Hendl-Panne, Söder-Spruch und historische Momente: So war Krauses erster Wiesnstart als OB

Kurz nach halb eins, der Ministerpräsident und der Oberbürgermeister sitzen schon fast eine halbe Stunde am Tisch, holt die AZ Hilfe. Immer noch steht kein Hendl auf dem Tisch der beiden oben in der Ratsboxe des Schottenhamel-Zelts. Doch kaum ist Festwirt Christian Schottenhamel auf das Problem hingewiesen, geht es ganz schnell. Keine fünf Minuten später steht das Essen bereit.
Eine kleine Witzelei gegenüber dem OB gönnt sich Söder dann doch
"Hendl!", ruft Markus Söder der AZ zu, zwinkert und zeigt auf seinen Teller und hinüber zu Krause. "Wir beide! Keine vegane Wiesn!" Die kleine Panne mit dem verspäteten Essen für die Ehrengäste bleibt an diesem ziemlich perfekten Anstich-Mittag eine absolute Ausnahme - die Mini-Witzelei Söders gegenüber dem jungen grünen Neu-Oberbürgermeister auch.
Die beiden geben sich weiter als ein Herz und eine Seele. Ein Grüner zapft an, sei das nicht ein bisserl komisch? Da hat Söder ein paar Minuten davor schon geflötet: "Ein Grüner? Ein Mensch!", ganz so, als hätte es nicht Phasen seines politischen Wirkens gegeben, in denen Söder-Tage mehr oder weniger daraus bestanden, von früh bis spät den drohenden Kulturverfall zu beschwören, sollten diese lustfeindlichen grünen Ideologen einmal tatsächlich an die Macht kommen.

Von solcherlei Kulturkampf ist an diesem Mittag nichts mehr zu sehen, hören, spüren. Wobei: Einer kann es sich doch nicht ganz verkneifen. Die Freien Wähler von Hubert Aiwanger regieren inzwischen im Rathaus mit diesen Grünen mit, dürfen wohl auch deshalb beim Anstich nahe bei den Mächtigen sitzen, nicht mehr wie früher an einem Katzentisch ganz am Rand unter dem Dach, wo es besonders heiß wird.
Christian Ude filmt die Stimmung mit
Aiwanger hält das an diesem Mittag aber nicht davon ab, bei jeder Gelegenheit kleine Spitzen gegen Krause zu setzen. Krause müsse ja "an die Kultur des Oktoberfests herangeführt werden", sagt er zum Beispiel zur AZ. "Ich hoffe, er ist schon so weit sozialisiert, dass er sie nicht wieder als offene Drogenszene bezeichnet." Später wird er gönnerhaft erklären, Krause habe "die Schande vom letzten Jahr" mit den zwei Schlägen nun ausgeglichen.
Die Trachtendichte ist auch in diesem Jahr wieder sehr hoch in der Ratsboxe, auch wenn sich der eine oder die andere komplett verweigert, etwa Ex-Kultusminister und Neu-Stadtrat Michael Piazolo (von Aiwangers Freien Wählern!, kariertes Hemd, Jeans) oder die Grünen-Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel, die in ärmellosem grünen Pullover erschienen ist.
Nicht erschienen ist trotz Einladung Alt-OB Dieter Reiter, dafür aber sein Vorgänger der begeistert das Treiben im Zelt mit seinem Smartphone filmt und im Gespräch mit der AZ behauptet, eigentlich sei es viel schöner, nicht selbst anzapfen zu müssen und einfach nur so da zu sein. Sich der Wiesn beim Anstich zu nähern sei auf jeden Fall immer noch "ein unvergleichliches Gefühl".

