Interview

Historiker erklärt: Das wird aus den belasteten Straßennamen in München

Antisemiten und Kriegsverbrecher: In München gibt es 45 belastete Straßennamen. Historiker Andreas Heusler erklärt, was mit ihnen passiert.
| Christina Hertel
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Katharina von Bora war Antisemitin, trotzdem ist ihr in München noch eine Straße gewidmet - und das steht anders als etwa bei der Robert-Koch-Straße auch nicht zur Debatte.
Katharina von Bora war Antisemitin, trotzdem ist ihr in München noch eine Straße gewidmet - und das steht anders als etwa bei der Robert-Koch-Straße auch nicht zur Debatte. © picture alliance/dpa

München - Wahrscheinlich kennt inzwischen kaum jemand das Münchner Straßennetz so gut wie der Historiker Andreas Heusler. Für das Münchner Stadtarchiv arbeitet er seit fünf Jahren daran, die Straßen herauszufiltern, die die Stadt möglicherweise umbenennen muss. Erst seit kurzem ist die Liste der Namen öffentlich. Es handelt sich dabei ausschließlich um Straßen, die nach 1900 benannt wurden. Im AZ-Interview erklärt Häusler, warum diese Diskussion wichtig ist und warum selbst eine Möwenstraße nicht unbedenklich ist.

AZ: Herr Heusler, welcher Straßenname müsste besonders dringend geändert werden?
ANDREAS HEUSLER: Das Stadtarchiv hat eine Liste erstellt, auf der 45 Namen mit erhöhten Diskussionsbedarf stehen. Es gibt noch keine Priorisierung. Mit einem Gremium aus Expertinnen und Experten werden wir die Liste prüfen und dann eine Empfehlung zum Umgang mit diesem Straßennamen formulieren. Die Entscheidung über den Umgang trifft aber der Stadtrat.

Heusler: "Bei uns geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit"

Sie arbeiten seit 2016 Straßennamen auf. Warum dauert das so lange?
Wer sich schon einmal mit historischer Forschung beschäftigt hat, weiß, wie zeitaufwendig das ist. Bei uns geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Wir betrachten jeden Straßennamensgeber und -geberin in München genau. In anderen Städten dauert das genauso lange.

Hat Sie beim Durchsehen aller Münchner Straßennamen irgendetwas besonders überrascht?
Überraschend waren zum Beispiel die Möwe- und die Iltisstraße. Da denkt man ja, dass man es mit einem unverdächtigen Vogel oder Raubgreifer zu tun hat. Tatsächlich aber wurden die Straßen deshalb so benannt, um an kaiserliche Kriegsschiffe zu erinnern.

Muss man die Straßen jetzt umbenennen?
Nein, natürlich nicht. Inzwischen sind damit ja tatsächlich Tiere gemeint.

Auch von der Erich-Kästner-Straße oder dem Franz-Josef-Strauß-Ring hätten viele nicht erwartet, dass es ein Problem geben könnte.
Ich betone ausdrücklich: Eine Umbenennung dieser Straßen steht nicht zur Debatte. Sie stehen auf einer längeren Liste mit 327 Straßennamen, von denen wir sagen, es wäre vielleicht sinnvoll, eine Erläuterung in Form eines Schildes anzubringen. Aber so weit sind wir noch nicht. Jetzt diskutieren wir erst einmal mit dem Gremium aus Expertinnen und Experten die 45 Namen. Wann es da eine Entscheidung gibt, kann ich allerdings nicht sagen. Das hängt ganz vom Stadtrat ab.

An der Lüderitzstraße ist bereits ein Erklärungsschild zum Hintergrund des Namensgebers Franz Adolf Eduard Lüderitz angebracht.
An der Lüderitzstraße ist bereits ein Erklärungsschild zum Hintergrund des Namensgebers Franz Adolf Eduard Lüderitz angebracht. © privat

In Mannheim tragen Straßen keine Namen, sondern Nummern

Wer sitzt denn in diesem Expertengremium?
Neben dem Stadtarchiv zum Beispiel auch das NS-Dokumentationszentrum, das Jüdische Museum, das Stadtmuseum, die Gleichstellungsstelle für Frauen und die im Stadtrat vertretenen Fraktionen.

