren. Ich finde es traurig, wenn man diesen Wunsch seiner Eltern als Erwachsener dann verwirft und aus der Kirche austritt. Die wenigsten, die uns verlassen, erreiche ich und ich kann meistens kein persönliches Gespräch über ihre Beweggründe mit ihnen führen. Ich hätte gerne mehr Möglichkeiten, um an diese Menschen heranzukommen. Ich wünsche mir von Herzen von den Menschen, dass sie bleiben und in den Dialog treten, um gemeinsam etwas zu verbessern."

Peter Aicher: "Mehr Nachsicht wäre schön"

Peter Aicher, Geschäftsführer der Aicher Ambulanz
Peter Aicher, Geschäftsführer der Aicher Ambulanz © imago images / STL

"Ich wünsche mir für unsere 2.000 Helferinnen und Helfer, dass sie wohlbehalten bleiben, viel Kraft und Gesundheit. Seit Beginn der Pandemie setzen sie sich unermüdlich ein, um den Kampf gegen diese Krankheit zu gewinnen. Gemeinsam mit der Stadt München betreiben wir die zweitgrößte Impfstation in Deutschland, das Impfzentrum in Riem. Wir haben auch viele Außenstellen, wie zum Beispiel an der Theresienwiese. Bereits im zweiten Jahr arbeiten die Kolleginnen und Kollegen mit vollem Einsatz, um Corona zu besiegen.

Auch unseren Retterinnen und Rettern in der Notfallrettung und dem Krankentransport gebührt höchster Respekt. Im Rettungsdienst wie in den Impfzentren sind die Menschen auch an Feiertagen vor Ort, sie arbeiten an Weihnachten und Silvester. Sie opfern wertvolle Zeit, die sie mit ihren Familien verbringen könnten. Im Kampf gegen die Pandemie müssen wir alle zusammenhalten. Feuerwehr, Polizei, Rettungskräfte und auch die Bürger. Wir sollten alles tun, um die Ärzte und Pflegekräfte in den Krankenhäusern zu entlasten, die Unmögliches leisten. Auch mehr Nachsicht wäre schön, wenn in dieser Ausnahmesituation nicht alles fehlerfrei funktioniert. Ich wünsche mir, dass sich alle Menschen freiwillig impfen lassen und die Pandemie schadlos überstehen. Wer sich impfen lässt, leistet einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen die Pandemie, der leider noch eine Weile andauern wird. Nur gemeinsam schaffen wir das, Schulter an Schulter."

Barbara Thoma: "Sehr große Herausforderungen"

Barbara Thoma, Leiterin der Evangelischen Bahnhofsmission
Barbara Thoma, Leiterin der Evangelischen Bahnhofsmission © privat

"Für unsere Besucherinnen und Besucher wünsche ich mir, dass die Pandemie abklingt und wieder Normalität eintritt. Vor der Pandemie war die Versorgungsstruktur vielseitiger und besser. Jetzt sind wir vor sehr große Herausforderungen gestellt. Es wäre schön, wenn die Politik bei der Entscheidung über die Maßnahmen alle Menschen im Blick hat und auch an diejenigen denkt, die kein Obdach haben.

Öffentliche Orte sollten zugänglich bleiben für die Menschen, die sie als Aufenthalts- und Schutzraum brauchen. Die Testungen, vor allem auch die PCR-Tests, sollten für alle Menschen kostenfrei sein, die in München leben. Für die Stadt München wünsche ich mir, dass sie offen, lebendig und vielfältig bleibt, auch in dieser schwierigen Situation. Ich hoffe, dass wir gemeinsam durch diese Krise gehen, ohne wegzuschauen oder uns zurückzuziehen. München ist eine Stadt mit Herz und ich wünsche mir, dass das so bleibt."

Mirjam Zadoff: "Unsere Vielfalt in der Krise verteidigen"

Mirjam Zadoff, Leiterin NS-Dokumentationszentrum
Mirjam Zadoff, Leiterin NS-Dokumentationszentrum © NS-Dokumentationszentrum München/Orla Connolly

"Rund um den zweiten Jahreswechsel in der Pandemie fühlen sich viele Menschen erschöpft und orientierungslos. Für das kommende Jahr wünsche ich uns, dass Solidarität und Empowerment im Zentrum stehen. Ich wünsche mir, dass es mehr Aufmerksamkeit gibt für die wirklichen Probleme der Pandemie: Trauer und Verlust, Armut und Perspektivlosigkeit und die Nöte von Kindern und Jugendlichen. Ich wünsche mir aber auch, dass wir die großen Erfolge dieser Jahre wahrnehmen: Wie achtsam und empathisch die Mehrheit der Menschen miteinander umgeht.