Irgendwie passt zu diesem ungewöhnlich harmonischen Anstich, dass die größte Panne im Ablauf darin besteht, dass die Kutsche mit dem Oberbürgermeister viel zu früh ankommt. Festwirt Christian Schottenhamel erzählt der AZ, man habe wegen des neu eingeführten Stopps zum Gedenken an die Opfer des Oktoberfestanschlags mehr Zeit eingeplant als letztlich benötigt.
Plötzlich hat Dominik Krause viel mehr Zeit als geplant
Schon kurz nach 11, nicht eine halbe Stunde später, steigt Krause also mit seinem Verlobten aus der Kutsche. Was man mit der plötzlich gewonnenen Zeit gemacht habe? "Schnell in den Schatten", sagt Schottenhamel.
Er verrät dann auch noch, dass Krauses Voraussetzungen beim Anstich eher schwierig gewesen seien. Weil er einen extra kleinen Schlegel von seinem Vorgänger Reiter übernommen habe, den der wegen seiner Schulterprobleme genutzt habe – mit dem es für Krause aber schwieriger sei als mit einem größeren Modell.
Oben in der Ratsboxe wird dann aber wahr, was Krause in den Wochen zuvor oft gesagt hat: So richtig groß wird das Thema Anzapfen nur, wenn es schlecht läuft. Es läuft aber gut - und die Großkopferten wenden sich schnell anderen Themen zu. Offenbar auch bei Krause selbst am Tisch.
Wer bei Krause am Tisch sitzen darf
Wie in der Ratsboxe zu hören ist, ist die Einladung von Fußballer Joshua Kimmich auf eine Initiative Krauses selbst zurückzuführen, der sich mit dem Bayern-Star bei der Meisterfeier im Rathaus so gut verstanden habe. Kimmich sitzt am Tisch beim Essen neben Söder, Krause neben Söders Frau Karin, Krauses Verlobter Sebastian Müller hat sich beim Rauchen verratscht und ist noch draußen auf dem Balkon.
Mit am Tisch sitzen außerdem noch Kimmichs Frau, Herzog Franz von Bayern und sein Partner Thomas Greinwald, der sagt, sie seien mit Krause persönlich befreundet, sowie der neue Chefdirigent der Münchner Philharmoniker Lahav Shani.

Wie die Stimmung in der bunten Truppe war? "Gut!", betont Krause hinterher auf Nachfrage der AZ. "Es macht die Wiesn ja aus, dass sehr verschiedene Menschen zusammenkommen." Gesprochen habe man über "Musik, Fußball und Olympia".
An den Tischen mit vielen Grünen aber spricht man an diesem Mittag vor allem über den Stolz, dass erstmals ein grüner OB zum Schlegel greifen durfte. "Historischer Tag!", ruft etwa Landtagsfraktionschefin Katharina Schulze, schon bevor man Grüß Gott sagen konnte. Katrin Habenschaden, die als Zweite Bürgermeisterin einst nicht als größter Wiesn-Fan galt, sagt: "Ich freue mich so, ich bin einfach nur glücklich." Für diesen Moment hätten Grüne Jahrzehnte gearbeitet.
"Ich bin zu Tränen gerührt, das macht mich glücklich"
Als Krause anzapfte, war oben in der Ratsboxe tatsächlich eine Katrin Habenschaden zu beobachten gewesen, die erst euphorisch jubelte und dann sehr gerührt aussah.
Gerührt ist hinterher auch Thomas Niederbühl, der als schwuler Aktivist noch Jahre großer Repression erlebt hat, dann jahrzehntelang für die Rosa Liste im Stadtrat saß. "Ein schwuler OB mit einem Mann hier!", ruft er in den Festzeltlärm hinein. "Ich bin zu Tränen gerührt, das macht mich einfach glücklich!" Fast genauso begeistert äußern sich viele Grüne wie Claudia Roth - oder Ex-Bürgermeister Hep Monatzeder, der sagt, er habe für den Anstich extra seinen Urlaub unterbrochen.
Zum Wiesn-Start geht es aber natürlich nicht nur um Symbolik und große Politik, auch wenn viele in diesen Zeiten das Gemeinsame betonen, das die Wiesn so mustergültig mit sich bringe. Bürgermeisterin Mona Fuchs etwa schwärmt, das sei der Ort, an dem Progressive und Konservative beisammensäßen.

Bleibt die Frage, wie es für Sebastian Müller war, der als Verlobter des Oberbürgermeisters ebenfalls eine Premiere auf der großen Wiesn-Bühne feierte. Überrascht sei er eigentlich nur gewesen, dass es in der Anzapf-Box kühler sei als befürchtet, sagt er der AZ. Er finde es wichtig, mit dem OB bei solchen Terminen selbstbewusst als schwules Paar aufzutreten.
Dass das in München noch ein großes Thema wäre, dieses Gefühl habe er aber nicht. Und offenbar auch nicht bei den Leuten unten im Schottenhamel-Zelt. Oben in der Ratsboxe hingegen teilweise schon – im positiven Sinne, bei vielen, die sehr stolz sind auf ihren neuen OB und seine Wiesn-Premiere.