Kunst unterm Dach: Spazieren Sie zu Münchens Künstlervillen

München war Heimat vieler Künstler. Die neue AZ-Serie zeigt Ihnen Wirkstätten, zu denen Sie spazieren können.
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Das Künstlerhaus ist Anfang des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Treffpunkt.
Das Künstlerhaus ist Anfang des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Treffpunkt. © Thomas Stankiewicz

München - Schon im Barock und mehr noch im späten 19. Jahrhundert haben die pittoreske Stadt München, seit der Verschönerung durch die von Ludwig I. beauftragten Baumeister Klenze und Gärtner als "Isar-Athen" berühmt, und die 1808 gegründete Akademie der Bildenden Künste zahlreiche Maler, Bildhauer, Stuckateure, Holzschnitzer, Zeichner, Architekten und andere Talente angezogen.

Münchner Künstler konnten sich teils schöne Villen leisten

Kurfürsten und Könige, Fürstbischöfe und Äbte, Politiker und Großbürger überhäuften sie mit lukrativen Aufträgen. So konnten sich manche Wohnhäuser, ja großartige Villen leisten, wo sie oft auch ihre Werke schufen. Die meisten dienen heute, nach Beseitigung böser Kriegsschäden, als Zentren für kulturelle oder bürgerschaftliche Aktivitäten, auch als Museen. In einer kleinen Serie stellen wir einige dieser Erinnerungsstätten vor, beginnend mit dem alle repräsentierenden Künstlerhaus und nahegelegenen Häusern von Barock- und Rokoko-Genies.

Fußläufig gelegen: die vier Künstlerhäuser.
Fußläufig gelegen: die vier Künstlerhäuser. © Google, anf

Künstlerhaus, Lenbachplatz 8: Ein Treffpunkt für Münchner Künstler

Am Ende des 19. Jahrhunderts brauchten die großteils wohlhabenden Münchner Künstler einen neuen, repräsentativen Treffpunkt. Die Stadt stellte das Grundstück und einen Baukostenzuschuss. Stararchitekt Gabriel von Seidl entwarf neben dem Rondell am Karlstor, das er in Neubarock umgestaltet hatte, einen Palast mit verschnörkelten Giebeln.

Malerfürst Franz Lenbach gab eigene Werke und besorgte die Einrichtung: getäfelte, mit Gemälden behängte Wände, Kassettendecken, das Edelste an Teppichen, Möbeln. Mit einem bacchantischen Bankett wurde es am 31. März 1900 eröffnet. 2.000 eingeladene Gäste kamen bis aus London und St. Petersburg zur Einweihung des "Künstlerhauses" angereist.

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Im Künstlerhaus war das ganze Jahr Saison

Der Tusch auf den anwesenden Prinzregenten ging in eine von Richard Strauss komponierte Hymne über. Junge Frauen und Männer tanzten exotisch kostümiert um ein Goldenes Kalb. Die folgenden Künstlerfeste wurden legendär. Sie machten Münchens Künstlerhaus zum Mekka der allerbesten Gesellschaft. Prinzregent Luitpold und Angehörige deutscher Königshäuser waren Stammgäste. Auch Ägyptens König Fuad feierte mit. Es kamen auch Reichspräsident Hindenburg und Graf Zeppelin. Das ganze Jahr war Saison.

Gabriel von Seidl.
Gabriel von Seidl. © ho

Der oft mit Satire vermischte Frohsinn brachte das Haus der Künstler dann aber bei den braunen Banausen in Ungnade. 1938 veranlasste der frühere Postkartenmaler Adolf Hitler den Umbau und gleichzeitig den Abbruch der Synagoge nebenan. Am 14. Juli 1944 wurde das prächtige Bauwerk ein Opfer der Bomben. Im Keller der Ruine machten die Besatzer den Soldatenclub "The American Way" auf. Nach und nach gelang es einem gemeinnützigen Verein, genügend Geld für eine fast originalgetreue Rekonstruktion durch den verdienstvollen Erwin Schleich zu sammeln.

Künstlerhaus wurde zwei Mal neu eröffnet

Am 1. Oktober 1961 wurde das Künstlerhaus ein zweites Mal eröffnet. Seither pflegt es seine Tradition in vollem Umfang - in allen sechs Etagen sowie im restaurierten, mit Skulpturen gesäumten Innenhof. Der leidenschaftlich für das alte München engagierte Peter Grassinger und seine Frau verstanden es, das Haus ganzjährig und ohne öffentliche Zuschüsse zu bespielen.

Vor dem Lockdown führte Maja Grassinger, die jetzt die Geschäftsführung abgab, die Tradition fort. Wieder gab es wichtige Ausstellungen (zuletzt mit der Fotokunst von Gunter Sachs). Wieder wurde anspruchsvoll musiziert und diskutiert, inszeniert, diniert (in zwei Lokalen nebenan). Und natürlich soll, nach Corona, auch der künstlerisch gestaltete Fasching wieder in seiner alten Hochburg zu Hause sein.