Und nicht zuletzt wünsche ich mir, dass wir die Frage, die sich uns in diesen Monaten stellt, mitnehmen und gemeinsam verhandeln: Wie wollen wir, auch in Zukunft und in weiteren Krisen, zusammenleben? Das Jahr hat mit Bildern von Gewalt begonnen, und es geht mit Bildern von Gewalt zu Ende. Der Sturm auf das Capitol in Washington und die aktuell zusehends aggressiven Demonstrationen von Pandemieleugnerinnen und -leugnern. "History wars" sind en vogue. Diese ideologischen Kämpfe um Geschichte und Gegenwart finden wir überall auf der Welt - in USA, Polen oder Russland und auch hierzulande. Die Beteiligten vergleichen sich mit NS-Opfern. Es wird ein Kampf um die Erinnerung geführt. Geschichte wird wieder immer häufiger als nationalistische Helden-Erzählung in museale und öffentliche Räume eingeschrieben.

In dieser Situation, in der die Gesellschaft massiv gespalten ist, gibt der Blick in die Geschichte aber auch Kontext und Orientierung. Wir finden Beispiele in der Vergangenheit für den Widerstand gegen solche Dynamiken. Unsere Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Vielfalt - jene Vielfalt, die das Feindbild der NS-Ideologie war. Und diese gilt es auch und gerade in der Krise zu verteidigen. Ich wünsche mir, dass wir das als Gesellschaft gemeinsam erreichen."

Bettina Spahn: "Anerkennung, ideell und materiell"

Bettina Spahn, Leiterin der Katholischen Bahnhofsmission
Bettina Spahn, Leiterin der Katholischen Bahnhofsmission © privat

"Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten Großartiges. Ich wünsche mir für ihre Arbeit Wertschätzung und Anerkennung, sowohl materiell, als auch ideell. Sie müssen während der Pandemie alle vor Ort arbeiten, Homeoffice ist nicht möglich. Sie sind rund um die Uhr da. Die Arbeitsbelastung hat deutlich zugenommen und die Pandemie erschwert auch das Privatleben. Auch existenzielle Ängste und die Sorge um die eigene Gesundheit sind sehr belastend. In der Sozialarbeit sind die Gehälter gering, ich wünsche mir hier eine Verbesserung. Denn unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind stark belastet, so wie das Pflegepersonal in den Krankenhäusern. Es wäre schön, wenn das mehr gesehen und ihre Arbeit entsprechend wertgeschätzt wird."

Dorothea Volz: "Ich wünsche uns Trotz"

Dorothea Volz, Direktorin des Deutschen Theatermuseums München
Dorothea Volz, Direktorin des Deutschen Theatermuseums München © Klaus Gigga

"Wie alle Kultureinrichtungen wünschen wir uns im Deutschen Theatermuseum, möglichst viele Menschen zu erreichen mit unseren Angeboten zur Vermittlung und Beforschung von Theater- und Kulturgeschichte. 2021 war dies pandemiebedingt nur eingeschränkt möglich, und auch andere Veranstaltungen wie die geplante Feier zum 25-jährigen Bestehen unseres Freundeskreises mussten verschoben werden. Nach den Erfahrungen der vergangenen Monate fällt es vielen nicht leicht, positiv in das neue Jahr zu schauen - und dennoch wünsche ich uns gerade jetzt den notwendigen Optimismus, Zuversicht und vielleicht ein wenig Trotz, um aus der Situation das Beste zu machen, trotz alledem.

Das heißt für Museen wie Theater unter anderem, die neu erprobten Formen und Formate weiter voranzutreiben, das bestehende Publikum mitzunehmen und sich ein neues zu erschließen, dabei das eigene Programm - wen erreichen wir mit welchem Angebot, welche Geschichten werden bei uns erzählt? -, aber auch den Produktionsbetrieb weiter kritisch zu befragen."

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"Trotz alledem weiter zu machen, dies gilt besonders für die aktuell schwer gebeutelte freie Szene - und so freue ich mich 2022 ganz besonders auf unsere Sonderausstellung "Die Lust am anderen Theater", mit der sich das Deutsche Theatermuseum der Geschichte der freien darstellenden Kunst in München widmet, in ihrer Vielfalt und Vielstimmigkeit, im bereits in den 1960er Jahren wie auch heute aktuellen Spannungsfeld von Existenzangst und künstlerischer Selbstverwirklichung. Nicht nur dieser Ausstellung, sondern allen Münchner Museen und Theatern wünsche ich, dass die lange Zeit der Schließung und des eingeschränkten Programms zu einer wachsenden Sehnsucht führt, die Besucherinnen und Besucher neugierig auf das Programm blicken und klicken lässt und wir (neue) Wege finden, gemeinsam und in Gemeinschaft Kultur zu (er)leben. Und den Zuschauerinnen und Zuschauer wünsche ich, dass es nicht nur Anregung, Ablenkung oder auch mal Aufregung in Ausstellungen und Theateraufführungen findet, sondern auch Trost, Hoffnung - und ein Trotzalledem."

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