Interview

Münchner Kinderarzt: "Ich mache mir richtig Sorgen!"

Stefan Hammann ist Kinderarzt am Hasenbergl und warnt: Corona hat für die kleinen Münchnerinnen und Münchner schwere Nebeneffekte.
| Nina Job
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Stefan Hammann in seiner Praxis, seit der Pandemie sieht er deutlich dickere Kinder und verzweifelte Eltern in seinen Sprechstunden.
Stefan Hammann in seiner Praxis, seit der Pandemie sieht er deutlich dickere Kinder und verzweifelte Eltern in seinen Sprechstunden. © AZ-Archiv/Petra Schramek

München - Die Jüngsten sind erst wenige Tage alt und bleiben ihrem Kinderarzt Stefan Hammann treu, bis sie 18 Jahre alt sind. Einige, die chronisch krank oder behindert sind, dürfen auch über diese Altersgrenze hinaus noch kommen. Stefan Hammann ist einer von nur zwei niedergelassenen Kinderärzten am Hasenbergl. Der 56-Jährige hat etwa doppelt so viele Patienten (5.500) in seiner Kartei wie Kollegen in anderen Stadtvierteln.

Die Atmosphäre in der Praxis ist familiär. Viele kleinere Kinder nennen ihn "Doc" oder "Onkel". Der Arzt erfährt auch viel Privates, etwa wenn die Oma im Kosovo an Corona gestorben ist oder der Onkel im Kampf in Kurdistan. Stefan Hammann fühlt sich seinen jungen Patienten emotional verbunden. Welche Folgen das Leben im Lockdown für die Kinder und Jugendlichen hat, darüber sprach er mit der Abendzeitung.

AZ: Herr Dr. Hammann, vor einem Jahr gab's die ersten Coronafälle in München. Wie sah Ihr Alltag damals aus, wie ist er heute?
STEFAN HAMMANN: Vor einem Jahr war die Grippewelle voll im Gange. Da war ich hier teilweise bis 19 oder 20 Uhr. Bei einer Infektwelle schleusen wir 80 bis 90 Patienten am Tag durch. Jetzt ist die Infektsprechstunde leer. Das ist der äußere Rahmen.

Dank Kontaktbeschränkungen allgemein weniger Infekte

Welche Krankheiten außer der Grippe gab's 2020 im Gegensatz zu früher ebenfalls kaum?
Vor Corona hatten wir in regelmäßigen, immer wiederkehrenden Wellen die ganzen Infekte. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Nach der Wiesn ging's los mit Magen-Darm-Infekten, dann kamen langsam Schnupfen und Husten, danach die ersten Asthmatiker mit einem schweren Verlauf, dazwischen Lungenentzündungen und Enteroviren, die auch auf den Magen-Darm-Trakt gehen. Das ging immer so weiter, bis die Infekte im Sommer wieder abebben. All das haben wir im vergangenen Jahr wegen der Kontaktbeschränkungen kaum gehabt.

Mit welchen Beschwerden kommen die Patienten derzeit so?
Wir beschäftigen uns jetzt mit Warzen, eingewachsenen Nägeln oder Attesten für die Kita. Es ist wesentlich ruhiger.

Wie viele Patienten haben Sie zur Zeit?
Etwa 40 am Tag.

Spüren Sie die Folgen des Lockdowns bei Ihren jungen Patienten?
Ja, sehr. Ich habe mehr Patienten mit psychosomatischen Beschwerden. Kürzlich war eine Jugendliche da, die ich zuletzt Weihnachten gesehen hatte. Sie kam eigentlich wegen Bauchschmerzen. Es stellte sich heraus, dass sie mit massiven Ängsten kämpft und sich nicht mehr vor die Tür traut. Sie hat ihre Freunde nicht mehr getroffen, ging nicht mehr spazieren, vergrub sich in ihrem Zimmer. Jedes Kind hat seine eigene Biografie, seine Resilienz, also Kraft, dem Ganzen etwas entgegensetzen zu können. Und natürlich spielen die sozialen Ressourcen eine große Rolle: Wo kommen sie her, was ist im Elternhaus los? Man muss jedes Kind einzeln anschauen. Ich könnte noch viel erzählen.

"Ein vierjähriges Kind kennt nur ein Leben mit Corona"

Erzählen Sie.
Ich sehe viele verzweifelte Eltern und teils extrem verunsicherte Kinder oder Kinder mit Entwicklungsstörungen. Ich sehe, wie sich Entwicklungsstörungen, die früher schon da waren, extrem verschlechtern. Und dass Kinder, die auf einem guten Weg waren, Rückschritte machen, seitdem sie nicht mehr in den Kindergarten oder in die Kita gehen. Sie müssen sich das mal vorstellen: Die allerersten Erinnerungen an die Kindheit beginnen mit zweieinhalb bis drei Jahren. Das heißt zum Beispiel, dass ein heute vierjähriges Kind sein ganzes erinnerliches Leben unter Pandemiebedingungen verbracht hat. Es darf keine Kontakte haben, nicht neugierig auf andere zugehen usw.

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Sie haben auch viele Migrantenkinder in Ihrer Praxis. Wie erleben Sie die jetzt in der Pandemie?
Für sie ist es noch viel schlimmer. Sie sind dringend darauf angewiesen, Kontakte zu haben, wenn beide Eltern kein Deutsch können. Wo sollen sie jetzt Deutsch lernen? Doch je nach Kita oder Kindergarten dürfen sie nicht kommen, wenn die Mutter zu Hause ist. Das gilt nicht als Notbetreuungsbedarf. Ich sehe die Not aber bei dem Kind. Notbetreuung heißt für mich, dass man solche Kinder zulässt. Ein Vater hat mir berichtet, dass sein Kind nur für die Zeit kommen durfte, während die Mutter online ihren Sprachkurs machte. Das wurde minutengenau berechnet. Was ist da los? Dieses Kind braucht dringend deutsche Ansprache, sonst kommt es in zwei Jahren in die Schule und versteht kein Wort!

