Nur wegen Reiters Posten-Debatte starkes Ergebnis? Das sagt Dominik Krause
Es war eine Riesen-Überraschung: Bei der Wahl am Sonntag holte Bürgermeister Dominik Krause von den Grünen fast 30 Prozent. Der Amtsinhaber OB Dieter Reiter (SPD) kam auf 35,6 Prozent. In der Stichwahl am 22. März entscheidet sich, wer von den beiden Münchner Oberbürgermeister wird. Reiter? Oder doch Krause?
Krause ist 35 Jahre alt und seit Oktober 2023 Zweiter Münchner Bürgermeister. Vorher war er Chef der Grünen-Fraktion im Stadtrat. Er hat ein abgeschlossenes Physik-Studium, lebt in Giesing und ist mit seinem Partner verlobt.
Die AZ hat ihn zum Interview auf dem Bahnwärter-Thiel-Gelände getroffen und gefragt, was er anders machen würde als Reiter. Ob er sich als OB auch einen Dienstwagen mit Blaulicht zulegt?
Krause erklärt außerdem, wie er die Probleme auf dem Münchner Wohnungsmarkt lösen will und welches Angebot er für die CSU-Wähler hat.
AZ: Herr Krause, noch im Januar lag Dieter Reiter in Umfragen 25 Prozent vor Ihnen. Ohne seinen Skandal rund um den FC Bayern hätten Sie doch nie so ein Ergebnis erzielt.
DOMINIK KRAUSE: So eines wohl nicht. Aber ich bin mit dem Ergebnis aus der Briefwahl, die ja noch vor den jüngsten Entwicklungen war, auch ganz zufrieden.
Wie groß ist Ihre Sorge, dass die Wähler den FC-Bayern-Skandal bis zur Stichwahl wieder vergessen haben?
Ich will das gar nicht groß kommentieren. Ich will darüber sprechen, wie wir die Stadt weiterentwickeln.
Aber wie würden Sie es denn als OB handhaben? Würden Sie in den Aufsichtsrat von Aktiengesellschaften gehen und dafür Geld annehmen?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber falls ich als OB doch mal ein Amt außerhalb der Politik annehmen sollte, dann ohne Bezahlung.
"Wenn, dann bräuchte ich ein Blaulicht fürs Fahrrad"
Nach der Wahlparty am Sonntag sind Sie nach Hause geradelt. Haben Sie sich kurz gefragt, wie lange Sie das noch so machen? Oder ob Sie auch bald einen Fahrer und Blaulicht brauchen?
Wenn, dann bräuchte ich ein Blaulicht fürs Fahrrad oder die U-Bahn (lacht). Aber ernsthaft: Ich will das weiter so handhaben wie bisher. Jetzt ist die Aufmerksamkeit groß und es funktioniert trotzdem. Natürlich werde ich auf dem Rad und in der U-Bahn angesprochen. Aber das ist schön. Es heißt immer, die Politik muss raus aus dem Elfenbeinturm. Wo geht das besser als in der U-Bahn oder auf dem Rad?
Sie werden also weiterhin auf das Dienstauto verzichten?
Bisher klappt es auch als Zweiter Bürgermeister ganz gut, ich sehe aktuell keinen Grund das zu ändern, auch als OB.

Bei der Wahl haben vor allem die Innenstadt-Bezirke für Sie gestimmt. Wie wollen Sie den Stadtrand überzeugen, wo das Klischee der Grünen als Partei der lastenradfahrenden Besserverdiener noch verankert ist?
Unsere Themen – Wohnen, ÖPNV-Ausbau und eine bezahlbare Energieversorgung – betreffen nicht nur die Innenstadt. Ganz im Gegenteil: der ÖPNV-Ausbau zum Beispiel ist vor allem für die äußeren Stadtbezirke wichtig!
In Freiham ist der Frust groß, weil die Menschen noch lange auf die U-Bahn warten müssen.
Dass die U-Bahn nach Freiham noch nicht fertig ist, ist ein Problem. In Zukunft muss das besser geplant werden – genau darum geht es bei den aktuellen Mobilitätsdebatten.
