Münchner Muslimrat: "Man muss den Rassismus in München ernstnehmen"

Diskriminierung als Alltagserfahrung: Ein Verein in München dokumentiert den Hass auf Muslime.
| Christina Hertel
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Viele Muslime haben schon Diskriminierung erlebt. (Symbolbild)
Viele Muslime haben schon Diskriminierung erlebt. (Symbolbild) © Christoph Soeder/dpa

München – Eine schwangere Frau will mit ihrem Sohn aus dem Bus aussteigen. Als die Tür aufgeht, schubst sie eine andere Frau von hinten. Diese sagt: "Geh zurück in dein Land." Eine andere Frau, im sechsten Monat schwanger, ist gerade dabei, aus der U-Bahn auszusteigen, als eine Unbekannte ihr in den Bauch schlägt. Die Schmerzen sind so stark, dass sie zu Boden sinkt.

Beide Frauen, denen in München Gewalt angetan wurde, haben etwas gemeinsam: Sie tragen Kopftuch. Und beide Fälle schildert Seyma Yüksel aus dem Vorstand des Münchner Muslimrats. Der Verein vertritt Interessen der Muslime im Münchner Raum.

180 Fälle von Diskriminierung in einem halben Jahr

Seit Juni 2019 sammelt er Fälle von Diskriminierung auf seiner Website. Zum ersten Mal hat der Verein die Zahlen nun ausgewertet. So will er die Stadt darauf aufmerksam machen, dass sie ein Problem hat. "Rassismus ist in München vorhanden. Man darf ihn nicht leugnen, sondern man muss ihn ernstnehmen", sagt Yüksel. Sie ist eigentlich Juristin. Den Report verfasste sie ehrenamtlich.

180 Fälle sammelte der Verein innerhalb eines halben Jahres. Fast jeden Tag hat also ein Muslim in München zwischen Juni und Dezember 2019 Diskriminierung erfahren. In fünf Prozent der Fälle war das körperliche Gewalt in der Öffentlichkeit. Den Großteil, etwa 70 Prozent der dokumentierten Fälle, umfassten Belästigung und Mobbing. Und auch Hass im Internet floss in die Auswertung ein.

Über die Hälfte der Menschen, die Diskriminierung erlebten, trugen eine religiöse Kopfbedeckung. 15 Prozent davon widerfuhr körperliche Gewalt: Fremde versuchten das Kopftuch herunterzureißen, die Muslime wurden bespuckt oder geschlagen.

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Die Dunkelziffer sei noch viel größer, da ist sich Yüksel sicher. Tatsächlich hat ein Großteil der Münchner gegen Muslime Vorurteile. 2017 kam eine Studie der Ludwigs-Maximilian-Universität zum Ergebnis, dass fast neun von zehn Münchnern ein Problem mit dem Islam haben.

18 Prozent verspüren eine sogar eine starke Feindschaft. Lediglich zwölf Prozent der Befragten haben keinerlei Vorbehalte gegenüber Muslimen.

Schiefe Blicke oder feindliche Kommentare spüre sie jeden Tag, sagt Seyma Yüksel. Auch körperliche Angriffe habe sie erlebt: Als sie an einer Ampel wartete, sei ein Fahrradfahrer absichtlich schnell auf sie zugefahren und habe erst kurz vor ihr abgebremst. "Ich dachte immer, so etwas passiert mir nicht. Seitdem bin ich vorsichtiger", sagt sie. An U-Bahnhöfen stelle sie sich nie zu nah an die Gleise - aus Angst, sie könne geschubst werden.

Diskriminierungsopfer alarmieren oft nicht die Polizei

Auch, wie sehr einen Hassbotschaften im Internet belasten, erfuhr Yüksel. Als ihr Verein den Meldebogen, auf dem Muslime Fälle von Diskriminierung eintragen können, auf seiner Website freischaltete, seien gut einen Monat lang ständig Gewaltandrohungen und rassistische Beleidigungen eingegangen, sagt Yüksel. "Am Anfang im Zehn-Minuten-Takt."

An die Polizei wandte sich der Verein damals nicht. "Wir haben einfach gehofft, dass es vorbei geht." So sehen das offensichtlich die meisten Muslime in München, die Rassismus erfahren.

80 Prozent alarmierten dem Report zufolge nicht die Polizei. Denn die Opfer seien meist davon überzeugt, dass die Täter ohnehin mit keinen Konsequenzen rechnen müssten.

Mit Corona habe sich die Situation für Muslime in München jedoch verändert. "Seit die Menschen in der Öffentlichkeit Masken tragen, konzentrieren sie sich weniger auf das Kopftuch", sagt Yüksel. Sie habe die Fälle von Diskriminierung im Jahr 2020 zwar noch nicht ausgewertet, sie geht aber davon aus, dass die Zahlen gesunken sind.

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