Warum ist es überhaupt so wichtig, wie Straßen heißen, dass sich damit so viele Menschen befassen müssen?
Natürlich könnte es München auch wie Mannheim machen. Da tragen die Innenstadt-Straßen keine Namen, sondern sind nach einem alphabetischen System durchnummeriert. Bei uns und in den meisten deutschen Städten ist das anders, da möchte man Personen für ihre Verdienste und Lebensleistung ehren, so wie zuletzt im Fall von Hans-Jochen Vogel. Grundsätzlich finde ich das richtig. Denn so kann eine Stadtgesellschaft ihre Wertmaßstäbe zum Ausdruck bringen.

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Allerdings hat doch fast jeder Dreck am Stecken. Vor ein paar Jahren wurde eine Straße nach Katharina von Bora umbenannt. Aber die Frau von Martin Luther war stramme Antisemitin. Müsste die Stadt da nicht noch besser aufpassen?
Bei der Katharina-von-Bora-Straße war ich nicht involviert. Aber natürlich muss eine Stadt jeden Straßennamen genau prüfen. In München gibt es bereits ein Qualitätsmanagement, das genau hinschaut, was die Lebensleistung ist und ob es dunkle Flecken in der Biografie gibt.

Steht bald auch der Kolumbusplatz zur Disposition?

Können Sie nachvollziehen, dass Aktivisten fordern, den Kolumbusplatz umzubenennen?
Auf unserer Liste der Straßennamen mit erhöhtem Diskussionsbedarf ist Kolumbus nicht aufgeführt. Aber ich kann den kritischen Blick auf Kolumbus verstehen. Denn Kolumbus hat Blut an den Händen. Er war ein früher Protagonist des kolonialen Gedankens, was die Ausbeutung anderer Länder zur Folge hatte.

Gibt es in zehn Jahren noch einen Kolumbusplatz in München?
Ich bin Historiker - das heißt, ich schaue zurück, nicht nach vorn.

Wenn Sie stattdessen König von München wären - was wäre der beste Umgang mit solchen Straßennamen?
Am wichtigsten ist, dass wir einen breiten stadtgesellschaftlichen und kritischen Diskurs führen. Denn dadurch lernen wir am meisten über Geschichte und können eine Methodik zum Umgang mit schwierigen historischen Themen und ihrer Repräsentation im öffentlichen Raum entwickeln.


45 belastete Straßennamen stehen zur Diskussion

Bei 45 Straßen kam das Stadtarchiv zu dem Schluss, dass erhöhter Diskussionsbedarf besteht, ob sie umbenannt werden sollten. Es deutet darauf hin, dass das Handeln dieser Personen im Widerspruch zu "humanitären und demokratischen Grundwerten" steht, heißt es in dem Kriterien-Katalog des Stadtarchivs. Zum Beispiel handelt es sich um Personen, die Rassismus und Antisemitismus propagierten, die eine herausgehobene Funktion im NS-Staat hatten oder die Militarismus und Krieg verherrlichten. Diese machen 0,7 Prozent aller Straßen in München aus.

Die Namen der betroffenen Straßen lauten:

  • Agnes-Miegel-Straße,
  • Alois-Wunder-Straße
  • Bestelmeyerstraße
  • Bonselsstraße
  • Butenandtstraße
  • Deikestraße
  • Dominikstraße
  • Elly-Ney-Weg
  • Emil-Nolde-Straße
  • Ernst-Haeckel-Straße
  • Hansjakobstraße
  • Hans-Koch-Weg
  • Hella-von-Westarp-Straße
  • Herbert-Quandt-Straße
  • Hermann-Proebst-Weg
  • Hilblestraße
  • Ina-Seidel-Bogen
  • Kabastastraße
  • Kardinal-Faulhaber-Straße
  • Kißkaltplatz
  • Kraepelinstraße
  • Langbehnstraße
  • Leutweinstraße
  • Linnenbrüggerstraße
  • Ludwig-Thoma-Straße
  • Lüderitzstraße
  • Martin-Heidegger-Straße
  • Max-von-Gruber-Straße
  • Messerschmittstraße
  • Mottlstraße
  • Nachtigallstraße
  • Nettelbeckstraße
  • Oswald-Bieber-Weg
  • Otto-Merkt-Weg
  • Pfitznerstraße
  • Richard-Wagner-Straße
  • Richard-Strauss-Straße
  • Robert-Koch-Straße
  • Rohmederstraße
  • Teuchertstraße
  • Treitschkestraße
  • Von-Erckert-Straße/-Platz
  • Von-Gravenreuth-Straße
  • Werner-Egk-Bogen
  • Wißmannstraße

Weitere 327 Namen könnten ein Schild zur Erklärung bekommen.

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