Immer mehr Autos auf den Straßen: Der Münchner mag's motorisiert

Die Liebe der Städter zum Auto scheint ungebrochen. Es gibt immer mehr Pkw auf den Straßen. Gefahren wird vermehrt elektrisch- oder gleich im großen SUV.
| Hüseyin Ince
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Eine 64 Kilometern lange Schlange würde entstehen, wenn man Münchens neue Autos aus dem Jahr 2019 hintereinander parkt.
Eine 64 Kilometern lange Schlange würde entstehen, wenn man Münchens neue Autos aus dem Jahr 2019 hintereinander parkt. © dpa/Stephan Jansen

München - Es war ein großes Versprechen des Oberbürgermeisters. Dieter Reiter (SPD) sagte im Januar 2019 beim Dreikönigstreffen der SPD im Hofbräukeller, als er mit voller Fahrt in den Wahlkampfmodus wechselte: "Ich will eine menschenfreundliche Stadt. Keine autofreundliche!"

Doch seit der OB im Amt bestätigt wurde, ringt die Rathauskoalition aus Grünen und SPD mit der Frage, wie sie eigentlich aussehen soll, diese menschenfreundliche Stadt. Hieße das: deutlich weniger Autos? Oder eher ein Zufahrtsverbot für private Pkw in die Innenstadt?

Der autoaffine Großstädter scheint in nächster Zeit nicht auf das Auto verzichten wollen

Und zwischendurch fand da ja noch die Internationale Autoausstellung IAA statt. Zwei Wochen lang, rechnet man Aufbau und Abbau mit, vereinnahmte die Automesse die halbe Innenstadt.

Da lohnt sich ein Blick auf die nackten Zulassungszahlen. Es zeigt sich: Der autoaffine Großstädter scheint in nächster Zeit nicht unbedingt auf dieses liebste Gerät verzichten zu wollen. Zu praktisch, zu individuell ist die Maschine auf vier Rädern offenbar.

Seit 2010 ist der Bestand an Kraftfahrzeugen kontinuierlich gestiegen, um rund zehn Prozent. Das hat auch mit jährlich Tausenden Neu-Münchnern zu tun, die sich ein Auto zulegen: 683.433 Pkw wurden 2015 innerhalb der Stadtgrenzen gezählt. Im Juli 2021 erhöhte sich diese Zahl auf 747.685. 540.000 hiervon gehören zu Privathaushalten. Der Rest ist gewerblich.

Wenn sich nun der Gedanke einstellt, dass sich bei einer Bevölkerungszahl von etwa 1,6 Millionen Münchnern ja ein überschaubares Verhältnis von etwa eins zu drei abzeichnet, gilt es etwas berücksichtigen: "Etwa die Hälfte aller Münchner Haushalte hat gar kein Auto", sagt der Münchner Vorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), Andreas Schön.

Ein Überblick zu den PKW-Neuzulassungen in München.
Ein Überblick zu den PKW-Neuzulassungen in München. © Statistisches Amt München

 

Anders gesagt, auf etwa 800.000 Münchner verteilen sich 540.000 Autos. Hinzu kommen die motorisierten Zweiräder (71.849) sowie 206.859 gewerblich genutzte Pkw.

Fabrikneue Neuzulassungszahlen steigen seit Jahren. 2015 erfasste das Statistische Amt 181.970 Pkw. 2019 stieg der Wert auf 213.422. Nur im Pandemiejahr 2020 brach die Zahl ein: 160.336. Die Zahlen 2021 deuten darauf hin, dass die Neuzulassungszahlen wieder eher Richtung 200.000 steigen.

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Eine seltsame Münchner Liebesbeziehung zeichnet sich beim Blick auf die Neuzulassungen von Sport Utility Vehicles, den SUV ab. Fachjargon: Klasse M1G. Obwohl die meisten SUV (außer kompakte Versionen) mit ihrer Größe, ihrem Gewicht sowie ihrem Spritdurst nicht unbedingt für die Stadt geeignet zu sein scheinen, ist ihre Neuzulassungszahl in zehn Jahren fast auf das Siebenfache gestiegen.

2010 wurden 3.240 neue Münchner SUV registriert. 2020 waren es 20.370. Und blickt man auf das Jahr 2019, hat sich die Zahl sogar verzehnfacht: 30.294 Neuzulassungen. Im aktuellen Jahr sieht es so aus, als ob sich dieser Wert zwischen 20.000 und 30.000 einpendelt.

Andreas Schön vom ADFC findet den Anstieg des Fahrzeugbestands frustrierend. Er wirkt fassungslos, wenn er den SUV-Trend betrachtet. "Es wird oft das Gefühl der Sicherheit vorgeschoben, die in solchen Fahrzeugen herrscht", sagt er. Doch das sei ein egoistisches Argument.

"Das eigene Sicherheitsgefühl geht dann auf Kosten der Sicherheit anderer", sagt Schön. Schließlich sei es für die Insassen von Kleinwagen, für Kinder oder für Radfahrer im Straßenverkehr deutlich gefährlicher, wenn SUV unterwegs sind. "Erwachsene kann man hinter einem Pkw gut erkennen", sagt Schön, "aber bei einem großen SUV verschwindet die Person dahinter, ganz zu schweigen von einem Kind."

Immer mehr E-Autos unter den Neuzulassungen

Ein weiterer Trend, der sich bei den Neuzulassungszahlen abzeichnet, ist der merkbar steigende Anteil elektrisch betriebener Fahrzeuge. 2015 waren es in München noch 643 E-Autos, 2020 bereits 5.009. Das sollte aber ins Verhältnis gesetzt werden mit dem marktführenden Antrieb, dem Benziner: 63.830 wurden hiervon 2020 neu zugelassen. 2019 waren es mehr als 100.000.

Auffällig ist, dass sich bei eher teureren Autos der E-Antrieb stärker durchsetzt als bei Bestsellern für die Masse. Ein Vergleich etwa zwischen Tesla und Porsche zeigt: Die rein elektrische Marke aus den USA hat enorm aufgeholt. 2020 wurden in München fast genauso viele Tesla (849) neu zugelassen wie Porsche (892). Das war 2015 anders. Da verkaufte Tesla in München 124 Fahrzeuge - und Porsche 1.129.

Ein Münchner Porsche-Fachmann, der anonym bleiben möchte, macht sich keine Sorgen. "Wir sind keine direkte Konkurrenz zu Tesla", sagt er, "schließlich haben wir erst ein elektrisches Modell, den Taycan. Und Tesla hat nur elektrische Fahrzeuge."

Der Taycan, seit 2020 auf dem Markt, habe bereits einen Münchner Marktanteil von 20 Prozent. Aktuell verkaufe sich zwar der benzinbetriebene Porsche 911 am besten. "Aber die Autos werden irgendwann alle elektrisch", sagt der Fachmann. Das sei nur eine Frage der Zeit.

Auch der ADFC-Vorstand Andreas Schön fährt hin und wieder Auto. Er bedient sich aus dem Carsharing-Pool. Dass sich kaufkräftige Münchner einen Lebenstraum erfüllen, indem sie sich ein bestimmtes Fahrzeug kaufen, kann er in Maßen nachvollziehen. "Wenn man sich ein Auto zulegt, dann wenigstens ein elektrisches", sagt Schön, "das hilft dem Klima."

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