In Ihrem Wahlprogramm versprechen Sie wieder einen großen ÖPNV-Ausbau. So wie beim letzten Mal. Allerdings wurde da lange nicht alles umgesetzt, obwohl damals das Rathaus noch keine finanziellen Schwierigkeiten hatte. Wird angesichts der leeren Kassen die Bilanz noch schlechter
Dass die Bilanz so schlecht sein soll, dem würde ich vehement widersprechen. Wir bauen die U-Bahn aus. Wir haben nach 35 Jahren Diskussion endlich den ersten Abschnitt der Tram-Westtangente eröffnet. Wir bauen die Tram "Münchener Norden" nach Neufreimann. Wir haben das Bus-Angebot ausgebaut. Die U-Bahn fährt am Wochenende die ganze Nacht. Natürlich haben auch Projekte nicht geklappt. Zum Beispiel wollten wir eine Tram durch den Englischen Garten bauen, aber da hat uns die CSU-Staatsregierung Steine in den Weg gelegt. Jetzt in der nächsten Legislatur geht es vor allem darum, die Neubaugebiete gut anzubinden.
Ist dafür noch genug Geld da?
Die wichtigsten Projekte – wie die Tram-Westtangente und die Tram Münchner Norden – sind finanziert. Inwiefern es dann weitergeht, hängt davon ab, ob es wirtschaftlich im Land wieder bergauf geht. Für mich hat der ÖPNV-Ausbau absolut Priorität, denn München wächst und wir brauchen gute Mobilitätsangebote.
"Ich werde mich im Stichwahlkampf nicht verbiegen"
Wenn Sie die Stichwahl gewinnen wollen, müssen Sie auch die CSU-Wähler überzeugen. Doch ältere Konservative scheinen Angst vor den Grünen zu haben. Im "Münchner Merkur" wurden "Berliner Verhältnisse" beschworen.
In Berlin regieren CDU und SPD, insofern kann ich die Sorge verstehen (lacht). Aber im Ernst: In München gibt es zum Glück kein so ein hartes Gegeneinander. Ich habe im Wahlkampf auch ältere CSU-Wähler getroffen, die gesagt haben, sie fänden einen jüngeren OB gut. Ich mache allen Münchnern ein Angebot. Aber ich werde mich im Stichwahlkampf auch nicht verbiegen und aus taktischen Dingen ganz neue Dinge sagen.
Was sagen Sie zu CSU-Wählern, die fürchten, dass die Grünen den letzten Geldrest für Radwege raushauen?
Die großen Investitionen, die wir vorhaben, sind für Schulen und Kitas, bezahlbares Wohnen, den ÖPNV-Ausbau. Die Radinfrastruktur macht nur einen sehr kleinen Teil der Ausgaben aus. Die letzten Radverkehrs-Projekte sind wir mit viel Augenmaß angegangen. Und: Auch CSU-Wähler fahren Fahrrad. Ich kann nur davor warnen, diese Diskussion immer so aufzuladen.
Viele hat überrascht, dass das grün-rote Bündnis wieder eine Mehrheit hat. Doch aus strategischen Gründen wäre es wohl klug, eine schwarz-grüne Koalition nicht auszuschließen, oder?
Wir werden mit allen sprechen – mit der SPD, aber auch mit der CSU. Dann werden wir sehen, wo es die größten Schnittmengen gibt.
Welchen Vorteil hätte ein grün-schwarzes Bündnis?
Darüber will ich nicht spekulieren, weil ich noch keine Gespräche geführt habe.

Die Grünen sind jetzt schon die stärkste Kraft im Rathaus, Sie regieren als Bürgermeister mit. Trotzdem kann man mit dem Radwege-Ausbau nicht zufrieden sein. Trotzdem verhängt die grüne KVR-Chefin ein Alkohol- und Chips-Verbot. Glauben Sie wirklich, mit Ihnen als OB würde die Stadt plötzlich so viel grüner oder liberaler?
