Münchner Kultfest im Morgengrauen: Der Kocherlball begeistert wieder Tausende Besucher

Noch bevor die Sonne über dem Englischen Garten aufgeht, füllt sich der Biergarten am Chinesischen Turm. Tausende Besucher tanzen beim Kocherlball zu Walzer, Polka und Münchner Française – und feiern eine Tradition, die seit Jahrzehnten Menschen zusammenbringt.
Niclas Vaccalluzzo
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Schon frühmorgens kommen die ersten Besucher zum Kocherlball am Chinesischen Turm. Die meisten sind vorbereitet, haben Brotzeiten und Kerzen eingepackt und richten sich die Tische für die kommenden Stunden her.
Schon frühmorgens kommen die ersten Besucher zum Kocherlball am Chinesischen Turm. Die meisten sind vorbereitet, haben Brotzeiten und Kerzen eingepackt und richten sich die Tische für die kommenden Stunden her. © IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Der Kocherlball ist so ein Termin, den sich hart gesottene Fans schon lange im Kalender markiert haben. Wer hingegen am vergangenen Sonntagmorgen auf dem Heimweg vom Feiern ist, dürfte überrascht sein von den Scharen an Trachtlern auf Fahrrädern, E-Scootern oder zu Fuß. Ihr Ziel: der Chinesische Turm. Denn wer beim Kocherlball einen guten Platz ergattern will, muss früh dran sein.

Lange vor Sonnenaufgang ist der Biergarten um das Wahrzeichen also schon brechend voll. Auf den Tischen flackern Kerzen, Brotzeiten werden ausgepackt. Die Besucher warten geduldig auf den Moment, wenn die ersten Takte erklingen und sich Tausende gleichzeitig in Bewegung setzen.

Die Tanzeslust auf dem Kocherlball ist ungebrochen hoch. Entsprechend eng war es vor dem Chinesischen Turm.
Die Tanzeslust auf dem Kocherlball ist ungebrochen hoch. Entsprechend eng war es vor dem Chinesischen Turm. © Uwe Lein/dpa

Als es gegen 6 Uhr dann soweit ist und sich die Schreinergeiger mit Wiesn-Wirt Peter Reichert (Bräurosl) an der Trompete bereit machen, stehen auf der Tanzfläche die Besucher schon dicht gedrängt. Sie warten auf die Anweisungen der Vortänzer Katharina Mayer und Magnus Kaindl, um Walzer, Münchner Française und Polka möglichst fehlerfrei nachzutanzen.

12.000 Menschen feiern beim Kocherlball 2026

Das Wetter meint es gut mit den Tänzern. „Ich bin jetzt seit 20 Jahren dabei und nie ist es ausgefallen“, sagt Vortänzerin Katharina Mayer, bevor sie den ersten Walzer ankündigt. „Ihr wissts ja: hin und her, hin und her“, ruft sie. Der Auftakt gelingt mühelos. Später werden die Figuren anspruchsvoller.

12.000 Menschen feiern heuer mit, und auf der Tanzfläche ist es noch enger als in den Jahren zuvor. Prompt folgt von der Bühne die Anweisung, die Nicht-Tänzer doch ein bisserl nach außen zu schieben. Als die ersten Tänze beendet sind, steigt Peter Reichert von der Bühne. Viel Zeit bleibt ihm nicht. „Es macht schon Spaß, Tausenden Leuten beim Tanzen zuzuschauen“, sagt der frisch verheiratete Wiesn-Wirt. Gleich wartet schon der nächste Auftritt. Für einen Tanz mit Ehefrau Franziska Reichert sei heuer darum eher keine Zeit, sagt er.

OB Dominik Krause ist nicht dabei

Aus Politik und Gastronomie sind viele bekannte Gesichter im Biergarten der Wirtsfamilie Haberl dabei. Auch Kabarettistin Luise Kinseher feiert mit. Nur einer fehlt: OB Dominik Krause (Grüne). Sein Vorgänger Dieter Reiter (SPD) war beim Kocherlball regelmäßiger Gast. „Der Oberbürgermeister hat heute einen vollen Terminkalender“, erklärt Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne). Später müsse Krause noch das Japanfest am Teehaus im Englischen Garten eröffnen.