Asamhaus, Sendlinger Strasse 34: Der raffinierte Stuckateur

Das Asamhaus in der Sendlinger Straße besticht durch seine aufwendige Fassade.
Das Asamhaus in der Sendlinger Straße besticht durch seine aufwendige Fassade. © Thomas Stankiewicz

Der Stuckateur, Bildhauer und Architekt Egid Quirin Asam schuf zusammen mit seinem sieben Jahre älteren Bruder Cosmas Damian im ganzen deutschsprachigen Raum wunderschöne Kirchen, Kapellen, Klöster und andere Bauwerke. Bei der Arbeit am Kloster Weltenburg legten die Brüder das Gelübde ab, dem Heiligen Nepomuk, der sie bei einem gefährlichen Transport auf der Donau beschützte, eine Kirche zu errichten. Die entstand 1733 in der Münchner Sendlinger Straße, wo Egid schon drei Häuser erworben hatte.

Egid Quirin Asam.
Egid Quirin Asam. © Wikimedia Commons

Cosmas Damian, der in Isarnähe ein Schlösschen besaß, malte die hellblauen Deckenfresken, die heute ebenso bestaunt werden, wie die raffinierte Lichtstrahlung über dem Hochaltar und die ganze spätbarocke Pracht aus Marmor und Stuck. Auf der Empore ließ Egid eine Tür zu seinen Privaträumen ein.

Das sogenannte Asamhaus mit dem über der Einfahrt hervorstehenden Erker hat die Nummer 34, es befindet sich links vom Portal der restaurierten Kirche. Derzeit unterhält die Erzdiözese im Haupthaus ihre Seelsorgeregion Süd und im Hinterhaus, das Asam für den Priester angebaut hat, einen Bestattungsdienst. Ein Juwelier hat hier seine Werkstatt und "Schöner Wohnen" einen Schauraum.

Haus der Bildhauer, Hackenstraße 10: Der Meister der Tabernakel

Das Haus an der Hackenstraße.
Das Haus an der Hackenstraße. © Thomas Stankiewicz

Einem Brauer hat Johann Baptist Straub 1741 das Haus in der Hackenstraße 10 abgekauft, um hier 35 Jahre lang die wichtigste Bildhauerwerkstatt Münchens zu führen. Seine Altäre, Tabernakel und Kanzeln bereichern die barocken Kirchen von Bogenhausen, Berg am Laim und in der St. Anna-Vorstadt. Die Residenz, das Cuvilliés-Theater sowie die Schlösser Nymphenburg und Schleißheim hat er unnachahmlich verziert. Seine weißen, kaum vergoldeten Putti und Heiligen finden sich in den Klöstern Ettal, Polling, Fürstenzell und Schäftlarn.

Figuren des Künstlers im Bayerischen Nationalmuseum.
Figuren des Künstlers im Bayerischen Nationalmuseum. © imago/imagebroker

Die Bankiers Nocker und Ruffini gaben ihm Aufträge. Zu den Schülern des kurfürstlichen Hofbildhauers gehörten Ignaz Günther und Roman Anton Boos. Dieser heiratete seine Tochter Maria Theresia Amalia, eines seiner 15 Kinder aus zwei Ehen. Straub und Boos lebten äußerst bescheiden. Das Haus gehört zum Ensemble der "Hundskugel", wo die angeblich älteste Gastwirtschaft Münchens zuletzt von Rudolph Moshammer geführt wurde. Heute befinden sich parterre ein österreichisches Weinrestaurant und oben Wohnungen.

Ignaz-Günther-Haus am Jakobsplatz 15 stand auf der Abrissliste

Klein und grün schmiegt sich das Haus ans Nebenhaus.
Klein und grün schmiegt sich das Haus ans Nebenhaus. © Thomas Stankiewicz

Für 3.978 Gulden und 23 Kreuzer hat Ignaz Günther das gotische Bürgerhaus zwischen Ober- und Unteranger, heute Jakobsplatz 15, im Kriegsjahr 1761 gekauft. Hinter sich hatte der 36-jährige Schreinersohn aus dem Altmühltal eine Ausbildungsreise und eine Lehrzeit beim Meister Straub. Günther wohnte hier mit seiner Frau, die das nötige Geld besaß und neun Kinder gebar. Auch seine Werkstatt hatte er hier. Wechselnd beherbergte er im Doppelhaus, dessen drei Stockwerke heute noch durch eine "Himmelsleiter" verbunden sind, obendrein seine Gesellen.

Ignaz Günther.
Ignaz Günther. © Repro: Wikimedia Commons

Die bedeutendsten Skulpturen schnitzte er für die Klosterkirchen in Rott, Weyarn und Ettal. Während er in München bewundernswerte Reliefs für die Frauenkirche und das Schleißheimer Schloss schuf. Die "Ruine" stand auf der Abrissliste, geplant war hier eine U-Bahn-Station Jakobsplatz. Nur durch eine Pressekampagne, der sich OB Hans-Jochen Vogel anschloss, könnte das Haus 1965 gerettet werden. Heute verbirgt sich hinter der fahlgrünen Fassade die Verwaltung des Stadtmuseums.

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