Es macht auf jeden Fall einen Unterschied, wer im OB-Sessel sitzt. Das größte Thema dieser Stadt ist bezahlbares Wohnen. Ich kann nicht versprechen, dass ich als OB das Problem sofort löse. Aber ich werde mich mit Hochdruck dahinterklemmen und ab Tag eins daran arbeiten. Ich will eine Umwandlungs-Agentur, damit aus leerstehenden Büroflächen Wohnungen werden. Ich will eine Stelle gegen Leerstand und Mietwucher. Diese Stellen sollen direkt am OB-Büro angesiedelt sein. Ich will die Münchner Wohnen von Anfang an begleiten und nicht erst ein paar Jahre warten, bis Skandal auf Skandal folgt. Dieter Reiter sagt, er wird nicht aufs Wohnen angesprochen. Ich werde fast nur darauf angesprochen. Man sieht daran: Es gibt deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung, was München braucht.
Die Grünen haben ein Bürgerbegehren zum Grünflächen-Erhalt übernommen. Gleichzeitig plakatieren Sie, dass Sie 50.000 Wohnungen schaffen. Ein Versprechen werden Sie brechen müssen: den Schutz der Wiese oder die vielen Wohnungen.
Die Punkte, die ich gerade genannt habe, kann man sofort auf den Weg bringen ohne eine Grünfläche anzutasten. Grundsätzlich bringen wir Grüne aber Neubau und Naturschutz gut zusammen. Wir sind nicht zu feige, Diskussionen zu führen. Zum Beispiel wollen wir mit der SEM Neubausiedlungen im Münchner Norden und Nordosten voranbringen. Gleichzeitig haben wir beim Landschaftspark West gesagt, dass da keine Bebauung hin darf, weil der Stadtteil schon so dicht bebaut ist, dass es diese Freifläche braucht.
Das Thema Wohnungsbau wird im Planungsausschuss besprochen. Diesen leitet OB Reiter. Doch er hat wohl nur drei von 21 Sitzungen komplett geleitet. Wie werden Sie das handhaben?
An Ausschüssen nehme ich immer teil, außer ich bin krank. Das ist mir auch wichtig, denn dort wird die Politik für unsere Stadt konkret gestaltet. Aufgabe des OBs ist, mit dem Stadtrat zu arbeiten. Genauso will ich das Amt ausführen.
Wie würden Sie mit städtischen Referenten umgehen?
Die städtischen Kolleginnen und Kollegen von Referent bis zum Sachbearbeiter sind dann am meisten motiviert, wenn sie spüren: Wir wollen gemeinsam was vorantreiben. Und der Chef steht hinter uns, auch wenn etwas mal nicht klappt.
Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen und Reiter?
Der Wunsch, Dinge zu gestalten und einen neuen Aufbruch in der Stadt zu schaffen. Ich habe Lust loszulegen. Auf seinem Plakat steht "passt". Auf meinem steht: "Weil mehr geht".

Sie sind erst 35. Was dürfen junge Leute von Ihnen als OB erwarten?
Junge Menschen haben die gleichen Probleme wie andere auch. Grundsätzlich sind mir Freiräume wichtig. Und wir tun ja auch schon etwas. Der Bahnwärter Thiel ist das beste Beispiel dafür.
Hier im Bahnwärter zahlt man normale Club-Preise. Müsste die Stadt auf ihren Flächen nicht mehr darauf drängen, dass es günstiger sein muss?
Wir Grüne haben einen städtischen Club beantragt, wo es genau so sein soll.
Kommen wir von den Jungen zu den Älteren. Als Sie bei uns auf dem AZ-Sofa saßen, ist Ihnen für Senioren nicht viel eingefallen. Haben Sie nun Ideen?
Das wichtigste Thema ist Altersarmut. Wir haben die ASZ mit günstigen und zum Teil sogar kostenlosen Mittagsangeboten. Das müssen wir ausbauen. Es geht auch um eine gute Gesundheitsversorgung. Die Ausgaben für Soziales in München liegen bei über einer Milliarde Euro. Und das ist gut investiertes Geld.
Auf dem AZ-Sofa haben Sie auch gesagt, dass Sie bisher keine Zeit für eine Hochzeit hatten. Wenn Sie OB werden, wird die Feier sechs Jahre verschoben?
Ne, sechs Jahre nicht, aber die nächsten Monate wäre vermutlich auch keine Zeit.