Einschulung und Unterricht auf Distanz

Machen Sie sich Sorgen um diese Generation Kinder?
Ich mache mir richtig Sorgen! Es geht ja noch weiter: Wie werden die Fünfjährigen auf die Schule vorbereitet? Wie erleben Sechsjährige ihre Einschulung? Auf Distanz! Und dann gehen sie gleich in den Onlineunterricht. Die Siebenjährigen, die gerade erst Regeln und Stillsitzen gelernt haben - damit müssen sich nun die Eltern herumschlagen. Oder wie werden die Kinder auf den Übertritt vorbereitet? Was wurde darum immer für ein Hype gemacht. Für die Fünftklässler ist alles neu: Schule, Mitschüler, Lehrer - alles auf Distanz. Wie geht das? Dann die Siebt- und Achtklässler: Von der Entwicklungspsychologie her sind sie in einem Alter, das meist mit einem Leistungs- und Motivationstief einhergeht. Sie müssten eigentlich alle bei der Stange gehalten werden. Und am schlimmsten sind vielleicht die Zehntklässler dran, sie sind mit der Schule fertig und finden keinen Ausbildungsplatz.

Tun Ihnen Ihre Patienten also leid?
Diese Kinder brauchen kein Mitleid, das haben sie nicht verdient. Ich finde, die Kinder haben ein Recht auf Betreuung. Das ist doch nichts, worum man betteln muss. Wo leben wir denn?

Stellen Sie fest, dass viele Kinder zugenommen haben?
Ich habe ein Kind vor Augen, das ist motorisch komplett ungeschickt und mit dem Gewicht aus allen Kurven raus. Weil es keine Bewegung mehr hat. Die Eltern trauen sich nicht mehr raus. Vorkurs Deutsch, Vorschule, Sportangebote, alles fällt aus. Gut, es ist noch nicht ganz klar, welche Rolle die Kinder im Pandemiegeschehen spielen. Aber ich habe noch nie gehört, dass ein Kind einen Erzieher oder Lehrer angesteckt hat. Wofür gibt es denn Hygienekonzepte? Ich kann mir nicht vorstellen, wie das gehen soll mit der Ansteckung. Dann müsste das Kind den Lehrer direkt anhusten oder mit ihm kuscheln. Man schickt eine ganze Generation Kinder in die soziale Isolation, die so dringend Sozialverhalten und Deutsch lernen müsste. Die Bewegungsfreude hatte und inzwischen nur noch vor dem Handy, Tablet oder an der Spielkonsole hängt. Aber man muss natürlich auch sagen, dass es schon Kinder gibt, die das alles gut managen

Hat Gewalt in Familien zugenommen?

Die Familien hocken aufeinander in häufig sehr kleinen Wohnungen. Stellen auch Sie fest, dass die Gewalt in Familien zugenommen hat?
Ja, ich habe mehrere Kinder notfallmäßig untersucht, die vom Jugendamt tagsüber aus ihren Familien genommen werden mussten. Das hatte ich vorher noch nie. Das ist neu.

Was muss passieren? Fordern Sie also die Öffnung von Kitas, Kindergärten und Schulen?
Ich finde, man sollte Kitas belohnen, die mehr Kinder betreuen. Je mehr Kinder, umso mehr Zuschüsse. Vorkurse Deutsch, Vorschule, Sportangebote, das muss alles wieder stattfinden! Dafür müssten Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen bevorzugt geimpft werden, wenn sie Angst haben, sich bei den Kindern anzustecken. Wobei sie aus meiner Sicht keine Angst haben müssten.

Wenn der Lockdown noch länger andauert, was bedeutet das für Kinder?
Dass viele Kinder den Anschluss verlieren werden. Das wird sehr viel soziale Nacharbeit bedeuten.

Manche sprechen schon von einer Lost Generation, einer verlorenen Generation ...
Ich glaube, die Lost Generation sind die, die mit der Schule fertig sind und keine Ausbildungsstelle bekommen. Und unsere Vorschulkinder, die noch den letzten Schliff bräuchten, um schulreif zu werden.

"Ein Kind kann 1,5 Jahre nicht wie ein Erwachsener abhaken"

Kann nach der Pandemie aufgeholt werden, was im vergangenen Jahr verlorengegangen ist?
Das hängt davon ab, wie wir das Ganze zu Ende bringen. Wenn wir zur Tagesordnung übergehen, werden wir die Leute abhängen. Wir müssen erkennen, dass wir eine Verpflichtung haben, nachzuholen, was in dieser Zeit verlorengegangen ist. Das sind entscheidende Jahre in vielen Altersstufen. Ein Erwachsener kann ein oder 1,5 Jahre abhaken. Ein Kind nicht.

Macht es Sie traurig, was Sie sehen?
Es macht mich betroffen, manchmal auch wütend, weil ich Entscheidungen der Politik nicht nachvollziehen kann. Meine generelle Forderung wäre: In den ganzen Gremien, die jetzt entscheiden, sollten mehr Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter mitentscheiden, nicht nur Virologen und Epidemiologen. Wir brauchen auch die Stimme von Leuten, die was vom Sozialen verstehen. Die Leute müssen auf ganz viel mehr schauen. Wir müssen viel mehr Leute hören, das ist Demokratie.

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