Heute ist Zeugnistag: "Wer lacht, lernt leichter"

Der Schul-Rebell: Wie unzufriedene Eltern das Kultusministerium piesacken – für einen besseren Unterricht.
| Eva von Steinburg
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Wollen den Unterricht in Bayern verändern: Thomas Becker mit seiner Frau Ricarda, Tochter Cosima und Sohn Roman.
Eva von Steinburg Wollen den Unterricht in Bayern verändern: Thomas Becker mit seiner Frau Ricarda, Tochter Cosima und Sohn Roman.

München - "Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt werden, sondern wie Leuchten entzündet". Dieser Satz sitzt. Er stammt vom Dichter Rabelais, aus dem 16. Jahrhundert – und sagt genau, was Schul-Rebell Thomas Becker heute will.

Ein prüfender Blick auf das Smartphone. Beckers Homepage unterstützen jetzt 132 Promis. Darunter: große Schauspieler wie Siegfried Rauch und coole Münchner TV-Darsteller wie Rufus Beck, Manou Lubowski oder Johanna Bittenbinder. Auch die Moderatoren Amelie Fried und Jo Hiller vom BR fordern eine andere Schule. Sie alle stehen mit ihrem Gesicht und ihrem Statement zur "Aktion gute Schule". Die Initiative des 55-jährigen Familienvaters aus Moosburg ist eher klein, hat aber Schlagkraft.

Seit vier Jahren piesackt Thomas Becker das Bayerische Kultusministerium – und zwar pausenlos. Von Minister Ludwig Spaenle (CSU) wünscht er sich drei Dinge. Erstens: Öffentliche Schulen, die sich nur am Kind orientieren. Zweitens: Lernen ohne Druck. Und drittens: Ein Schulsystem, in dem der Erfolg, nicht länger von Eltern als Hilfslehrer oder teuren Lern-Camps abhängt.

Die Kinder leiden an der Schule – die Eltern wollen das ändern

In Schwabing als Sohn eines Kunstlehrers aufgewachsen, nennt sich Becker selbst einen "klassischen Schulversager": "Unsere Lehrerin hat früher mit Büchern und Kreide nach mir geworfen", erinnert er sich: "Schule war mir total zuwider. Ich galt als schwer beschulbar und war ein bunter Hund." An der Toni-Pfülf-Hauptschule in der Lerchenau macht der "Quertreiber" seinen Quali. Heute ist er als Technischer Redakteur selbstständig, und kann Tochter und Sohn die private Montessori-Schule zahlen.

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Vor vier Jahren war das noch anders. Damals ist Becker noch kein Schul-Revoluzzer: "Schule ist halt so", denkt er, als Tochter Cosima (damals in der 7. Klasse Gymnasium) und Sohn Roman (vierte Klasse Grundschule) ihre Schule in Moosburg nur noch "zum Kotzen" finden.

Es ist seine Frau Ricarda (47), gelernte Krankenschwester, die im Februar 2012 im Schulfrust einen offenen Brief an Kultusminister Ludwig Spaenle mailt. Sie schreibt sich ihre Not als berufstätige Mutter mit zwei Kindern von der Seele. Kinder, die sie als "normal intelligent" empfindet – und die laut ihren Lehrern "gymnasiumsgeeignet" sind.

"Herr Spaenle, das jetzige System ist ungerecht"

"Herr Spaenle, das jetzige System ist ungerecht. In Familien, in denen kein Elternteil nachmittags zur Verfügung der Kinder steht (Hausaufgabenbetreuung, Lernen auf Schulaufgaben und Exen, Vokabeln abfragen, Kinder motivieren), ist an eine höhere Schullaufbahn gar nicht zu denken", schildert sie das Hauptproblem.

Vom Kultusministerium kommt monatelang keine Antwort. Da publiziert Thomas Becker, inzwischen Vorstand der Gute-Schule-Initiative, den Brief auf seinem Internet-Portal. Mit dem Aufruf, Minister Spaenle eine Erinnerungsmail zu schicken. Spaenles Posteingang wird daraufhin von 295 Mails geflutet. Ein Professor für Sonderpädagogik schreibt ihm, viele bayerische Lehrer, ein Ingenieur, ein Mediziner, auch empörte Eltern aus München.

Lesen Sie hier: Bildungs-Wirrwarr in Bayern - G8 oder G9?

Das Ergebnis: Nach fünf Monaten kommt Spaenles Antwort: "Ein nichtssagendes Schreiben aus Textkonserven – ohne inhaltlichen Bezug zum Brief meiner Frau", ärgert sich Becker. "Bis heute liegt unsere Bitte beim Kultusministerium."

Sein Teil-Erfolg: Staatssekretär Georg Eisenreich empfängt den Schul-Rebell im Ministerium, zusammen mit weiteren Münchner Schul-Kritikern. Seitdem schreibt die "Aktion gute Schule" CSU-Stimmkreisabgeordnete an. Mitglieder fahren zu Bildungsausschusssitzungen in den Landtag. Und, besonders schlau: Beckers Cousine fragt Promis als "Unterstützer" an: Petra Gerster, Sabine Christiansen, viele Moderatoren und Schauspieler machen mit. Auch bekannte Schriftsteller, wie Frank Schätzing und Politiker wie Norbert Blüm oder Gregor Gysi unterstützten die Ziele der Aktion. Becker sagt: "Unsere Promis machen Mut. Denn leider gibt es viel zu wenige Eltern, die glauben, dass man Schule überhaupt verbessern kann."

Und so sagt etwa Christoph Biemann, Ex-Moderator der "Sendung mit der Maus": "Wer lacht, lernt leichter". Er weiß, dass Spielen bedeutet, etwas mit seinem ganzen Wesen zu tun – etwas, was die Regelschule aktuell kaum ermöglicht. "Bei überfrachteten Lehrplänen ist dafür kein Raum", sagt Thomas Becker.


 

Studie belegt: Jeder zweite Viertklässler hat Stress

Die vierte Klasse löst Panik aus. In der Buchhandlung kaufen Eltern Proben-Bücher, um mit ihren Kindern üben zu können. Manche loggen sich bei "Catlux" ein, einem Online-Dienst, der Lehrern ihre Mathe- oder Deutsch-Proben abkauft und sie gegen Gebühr Familien zum Üben zur Verfügung stellt. So fühlen sie sich besser gewappnet für das bayerische "Grundschulabitur".

Heute ist ein Schicksalstag für Münchens Viertklässler. Für die Neun- und Zehnjährigen entscheidet sich nämlich, ob sich die Lernerei gelohnt hat. Die Grundschüler bekommen das Übertrittszeugnis, das bestimmt, ob sie nach dem Sommer auf die Realschule, Mittelschule oder aufs Gymnasium gehen.

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Klar gibt es Kinder, die den Druck in der 4. Klasse gut gepackt haben. Aber eine Studie der Universität Würzburg besagt: Jeder zweite Viertklässler hat mit dem Übertritt richtig Stress. Mit 49,7 Prozent weist fast die Hälfte der bayerischen Kinder eine erhöhte Stressbelastung auf. Bei 16 Prozent sei die Stressbelastung sogar so hoch, dass man von einer Gefährdung des Kindswohls nicht mehr weit entfernt sei, fand ein Forscherteam letztes Jahr heraus.

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