Gewalt gegen Polizisten in München: Immer weniger Respekt vor Uniform

Die Gewalt gegen Polizisten in München nimmt zu. Über 3.300 Beamte waren 2020 betroffen.
| Ralph Hub
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Der Münchner Polizeichef Thomas Hampel bei der Pressekonferenz am Donnerstag.
Der Münchner Polizeichef Thomas Hampel bei der Pressekonferenz am Donnerstag. © Hub

München - Die Aggression steigt immer mehr an. Polizisten werden angepöbelt, angespuckt und manchmal sogar auch angegriffen. Die Zahl der Beamten, die so eine Behandlung im Dienst bereits erlebt haben, stieg im vergangenen Jahr auf 3.322, das sind 318 Fälle mehr als noch ein Jahr zuvor. 463 Beamte wurden verletzt.

Polizeipräsident Hampel: "Angriffe sind völlig inakzeptabel"

Die Gründe für die zunehmende Aggression seien schwer zu benennen, sagt Polizeipräsident Thomas Hampel. Allgemein sei ein sinkender Respekt vor Uniformen zu beobachten. Hampel: "Angriffe auf Einsatzkräfte, die für das Gemeinwohl eintreten und für unsere Sicherheit sorgen, sind völlig inakzeptabel."

Bei manchen Leuten scheint Frust eine Rolle zu spielen, gerade in Zeiten der Corona-Pandemie, in der vieles verboten oder eingeschränkt ist. Vor allem bei Demonstrationen von Corona-Skeptikern fällt auf, dass Polizisten von Maskengegnern angepöbelt und beleidigt werden. "Manchmal werden sie sogar regelrecht angefeindet", so Hampel. In 128 Fällen wurden Beamten angespuckt oder beleidigt.

Polizei beobachtet "erlebnisorientierte Eventszene"

Besonders bei jüngeren Leuten beobachtet die Polizei eine "erlebnisorientierte Eventszene". Ihnen gehe es darum, zu provozieren. Manche stellten durch ihr Verhalten ganz bewusst staatliche Autorität und staatliche Institutionen in Frage. Oft sind es aber auch nur Schaulustige, die sich solidarisieren, sich einmischen, ohne eine Ahnung davon zu haben, warum die Polizei in einer bestimmten Situation gerade eingreift. "Das ist falsch verstandene Zivilcourage", betont Hampel.

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Auffallend ist auch, dass bei polizeilichen Maßnahmen Umstehende immer öfter aus nächster Nähe mit dem Handy filmen und dramatisch verkürzte Videos ins Netz stellen, die die Stimmung gegen die Polizei noch mehr anheizen, so Hampel.

Zuletzt wurde im Mai am Hauptbahnhof ein Polizist (21) auf dem Weg zur Arbeit von einem Passanten, einem 18-Jährigen aus der Nähe von Bad Tölz, völlig grundlos angepöbelt und angegriffen.

Beim Thema Gewalt gegen Polizisten setzt sich der Großteil der 2020 erfassten Fälle aus den Delikten Beleidigung (38,8 %, entspricht +9,6 %), des tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte (28,5 %, entspricht -6 %) und des Widerstandes gegen Polizeibeamte (22,3 %, entspricht +21,4 %) zusammen. Insgesamt wurden 463 Polizisten verletzt (2019: 488), so die am Donnerstag im Präsidium vorgestellte Statistik.

 

Die Polizei hat 1.318 Tatverdächtige ermittelt. Auffallend ist dabei: Knapp 84 Prozent der Verdächtigen sind Männer, 78,3 Prozent älter als 18 Jahre. 60 Prozent von ihnen haben die deutsche Staatsbürgerschaft und 88,8 Prozent sind polizeibekannt, etliche von ihnen bereits einschlägig wegen Gewalttaten gegen Polizeibeamte.

In vielen Fällen spielt Alkohol eine Rolle. 56 Prozent der Tatverdächtigen waren angetrunken, hatten Drogen oder Medikamente genommen.


Gewalt auch gegen Notfallhelfer

Rettungskräfte im Einsatz nach einer Schlägerei im Englischen Garten.
Rettungskräfte im Einsatz nach einer Schlägerei im Englischen Garten. © Daniel von Loeper

Wer denkt, Gewalt richtet sich lediglich gegen Polizisten, der irrt gewaltig. Immer öfter werden auch Feuerwehrleute, Sanitäter oder auch Notärzte bei ihrer Arbeit behindert, angepöbelt und manchmal sogar attackiert. Im vergangenen Jahr wurden in München laut Polizeipräsidium 62 Fälle registriert, bei denen Rettungskräfte angegriffen oder angepöbelt wurden, das entspricht einer Zunahme von 17 Prozent im Vergleich zum Jahr davor.

Pöbeleien und Verbalattacken beispielsweise auf Rettungssanitäter nähmen grundsätzlich eher zu, heißt es beim Münchner Roten Kreuz. Der allgemeine Respektverlust vor Helfern in Uniform habe auch in Corona-Zeiten nicht nachgelassen. Schließlich müsste bei Einsätzen jetzt auch nach Covid19-Bezug gefragt werden, was viele als Affront werten, sagte Sönke Lase, BRK-Rettungsdienstleiter für München bereits 2020 in Interviews. Die Palette reicht von fehlendem Verständnis für Absperrungen an Unfallstellen bis hin zu betrunkenen Patienten, die nicht mehr in der Lage sind zu erkennen, dass die Retter ihnen lediglich helfen wollen.

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