Katharina Mayer und Magnus Kaindl zeigen der Menge wie traditionell getanzt wird.
Katharina Mayer und Magnus Kaindl zeigen der Menge wie traditionell getanzt wird. © IMAGO/B. Lindenthaler

Fuchs selbst will dagegen später noch eine Runde mittanzen. „Aber ich gehe lieber in der Masse unter“, sagt sie in Anspielung auf ihre Tanzkünste. Gastgeber Luis Haberl nimmt das Fehlen des Oberbürgermeisters gelassen. „Wir hätten uns natürlich gefreut, aber vielleicht kommt er nächstes Jahr“, sagt der Wiesn-Wirt.

Über mangelnden Zuspruch kann er sich ohnehin nicht beklagen. „Wir merken jedes Jahr, dass es noch mehr Leute werden.“ Gerade junge Menschen würden sich wieder stärker für Traditionen begeistern.

Kocherlball begeistert auch junge Menschen

Und tatsächlich: Das Publikum ist auffallend jung. Adriana Pejcic besucht den Kocherlball zum ersten Mal. „Es ist eine super Stimmung und macht wirklich Spaß“, sagt sie. Caroline Dahnke ist bereits zum zweiten Mal dabei. Man merke, wie lebendig die Tradition noch ist, sagt sie. „Das sieht man schon daran, wie die Leute angezogen sind.“

Caroline Dahnke (l.) und Adriana Pejcic freuen sich über die schöne Stimmung auf dem Kocherlball.
Caroline Dahnke (l.) und Adriana Pejcic freuen sich über die schöne Stimmung auf dem Kocherlball. © Niclas Vaccalluzzo

Yan Rabenstein und Anneliese Schnitzler fallen heute besonders auf. Sie tragen Kleider im viktorianischen Stil. "Ich liebe diese Epoche", sagt Schnitzler.

Die Entstehung des Kocherlballs geht passenderweise auf dieses Zeitalter zurück. Ende des 19. Jahrhunderts trafen sich Köchinnen, Dienstmädchen und andere Hausangestellte in ihren wenigen freien Stunden am frühen Sonntagmorgen zum Tanzen am Chinesischen Turm, bevor sie wieder in die herrschaftlichen Haushalte zurückkehren mussten.

Tradition im Englischen Garten: "Der Kocherlball wird jedes Jahr schöner"

Schnitzler, die bis 1976 in München lebte, ist eigens von der Schwäbischen Alb angereist. Um Mitternacht kam sie in München an. "Der Kocherlball wird jedes Jahr schöner", sagt sie. Dieser eine Morgen sei so schön wie zwei Wochen Wiesn.

Anneliese Schnitzler (l.) ist frühmorgens aus der Schwäbischen Alb angereist. Yan Rabenstein hat die Nacht im Crash-Club durchgefeiert.
Anneliese Schnitzler (l.) ist frühmorgens aus der Schwäbischen Alb angereist. Yan Rabenstein hat die Nacht im Crash-Club durchgefeiert. © Niclas Vaccalluzzo

Noch am späten Vormittag wird im Englischen Garten getanzt. Selbst ein kurzer Regenschauer kann der Stimmung nichts anhaben. „Ihr brauchts nicht weglaufen“, ruft Vortänzerin Katharina Mayer ins Publikum. „Nass werdets ihr sowieso.“ Die meisten bleiben, tanzen weiter – und feiern diese Münchner Tradition, die seit Jahrzehnten Menschen zusammenbringt.

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  • Der Münchner vor 11 Stunden / Bewertung:

    wieder Kult geworden!
    Waren vor Jahren nur noch ein paar eingefleischte Fans vor Ort!

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  • doket vor 7 Stunden / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von Der Münchner

    Vor 50 Jahren vielleicht.

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